Seelische BetreuungHilfe für Notfallhelfer

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Die Einsätze an Unglücksorten sind auch für Notfallseelsorger belastend.  Die neue Arbeitsgemeinschaft „Psychosoziale Notfallversorgung“ soll unter anderem bei der Bewältung des Erlebten helfen.
Die Einsätze an Unglücksorten sind auch für Notfallseelsorger belastend.  Die neue Arbeitsgemeinschaft „Psychosoziale Notfallversorgung“ soll unter anderem bei der Bewältung des Erlebten helfen. (Foto: Norbert Försterling)

Die neue Arbeitsgemeinschaft „Psychosoziale Notfallversorgung“ im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen will Seelsorger und Kriseninterventionsteams besser vernetzen und ihnen helfen, die belastenden Einsätze bei Unfällen zu bewältigen. Vorsitzender ist Diakon Oskar Ehehalt.

Von Klaus Schieder, Bad Tölz-Wolfratshausen

Manchmal sitzt Oskar Ehehalt nur daneben und sagt nichts.  Eine stille Anwesenheit, die tröstlich sein kann, wenn jemand gerade einen nahen Angehörigen verloren hat. „Wenn Eltern etwa ihr Kind verlieren, kann das einfache Da-Sein unterstützen“, sagt der Diakon und katholische Notfallseelsorger im Dekanat Bad Tölz-Wolfratshausen. Dann seien weniger statt mehr Worte angesagt. Seit er vor drei Jahren zum Diakon geweiht wurde, steht er Menschen bei, die durch einen Verkehrsunfall, einen Brand, ein Zugunglück oder auch durch Suizid ein Familienmitglied verloren haben. „Kein Einsatz ist wie der andere“, sagt Ehehalt.

Nun bekommt er noch eine Aufgabe hinzu. Der 57-Jährige ist der Vorsitzende der neuen Arbeitsgemeinschaft „Psychosoziale Notfallversorgung“ (PSNV) im Landkreis. Der Runde gehören das Landratsamt mit dem Brand- und Katastrophenschutz, die Kreisbrandinspektion Bad Tölz-Wolfratshausen, die leitenden Notärzte des Zweckverbands für den Rettungsdienst Oberland, das Bayerische Rote Kreuz, die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), die Notfallseelsorge der katholischen und der evangelischen Kirche, die Krisenseelsorge im Schulbereich der katholischen Kirche (KiS), die Krisenseelsorge in Schulen Evangelische Kirche (NOSIS) und das „Kriseninterventions- und Bewältigungsteam Bayerische Schulpsychologen“ (KIBBS) an.

Mit derart sperrigen Begriffen stellt sich Ehehalt nicht vor, wenn er eine Todesnachricht überbringen muss. Mit einem „Grüß Gott, ich bin von der psychosozialen Notfallversorgung“ fände er kaum Gehör bei Menschen, die sich im Schock befinden. Die meisten Betroffenen seien zwar resilient und könnten mit der Ausnahmesituation umgehen, sagt Ehehalt. Dennoch: „Alle sind traumatisiert.“ Denn für sie stimme von jetzt auf gleich nichts mehr, „alles, was bis vor drei Sekunden normal war, ist plötzlich nicht mehr normal“.

Ob ein Notfallseelsorger benötigt wird oder nicht, entscheiden Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste am Unglücksort. „Sie sagen, ob es gut ist, wenn jemand zur Betreuung da wäre“, erzählt Ehehalt.  Verständigt wird er von der Integrierten Rettungsleitstelle in Weilheim übers Smartphone. Der Diakon sieht sich in der Seelsorgearbeit auch als eine Art Brücke zwischen den Angehörigen und den Einsatzkräften: „Wenn die Wohnung voll ist mit Feuerwehr und Rettungsdienst, muss erklärt werden, was gerade passiert.“ Und wenn eine Frau, die gerade Witwe wurde, den Wunsch habe, ihren verstorbenen Mann noch einmal zu sehen, bespreche er dies mit der Polizei.

