Neue SZ-Serie:Angekommen - aber wo?

Lesezeit: 5 min

Neue SZ-Serie: Das Lager Buchberg bei Gelting im Jahr 1948. Im Hintergrund sieht man das ehemalige Verwaltungsgebäude der NS - Munitionsfabrik, heute das Rathaus Geretsried.

Das Lager Buchberg bei Gelting im Jahr 1948. Im Hintergrund sieht man das ehemalige Verwaltungsgebäude der NS - Munitionsfabrik, heute das Rathaus Geretsried.

(Foto: Stadtarchiv Geretsried)

Karl Lederer, dessen Vater später Bürgermeister werden sollte, war im ersten Vertriebenen-Transport, der am 7. April 1946 im Barackenlager Buchberg landete. Von Geretsried war damals noch lange nicht die Rede.

Von Felicitas Amler, Geretsried

Nein, sagt Karl Lederer, er könne sich wirklich nicht erinnern, wie die Mutter diese Nähmaschine bei der Vertreibung mitgenommen habe. Aber dass sie, die Schneidermeisterin, das gute Stück dabei hatte - das sei ein großer Glücksfall für seine Familie gewesen. Karl Lederer ist heute 76 Jahre alt. Als er, seine Mutter und die beiden Schwestern ihre Heimatstadt Graslitz (tschechisch: Kraslice) verlassen mussten, war er erst sechs. Es sei nicht viel, was er von damals behalten habe, sagt er. In einem Lager in Graslitz habe man warten müssen, bis der Zug abfuhr. Ob er die Fragen, warum und wohin, damals gestellt habe - er wisse es nicht mehr. Ein Bild kommt ihm aber in den Sinn: "In den Waggons war das Gepäck gestapelt, und da hat man uns Kinder obendrauf gesetzt." Nach langer Fahrt gingen die Türen auf: "Und wir haben das Barackenlager gesehen. Zaun, Wachturm - es war noch richtig ein Zwangsarbeiterlager."

Erst Munitionsfabriken, dann Kriegsgefangene, und schließlich Vertriebene

Genau das war es gewesen, das Lager Buchberg, in dem am 7. April 1946 die ersten Heimatvertriebenen ankamen, die später die Stadt Geretsried aufbauten. Ein Lager aus Holzbaracken, in denen die Nazis Deportierte, vor allem Russen, unterbrachten, die in der Rüstungsindustrie arbeiten mussten. Auf dem heutigen Gelände der Stadt Geretsried, damals noch unbebauter Wolfratshauser Forst, wurden von 1938 an zwei Munitionsfabriken errichtet: im Norden die Dynamit AG (DAG), im Süden die Deutsche Sprengchemie (DSC). 720 Hektar Fläche, Hunderte Bunker, getarnt mit Erdwällen, Bäumen und Sträuchern; Arbeiterlager in Föhrenwald, Buchberg und Stein. Ein Ort mit dem Namen Geretsried existierte damals nur als kleine Ansiedlung im Süden: Nikolauskapelle, Gasthof Geiger und eine Handvoll Anwesen. Wer dagegen die Dimensionen der NS-Rüstungsproduktion erfassen will, kann sich im Geretsrieder Stadtmuseum die Karte ansehen, auf der sich vom heutigen Rathaus - dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Munitionsfabrik - bis hinunter nach Stein ein Gewimmel roter Gebäude-Symbole hinzieht.

Nach der Befreiung vom Faschismus ließ die amerikanische Militärverwaltung einen Teil der ursprünglich 35 Holzbaracken des Lagers Buchberg abbrechen. Der Rest diente zur Unterbringung von Kriegsgefangenen und festgesetzten Angehörigen des SS-Wachpersonals aus dem Konzentrationslager Dachau. Im Frühjahr 1946 wurde Buchberg geräumt, um Platz für Heimatvertriebene zu schaffen.

Neue SZ-Serie: Karl Lederer vor dem Rathaus, in dem sein Vater arbeitete.

Karl Lederer vor dem Rathaus, in dem sein Vater arbeitete.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

36 Leute in einem Raum, kaum Toiletten und Waschgelegenheiten

Unter den ersten 554 Menschen aus Graslitz, die hier ankamen, war die Familie des späteren ersten Geretsrieder Bürgermeisters Karl Lederer. Dieser - der Vater des heute 76-jährigen Karl Lederer junior - war damals allerdings noch in Kriegsgefangenschaft in Hammelburg, erst zwei Monate nach seiner Familie kam er in Buchberg an.

Liest man nach, was der Arbeitskreis Historisches Geretsried für die Nachwelt notiert hat, muss man sich das Leben im Lager ziemlich trist und erbarmungswürdig vorstellen: "In den ersten Wochen lebten bis zu 36 Personen in einem Raum. Es fehlten Toiletten, Koch- und Waschgelegenheiten ebenso wie Einkaufsmöglichkeiten und die meisten anderen Dinge des täglichen Lebens." Bei Karl Lederer werden andere Erinnerungen wach: "Uns hat das nichts ausgemacht", sagt er. "Wir waren den ganzen Tag im Freien." Einen riesigen Spielplatz hätten die Kinder gehabt: "Von Schwaigwall bis zur Tattenkofener Brücke und die ganze Isar entlang." Spielzeug habe es zwar kaum gegeben. "Aber wir hatten Sprengstoff, den haben wir auf die Schienen gelegt - das hat geknallt!" Wie sie an dieses Material aus den streng abgeriegelten stillgelegten Munitionsfabriken gekommen waren - er weiß es nicht mehr.

Neue SZ-Serie: Das einzige Foto, das Lederer junior von sich und seinem Vater besitzt, ist das seiner Hochzeit: Bürgermeister Karl Lederer senior traut seinen Sohn und Regina Lederer.

Das einzige Foto, das Lederer junior von sich und seinem Vater besitzt, ist das seiner Hochzeit: Bürgermeister Karl Lederer senior traut seinen Sohn und Regina Lederer.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Wenn er über die Baracken als Behausungen spricht, scherzt Karl Lederer: "Wir hatten Holzöfen. Aber gut war die Belüftung." - Pause. - "Die ist durch die Wände gekommen." Dort, als Kind in den Baracken habe er auch zum letzten Mal in seinem Leben Eisblumen an Fenstern gesehen. Er lacht. "Für uns als Kinder war das alles nicht schlimm. Und neidisch war uns wahrscheinlich auch keiner." Er sei unterernährt gewesen. An die Lebensmittelmarken kann er sich noch gut erinnern, mit denen man im Lebensmittelgeschäft Löw im Lager einkaufen ging. Und an das Gasthaus, das "Barackl" genannt wurde. Bruno Böhm war der Wirt - nach ihm heißt die Böhmwiese, von der in der heutigen Stadtpolitik so viel die Rede ist, weil dort eines Tages die S-Bahn fahren und ein neuer Stadtteil entstehen soll.

Mit der Schneiderei verdiente Lederers Mutter das Schulgeld fürs Gymnasium

Und dann gab es da eben noch die Nähmaschine, die irgendwie in dem auf 50 Kilo pro Person beschränkten Gepäck mitgekommen war: "Die war das wertvollste Stück überhaupt. Denn die Mutter hat uns aus allem was genäht." Und sie hatte, da sie das Schneiderhandwerk beherrschte, eine bezahlte Arbeit - als Lehrerin im Lager der jüdischen Displaced Persons in Föhrenwald. Ein großes Plus, als Karl Lederer junior ins Gymnasium nach Icking ging, wo seinerzeit noch Schuldgeld erhoben wurde: "Das Geld dafür hat die Mutter mit ihrer Schneiderei gemacht." Dass er und viele andere Vertriebenen-Kinder es damals aufs Gymnasium schafften, das rechnet Lederer seiner Lehrerin in der ersten Schule an, die im ehemaligen Gästehaus der DSC, dem heutigen Altenheim Sankt Hedwig, eingerichtet worden war. "Frau Heinze, die hat uns als Baracken-Kinder vorbereitet aufs Gymnasium." Dazu habe sie sich eigens nachmittags Zeit genommen.

Von seinem Vater habe er in all diesen Jahren nicht viel mitbekommen, sagt der Junior. Karl Lederer, gelernter Jurist, der in Graslitz als Finanzbeamter gearbeitet hatte, fand als solcher auch in Wolfratshausen Beschäftigung. Vor allem aber kümmerte er sich intensiv um die anderen Menschen im Lager. So sehr, dass er Vertreter der Heimatvertriebenen im Gemeinderat Gelting - wozu die Buchberger Baracken damals gehörten - und dessen Zweiter Bürgermeister wurde. Er war es auch, der im Jahr 1949 einen Antrag auf Bildung einer eigenständigen Gemeinde Geretsried stellte, die schließlich am 1. April 1950 beurkundet wurde ("Aus Gebietsteilen der Gemeinden Gelting, Königsdorf, Osterhofen und Ergerthausen sowie des gemeindefreien Forstbezirkes Wolfratshausen . . .").

Die Familie bezog 1950 ihr Haus an der Egerlandstraße

Am 18. Juni 1950 wurde Karl Lederer zum Bürgermeister dieser neuen Gemeinde gewählt. Und genau deswegen habe er von seinem Vater nicht viel gehabt, sagt der Sohn. "Tagsüber war er im Finanzamt, abends im Rathaus - in den ersten zehn Jahren war der Bürgermeister ja noch ehrenamtlich -, und am Wochenende war unser Wohnzimmer das Bürgermeister-Sprechzimmer." Deswegen habe er, der Sohn, wenn er später gelegentlich gefragt wurde, warum er nicht auch Bürgermeister werden wollte, immer gesagt: "Weil ich weiß, was das für ein Job ist." Er wurde Ingenieur und ist inzwischen natürlich längst in Rente.

Das Lager-Leben hatte für die Lederers wie für die anderen Vertriebenen ein Ende, als nach dem Brand einer Baracke am 3. Juli 1949 auf dem Gelände rund um die demontierten Munitionsfabriken endlich Wohnungen gebaut wurden. Die Straßen heißen nicht zufällig nach dem Egerland oder Graslitz. Familie Lederer bezog 1950 ein Häuschen an der Egerlandstraße: "Klein, aber für uns fast ein Paradies." Der früheren Heimat aber wurde zumindest in dieser Familie nicht offen nachgetrauert. "Meine Eltern haben nie viel von zu Hause gesprochen. Mein Vater hat nie irgendetwas über den Krieg erzählt und auch nicht von der Heimat. Sie waren auch beide nie mehr dort."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB