Patienten, die eine neue Niere benötigen, müssen lange auf ein Spenderorgan warten. Acht, neun, manchmal zehn Jahre. Das ist in Deutschland die Regel. In dieser Zeit werden sie jedoch nicht gesünder. Begleiterkrankungen stellen sich ein. Eine etwa schon vorhandene Gefäßverkalkung verschlimmert sich und führt zu Herzinfarkt oder Schlaganfall. Die schlechte Entgiftung des Körpers bewirkt eine Immunschwäche, wodurch es zu Infekten kommt, die häufiger einen schweren Verlauf nehmen. Andere Nierenkranke leiden unter Muskelschwund. „Viele sterben oder sind dann so krank, dass sie von der Transplantationsliste genommen werden“, sagt Doris Gerbig, Chefärztin der Fachklinik Bad Heilbrunn.
Damit die Patienten vor und nach einer Transplantation so fit wie möglich bleiben, hat die Fachklinik zusammen mit dem Uni-Klinikum Erlangen zwei Pilotprojekte gestartet: „Fit für die Nierentransplantation“ und „Smart und fit für Nierentransplantation“. Dieses Programm wird vom bayerischen Gesundheitsministerium mit 1,6 Millionen Euro gefördert. Es sei „weltweit einmalig“, sagt Mario Schiffer, Direktor am Uni-Klinikum Erlangen und designierter Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft. Die Patienten kämen dadurch mit einem guten Gesundheitszustand in den OP-Saal und könnten auch die Wochen nach der Transplantation besser durchstehen.

Das Warten auf eine Organspende führe mitunter zu dramatischen Situationen, sagte die bayerische Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU) bei ihrem Besuch in der Fachklinik, die in diesem Jahr das 25-jährige Bestehen der Abteilung Innere Medizin – Nephrologie/Transplantationsnachsorge feiert. Gerlach erzählte von einem kleinen Jungen, der seit einem Jahr einen Koffer neben sich herziehe, weil er auf ein Spenderherz warte. Anders als manche Politiker in der CSU outete sich Gerlach als klare Befürworterin der Widerspruchslösung. Demnach gilt jeder als potenzieller Organspender, sofern er dem zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. Diese Regelung biete „die Chance, dass mehr Menschen ein lebensrettendes Spenderorgan erhalten“, sagte Gerlach.

In anderen europäischen Ländern wie Großbritannien, Frankreich, Spanien, Österreich und den Niederlanden ist diese Verfahrensweise gängig. Dort seien ethische, rechtliche und gesellschaftliche Fragen zur Widerspruchslösung längst ausführlich debattiert worden, sagte Schiffer. „Ich bin immer wieder schockiert, in welch bizarre Diskussionen wir bei uns abrutschen, wenn es um die Widerspruchslösung geht.“ Tatsache sei, dass es in Deutschland zu wenig Spenderorgane gebe. Zwar hat sich die Zahl der Spenden laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in den vergangenen Jahren leicht erhöht, liegt aber immer noch weit unter dem europäischen Durchschnitt. 2025 gab es hierzulande zwölf Organspenden pro Million Einwohner, in Spanien waren es 50.

Gut 8000 Menschen warten hierzulande derzeit auf eine Organspende, die meisten von ihnen auf eine Niere. „Wir haben zu wenig Organe“, sagt Schiffer. Umso wichtiger sei es, mit denen, über die man verfüge, verantwortungsvoll umzugehen. „Das Organ, das transplantiert wird, soll möglichst lange erhalten bleiben.“ Da kommen die zwei Pilotprojekte ins Spiel.
Sie fußen auf den Säulen Bewegung, Ernährung und einer dreiwöchigen stationären Reha in der Fachklinik vor der Transplantation. Dabei sollen körperliche Leistungsfähigkeit, Balance und Selbständigkeit verbessert, Risikofaktoren wie Gebrechlichkeit und ungünstige Körperzusammensetzung verringert werden. Das Programm umfasst Schulungen, Ernährungsberatung, psychologische Angebote, Physio- und Sporttherapie, medizinische Betreuung. Für jeden Teilnehmenden werde ein individueller Trainingsplan erstellt, sagte Gerbig.

Ob die Patienten dazu wirklich eine Begleitung brauchten oder dies nicht auch selbst, etwa über eine App, managen könnten, wollte Gesundheitsministerin Gerlach wissen. Dies verneinte Schiffer. „Jeder Mensch ist unterschiedlich stark und befindet sich auf einem unterschiedlichen Niveau“, sagte der Direktor am Uni-Klinikum Erlangen. Vor und nach der OP gebe es daher unterschiedliche Bedürfnisse. „Wichtig ist die Motivation, und da haben sie einen Kümmerer.“

Ein anderer Vorteil ist Schiffer zufolge, dass die Kosten sinken. Nach einer Transplantation muss der eine oder andere Patient doch wieder zur Dialyse. Mit dem Pilotprogramm könne diese Gefahr reduziert werden. Wie Gerbig mitteilte, hält eine Dialyse nur maximal 20 Prozent der Nierenfunktion aufrecht, nach einer erfolgreichen OP sind es 50 bis 60 Prozent. „Das ist völlig ausreichend“, sagte die Chefärztin. Und es führt dazu, dass Patienten, die im erwerbsfähigen Alter sind, wieder ins Berufsleben zurückkehren können. In der Zeit der Dialyse ist eine Vollzeitarbeit kaum noch möglich. Mit der Blutwäsche seien Nierenkranke schließlich „fast jeden zweiten Tag sechs bis sieben Stunden beschäftigt“, sagte Gerbig.

Eine Hürde muss die Fachklinik in Bad Heilbrunn, die zur M&I-Klinikgruppe Enzensberg gehört, allerdings noch nehmen. „Wir müssen zusehen, dass wir aus dem Pilot-Status herauskommen und in die Regelversorgung kommen“, sagte Etzel Walle, Hauptgeschäftsführer der Klinikgruppe. Dazu sollen Gespräche mit den Kostenträgern aufgenommen werden, sprich: der Deutschen Rentenversicherung und den Krankenkassen. „Die Zuständigkeiten sind unterschiedlich, das macht es schwer, einen richtigen Fahrplan auf den Weg zu bringen“, sagte Walle.
Gesundheitsministerin Gerlach regte an, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen, anstatt mit ihnen einzeln zu verhandeln. Es sei geplant, alle Protagonisten in der Fachklinik zusammenzubringen, berichtete Gerbig. Die Antwort der Ministerin: „Dass wir das unterstützen, ist klar.“