Diakon Oskar Ehehalt ist der Vorsitzende der neuen Arbeitsgemeinschaft.
Diakon Oskar Ehehalt ist der Vorsitzende der neuen Arbeitsgemeinschaft. (Foto: Klaus Schieder)

Die Initiative für die neue Arbeitsgemeinschaft geht vom Freistaat aus. Der habe sie den Landratsämtern schon lange ins Stammbuch geschrieben, sagt Ehehalt. In anderen Landkreisen gibt es diese Einrichtung bereits, Bad Tölz-Wolfratshausen zieht nach. Die Aufgabe: Die „Arge“ soll die Player in der psychosozialen Notfallversorgung vernetzen, über Belastungsfolgen informieren, Einsatzkräfte und Betroffene stärken. Außerdem empfiehlt sie psychosoziale Fachkräfte „zur Koordination in belastenden Ereignissen, Katastrophen und Großschadenslagen“.

Für Ehehalt geht es darum, Erfahrungen zu teilen, einander kennenzulernen und Einsatzszenarien durchzuspielen. Wenn es etwa zu einem S-Bahn-Unfall wie vor drei Jahren in Ebenhausen komme, „wäre es gut, wenn man sich vorher kennt“. Klar ist bislang, dass die Polizei, die Feuerwehr und Rettungsdienste wie Rotes Kreuz, DLRG oder Bergwacht ihre eigenen Spezialisten haben, die sich um traumatisierte Einsatzkräfte kümmern, während die Notfallseelsorger und die Kriseninterventionsteams die Betroffenen eines Unglücks und ihre Angehörigen betreuen.

Auf sogenannte Großschadenslagen wie das S-Bahn-Unglück vor drei Jahren in Ebenhausen sollen die Kriseninterventionsteams und Notfallseelsorger noch besser vorbereitet werden.
Auf sogenannte Großschadenslagen wie das S-Bahn-Unglück vor drei Jahren in Ebenhausen sollen die Kriseninterventionsteams und Notfallseelsorger noch besser vorbereitet werden. (Foto: Feuerwehr Hohenschäftlarn)

Der Vorstand der neuen Arbeitsgemeinschaft werde erst einmal einen Leiter und auch Fachberater der psychosozialen Notfallversorgung benennen. „Damit klar ist, wer den Hut aufhat und wen das Landratsamt ansprechen kann. Denn das ist bis heute nicht geregelt“, sagt Vorsitzender Ehehalt.  Ansonsten sei geplant, eine Roadmap abzustecken und einen Terminkalender zu erstellen. 2026 soll es einen Blaulicht-Gottesdienst für sämtliche Rettungsdienste geben. Überdies soll der Kontakt zu den psychosozialen Arbeitsgemeinschaften in den Nachbarlandkreisen gestärkt werden. „Jede PSNV-Kraft wird langfristig davon profitieren, der Landkreis wird noch besser vorbereitet sein auf hoffentlich nie kommende Ereignisse.“

„Man muss dahin kommen, Gefühle zuzulassen und zu benennen“, sagt Ehehalt

In Bad Tölz-Wolfratshausen sind etwa 20 Ehrenamtliche in der Notfallbetreuung tätig. Auch Ehehalt hat als Diakon noch andere Aufgaben, unter anderem in der Gefangenen-Seelsorge. Seine Einsätze bei Unglücken belasten ihn. „Es wäre eine Lüge, wenn man sagt, das legt man so ab“, erzählt er. Deshalb gebe es auch regelmäßig eine Supervision mit den Teamkollegen. „Man muss dahin kommen, Gefühle zuzulassen und zu benennen.“ Mit einer Frau und seinen beiden Kindern spricht er darüber nicht. Was ihm hilft, ist auch sein Glaube – „zu wissen, dass Gott da sein wird“. Und er hat ein Ritual: Wenn er von einem Einsatz nach Hause kommt, zieht er seine gelbe Rettungsweste mit der Aufschrift „Notfallseelsorger“ aus und hängt sie auf einen Bügel. Mit diesen Handgriffen schließe er einen Fall ab, sagt er. So gut es geht.

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