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Neue TV-Serie über Wiesn-Wirte:"Wie auf einer Zeitreise"

Oktoberfest - 1900

Einen Brauerei-Arbeiter mit Ecken und Kanten spielt Klaus Steinbacher in der Oktoberfest-Serie.

(Foto: BR/ARD Degeto/MDR/WDR/Zeitsprung)

Schauspieler Klaus Seinbacher aus Reichersbeuern äußert sich über seine Rolle in "Oktoberfest 1900", die in der ARD und auf Netflix zu sehen ist

Interview von Petra Schneider, Bad Tölz

Klaus Steinbacher ist gerade aus Split zurückgekommen. Dort hatte er Dreharbeiten zu einem neuen Kroatien-Krimi. Für den 26-jährigen Reichersbeurer, der am Tölzer Gymnasium Abitur gemacht und anschließend eine vierjährige Schauspielausbildung an der Bayerischen Theaterakademie August Everding absolviert hat, läuft es richtig gut: 2005 die erste Rolle in "Wer früher stirbt ist länger tot", dann ging es Schlag auf Schlag mit "Siska", "Das Wunder von Merching", "Der Bergdoktor", "Rosenheim-Cops", "Fluch des Falken", 2018 eine Rolle in der Sky-Neuverfilmung von "Das Boot". Am Dienstag, 15. September läuft der Sechsteiler "Oktoberfest 1900" an, eine ARD-Großproduktion mit hochkarätigem Ensemble. Steinbacher spielt eine Schlüsselrolle: den Sohn vom Deibel-Bräu, einer Kleinbrauerei, die in den Machtkampf der Münchner Bierbarone gerät.

SZ: Herr Steinbacher, mögen Sie die Wiesn?

Steinbacher: Ja, ich mag die Wiesn. Ich kenne einige Leute, die da kellnern, und bin als Schüler jedes Jahr mindestens einmal mit der BOB hingefahren. Und die letzten Jahre sowieso, weil ich inzwischen in München wohne.

In "Oktoberfest 1900" wird gesoffen, gehurt, gemetzelt und intrigiert, es geht um Macht und Geld. Eine düster-opulente Mischung, die nah an "Babylon-Berlin" ist, und weit weg von weiß-blauer Bierzeltgemütlichkeit. Wird da bewusst am Wiesn-Mythos gekratzt?

Nein, ich finde, dass die Begeisterung für die Wiesn in der Serie total rüberkommt. Es gibt aber auch die überzogen dreckigen Momente, die es braucht, um das Ganze unterhaltsam zu machen. Wir erzählen nicht dokumentarisch, wie schön es auf der Wiesn um 1900 war, sondern vom Machtkampf zwischen fiktiven Figuren. Das Oktoberfest ist dafür der perfekte Schauplatz.

Die Geschichte von Macht und Liebe könnte auch an einem anderen Ort spielen. Was ist das spezifisch Bayerische an der Serie?

Die Produktion läuft auch auf Netflix. Da war der Anspruch natürlich auch, ein internationales Publikum anzusprechen. Aber der Dialekt ist total wichtig. Das Bairische erlaubt eine gewisse Derbheit und Radikalität, ohne dass der Film dadurch gleich zu einem Heimatfilm wird. Über die unterschiedliche Sprachfärbung erscheinen die Konturen der Figuren deutlicher. Zum Beispiel der Nürnberger Brauer Curt Prank, der mit einer 6000-Mann-Bierburg die kleinen Münchner Buden verdrängt und eine andere Sprache spricht als die Hoflingers.

Die Geschichte basiert auf "wahren Begebenheiten", heißt es im Vorspann. Bereits vor der Ausstrahlung haben sich amtierende Wiesnwirte empört über das Bild geäußert, das von ihrem Berufsstand gezeichnet wird. Wie viel historische Wahrheit steckt in der Geschichte?

Tatsächlich hat der Nürnberger Wirt Georg Lang den ersten riesigen Bierpalast auf die Wiesn gestellt und das "Prosit der Gemütlichkeit" komponieren lassen, um den Bierabsatz anzukurbeln. Der Kampf der Bierbrauer um die Vormachtstellung beim Export, die Zerschlagung der kleinen Brauereien durch die großen - das sind die Fakten.

Wie sind Sie an die Rolle gekommen?

Das war tatsächlich auf dem Oktoberfest 2018. Ich hatte damals ein Festengagement an der Münchner Schauburg und wollte mich mit Kollegen auf der Wiesn treffen. Nach einer halben Mass hat mich jemand angezupft, ein netter Typ. Das war Hannu Salonen, der Regisseur, der mir von dem Projekt erzählt hat. Ich fand es großartig und wollte unbedingt dabei sein. Beim Casting in Berlin hat es dann auch geklappt.

Sie spielen die Figur des Roman Hoflinger, der sich von einem ungestümen Jungspund zum machtbewussten Bierbaron entwickelt. Was hat Sie an der Rolle gereizt?

Der Roman Hoflinger ist kein glatter, sauberer Held, sondern einer mit Ecken und Kanten, dessen Beziehung zur Familie zerrüttet ist und der erwachsen werden muss. Diese Entwicklung hat mich gereizt, außerdem finde ich die Liebesgeschichte zwischen ihm und der Prank-Tochter sehr schön.

Ihre Mutter im Film spielt Martina Gedeck, Misel Maticevic die Hauptfigur Curt Prank. Brigitte Hobmeier, Maximilian Brückner und Francis Fulton-Smith sind dabei. Wie war das, in der obersten Liga mitzuspielen?

Ich habe schon Respekt gehabt, aber den habe ich vorher eigentlich immer. Vor der Leseprobe mit Martina Gedeck war ich sehr aufgeregt, weil mir die Beziehung zwischen Mutter und Sohn im Film sehr wichtig war. Aber ich habe gleich gemerkt, dass das passt. Das Team hat sich von Anfang an super verstanden. Alle habe für das Projekt gebrannt, Regie, Kamera, Schauspieler - da war eine Energie, wie ich das noch nie erlebt habe.

Wie liefen die Dreharbeiten?

Wir haben letztes Jahr vier Monate an verschiedenen Orten gedreht: in Prag, im Münchner Rathaus, in Landshut, im Dachauer Umland. Die Wiesn wurde auf einem ehemaligen Industriegelände mitten in Prag aufgebaut. Wenn ich beim Dreh durch die Budengassen gegangen bin, habe ich mich wie auf einer Zeitreise gefühlt.

Sie wohnen in München, wie verwurzelt sind Sie noch in Reichersbeuern?

Ich komme so oft es geht heim. Meine Familie und viele Freunde sind hier, ich spiele Fußball beim SC Reichersbeuern. Ich bin sehr gespannt, was meine Leute zu der Serie sagen. Das ist mir nämlich sehr wichtig.

"Oktoberfest 1900", in der ARD-Mediathek, am 15., 16. und 23. September jeweils um 20.15 im Ersten, ab Oktober bei Netflix International

© SZ vom 14.09.2020

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