bedeckt München

Neuer Bürgermeister von Bad Tölz:"Ich bin keine Superrevisionsinstanz"

Über den Dächern von Tölz: Der neue Bürgermeister Ingo Mehner ist nun seit 100 Tagen im Amt.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

100 Tage ist es her, als Bürgermeister Ingo Mehner sein Amt im Tölzer Rathaus antrat. Was in den vergangenen drei Monaten passiert ist, wie Mehner die Arbeit als neuer Bürgermeister erlebt hat und wie sich die Pandemie auf seine Agenda auswirkt, verrät er in der SZ.

Von Klaus Schieder

Seinen Einstieg als neuer Bürgermeister von Bad Tölz hatte sich Ingo Mehner (CSU) ganz anders vorgestellt. Kaum war der 42 Jahre alte Jurist und Familienvater bei der Kommunalwahl am 15.März gewählt, folgte fünf Tage später auch schon der Lockdown wegen Corona. Die Pandemie warf nicht bloß seine Vorstellungen vom Amtsantritt über den Haufen, sondern bestimmt seither auch die Lokalpolitik. An seiner Agenda will Mehner jedoch festhalten. Über seine ersten 100 Tage als Bürgermeister äußerte er sich im Gespräch mit der SZ.

SZ: Haben Sie es in den ersten 100 Tagen im Amt denn schon einmal bereut, die Bürgermeisterwahl gewonnen zu haben?

Ingo Mehner: Nein. Ganz klar: Nein.

Fünf Tage nach der Kommunalwahl am 15. März begannen die Ausgangsbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie. Wie haben Sie die ersten Tage des Lockdowns im Rathaus erlebt?

Zu diesem Zeitpunkt war ich nicht ganz im Rathaus...

... aber Sie waren schon da.

Das war gar nicht großartig anders als sonst in der Bevölkerung. Durch Corona ist die gesamte Gesellschaft schlagartig ausgebremst worden, und jeder musste sich mit einer Situation arrangieren, die er vorher nicht kannte. Im Tölzer Rathaus hat man sich sehr schnell auf die Lage eingestellt. In einem ersten Schritt ging es darum, möglichst uneingeschränkt arbeitsfähig zu bleiben. Bei den einzelnen Mitarbeitern waren die Reaktionen auf Corona so vielfältig wie in der ganzen Gesellschaft.

Hat die Corona-Krise für Sie bisher alles dominiert?

Corona ist zwar das dominante Thema, aber ich habe eine große Agenda, mit der ich in das Bürgermeisteramt gegangen bin. In den sechs Wochen bis zum Amtsantritt habe ich versucht, viele Themen davon anzureißen. Aber Corona beeinflusst momentan schon fast jedes Thema.

Ihr Vorgänger Josef Janker (CSU) konnte in den vergangenen Jahren finanziell aus dem Vollen schöpfen. Nun wird die Corona-Krise finanziell erhebliche Einbußen für die Stadt nach sich ziehen. Empfinden Sie das als deprimierend oder als Herausforderung?

Als Herausforderung. Anspruchsvoll ist nicht nur, die richtigen Schwerpunkte zu setzen, sondern klar zu kommunizieren, was in Zukunft geht und was nicht mehr geht. Und die größte Herausforderung für den Bürgermeister ist die Gesamtverantwortung für alle Bürger und alle Themen. Ich kann nicht nur einzelne Projekte vorantreiben, ich habe die Gesamtverantwortung.

Stadtkämmerer Hermann Forster hat dem neuen Stadtrat im Juli eine Liste mit zehn Projekten vorgelegt, die wegen der Corona-Folgen verschoben werden sollen. Dazu zählt zum Beispiel die Neugestaltung des Altstadtteils Gries. Besteht nicht die Gefahr, dass das Wort "aufgeschoben" unter den obwaltenden Bedingungen am Ende doch "aufgehoben" bedeutet?

Es bedeutet: aufgeschoben. Manches hat man ja noch nicht einmal aufgeschoben, es fließt lediglich vier Monate lang kein Geld dafür. Wir können viele Projekte vorantreiben, ohne dass wir neue Kosten haben. Viele fragen jetzt, warum wird dies oder das gestrichen. Wir haben nichts gestrichen. Wir geben nur vier Monate kein Geld dafür aus.

Sie hatten im Bürgermeister-Wahlkampf viele Ideen auf der Agenda stehen. Können Sie an all diesen Themen jetzt noch festhalten? Müssen Sie nicht Abstriche machen?

Ich halte an allen fest. Nur sind manche dieser Themen momentan erschwert.

Zum Beispiel?

Die Kommunikation. Ohne Corona hätte ich mehr Veranstaltungen zu einzelnen Themen gemacht, aber das funktioniert jetzt einfach nicht. Was die digitale Kommunikation betrifft, so wird die Homepage der Stadt komplett umgestaltet, das läuft schon. Deshalb habe ich die Stelle von Birte Otterbach (Pressesprecherin der Stadt, Anm.d.Red.) zu einer Stabsstelle gemacht. Sie hat für dieses Projekt auch die Hauptverantwortung. Bei der Erneuerung der Seite geht es nicht bloß ums Hübscher-Machen, sondern darum, die Kommunikation ganz neu aufzubauen. Unter anderem sollen manche Behördengänge den Bürgern dadurch künftig erspart bleiben.

Können Sie abschätzen, wie stark Bad Tölz als Tourismus-Ort durch die Corona-Pandemie getroffen wird?

Nein. Wir wissen bisher nur, wie sehr wir im März, April, Mai getroffen wurden. Da kam der Tourismus komplett zum Erliegen.

Der Trend geht heuer zum Urlaub im eigenen Land. Kann Bad Tölz davon profitieren?

Diesen Trend spüren wir und hatten im Juni - soweit es die Hygienekonzepte zulassen - sehr gute Zahlen. Wir werden aber nicht so stark profitieren, dass wir die Einbußen aus dem Frühjahr kompensieren können, was den Übernachtungstourismus angeht. In den Sommermonaten hatten wir immer eine hohe Auslastung. Aber was man auch sagen muss: Viele Arbeitsplätze in Bad Tölz sind von Tagestouristen abhängig, insbesondere im Einzelhandel. Bekleidungsgeschäfte, Metzger, Bäcker - sie alle spüren, wie viele Tagestouristen nun in die Stadt strömen. Mit sämtlichen Vor- und Nachteilen.

Die Gemeinde Kochel ächzt unter dem starken Ausflugsverkehr an den Kochelsee und den Walchensee. Hat denn Bad Tölz ähnliche Nachteile?

Bad Tölz spürt dies auch im Hinblick auf den Verkehr, sowohl innerstädtisch als auch um das Stadtgebiet herum.

Die Gastronomen dürfte diesen Tagestourismus allerdings dringend benötigen...

... auf jeden Fall. Was ich auffällig finde, ist, dass die Gastronomie momentan sehr wetterabhängig ist. Die Außengastronomie funktioniert sehr gut, aber bei schlechtem Wetter läuft drinnen deutlich weniger als sonst, was nicht nur an den wegfallenden Plätzen liegt.

Woran sonst noch?

Die Sorge wegen der Ansteckungsgefahr ist das eine. Das andere ist, dass für viele die Gemütlichkeit verloren geht. All dies zeigt, dass unsere Entscheidung, die Freischankflächen für die Gasthäuser zu erweitern, extrem wichtig war.

Sie sind Bürgermeister und sitzen im Kreistag. Sie sind in den Planungs- und Bauausschuss des Bayerischen Städte- und Gemeindetags gewählt worden. Sie sind neuer Vorsitzender des Kommunalen Dienstleistungszentrums Oberland. Muten Sie sich für den Anfang nicht ein wenig zu viel zu?

Ich habe keine 40-Stunden-Woche. Aber ich will als Bürgermeister nicht nur im eigenen Saft schmoren.

Wie lange ist Ihr Arbeitstag in der Regel?

Ich fange zwischen 7 und 8 Uhr an und mache, wenn ich keinen Abendtermin habe, zwischen 20 und 22 Uhr Schluss. Die Schreibtischarbeit ist in der Regel sechs Tage die Woche, samstags kürzer.

Bleibt Ihnen da noch Zeit für die Familie?

Die Mittagspause ist für mich extrem wichtig. Ich versuche, mittags immer daheim zu essen. Außerdem ist es für mich etwas Besonderes und anders als früher in München, nun die Möglichkeit zu haben, schnell mal zu Hause vorbeizufahren, etwa zwischen zwei Terminen. Vom Fenster meines Büros im Rathaus aus sehe ich hinunter zum Kindergarten, in den mein Sohn geht. Ich nehme jetzt stärker am Alltagsleben teil, als dies früher möglich war.

Ärgert es Sie, wenn sich ob der Terminfülle die eine oder andere Besprechung in die Länge zieht?

Ich lege großen Wert auf Pünktlichkeit und zielführende Gespräche. Soweit ich es selbst steuern kann, haben Termine ein zeitlich klar definiertes Ende. Eine große und ineffiziente Gruppe, wo am Ende kein Ergebnis herauskommt, ist mir ein Graus.

Gehen die Menschen anders auf Sie zu, seit Sie Bürgermeister sind?

Freunde und Bekannte nicht. Aber ich bin mir bewusst, was meine neue Rolle für eine Außenwirkung hat. Das zeigt sich ungewollt in der Anrede. Früher hat niemand zu mir Herr Rechtsanwalt gesagt, jetzt bin ich für viele der Herr Bürgermeister. Man sieht mich in der Funktion, nicht nur als Mensch, was ja in Ordnung ist. Manchmal ist es aber schwierig zu vermitteln, dass ich keine Superrevisionsinstanz bin. Man kann auch mit kleinen Themen zu mir kommen, aber ich bitte um Verständnis, dass ich nicht jeden Strafzettel überprüfen kann. Und noch etwas: Es ist klar, dass viel mehr Menschen mich kennen und erkennen als andersherum. Ich bitte also um Verständnis, wenn ich jemanden auf der Straße mal nicht erkenne.

Der monatelange Wahlkampf, die Kommunalwahlen, die Corona-Krise, die Einarbeitung ins neue Amt: Wann machen Sie mal Urlaub?

Noch in den Sommerferien. Zwei Wochen lang.

© SZ vom 08.08.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema