Neue Einrichtung Auszeiten von der Pflege

Ein Licht für Angehörige und Pflegebedürftige: die neue Tagespflege am Schützenweg in Bad Tölz.

(Foto: Manfred_Neubauer)

Ingrid Krafft-Otto und Birgit Gahler-Schäffler wollen Angehörige entlasten und bieten 18 Plätze in ihrer neuen Tagesbetreuung am Tölzer Schützenweg an. Die Klienten können dort spielen, basteln, kochen oder auch ausruhen.

Von Klaus Schieder

Die Zimmer, die mit beigefarbenen Sesseln möbliert sind, wirken auch in der Abenddämmerung noch hell und freundlich. Hinter den Fenstern liegt ein großer Garten mit Terrasse, der sich den Berghang hinaufzieht. Die Küche und der Aufenthaltsraum bieten viel Platz, in den Fluren sind Bilder und Skulpturen des Künstlers Marco Paulo ausgestellt. Auf rund 280 Quadratmetern Fläche ist die Tölzer Tagespflege im Erdgeschoss der neuen Wohnanlage am Schützenweg eingeweiht worden. Dort können künftig bis zu 18 pflegebedürftige Erwachsene betreut werden. "Was wir heute eröffnen dürfen, brauchen wir ganz dringend", sagte der stellvertretende Landrat Klaus Koch (Grüne) bei der Feier am Freitagabend.

Eine ähnliche Einrichtung gibt es im Landkreis lediglich in Geretsried, wo Simona Dorn seit Kurzem an der Adalbert-Stifter-Straße ebenfalls 18 Plätze anbietet. Ansonsten sind nur in Pflegeheimen noch ein paar Tagespflegeplätze zu bekommen. In Bad Tölz kümmern sich ein sechsköpfiges Team von Fachkräften und die beiden Geschäftsführerinnen Ingrid Krafft-Otto und Birgit Gahler-Schäffler um die Pflegebedürftigen. Von Montag bis Freitag können Angehörige ihre Familienmitglieder von 7. 30 Uhr an bringen oder abholen lassen, um 16.30 Uhr schließt die Einrichtung. Es ist möglich, einzelne oder mehrere Werktage zu buchen. Die Anmeldung sollte möglichst in der Woche zuvor erfolgen. "Der administrative Aufwand ist schon hoch", erklärt Ingrid Krafft-Otto, die bislang bereits einen ambulanten Pflegedienst betreibt. Die Tagespflege startet am 1. Februar.

Birgit Gahler-Schäffler und Ingrid Krafft-Otto (rechts) betreiben die neue Einrichtung.

(Foto: Manfred_Neubauer)

Klaus Koch sieht die Tagespflege als wichtige Zwischenstation

Nach einem Frühstück bekommen die Klienten ein Unterhaltungsprogramm geboten: Sie können basteln, sich mit Gesellschaftsspielen vergnügen, gemeinsam etwas kochen, im Sommer ein Beet im Garten anlegen, sich etwas vorlesen lassen. Nach dem Mittagessen besteht die Möglichkeit, in einem der Ruhezimmer auszuspannen, ehe es Kaffee und Kuchen gibt. Die Angehörigen können sich an solchen Tagen selbst einmal von der anstrengenden Pflege erholen oder etwas Wichtiges erledigen. Sie müssen nicht befürchten, dass ihnen die Kosten dafür vom Pflegegeld abgezogen werden. "Das läuft parallel und ist zusätzliches Geld", sagt Krafft-Otto. Anders ausgedrückt: Für die Tagespflege gibt es Leistungen von der Pflegekasse in der selben Höhe wie für die ambulante Pflege. Lediglich für das Essen wird ein kleiner Betrag fällig. Das sei gesetzlich so vorgeschrieben, sagt Gahler-Schäffler. Aber diese Ausgabe entstehe zu Hause ja auch.

Die neue Einrichtung am Schützenweg ist nicht bloß für Tölzer Bürger gedacht. Auch Lenggrieser, Reichersbeurer, Wackersberger oder Greilinger können ihre Angehörigen dort abgeben. Das Einzugsgebiet taxiert Gahler-Schäffler auf circa 30 Kilometer. "Wir haben auch bereits eine Anmeldung aus Holzkirchen", sagt Krafft-Otto. Aufgenommen werden alle pflegebedürftigen Erwachsenen, allerdings nicht Klienten, die an schwerer Demenz leiden und eine Tendenz zum Weglaufen haben. Wegen der offenen Räume sei man auf solche Personen "nicht ausgerichtet", sagt die Geschäftsführerin. Da die meisten Angehörigen trotz aller Belastungen im Alltag ihre Lieben nur sehr ungern jemand anderem anvertrauen, können sie erst einmal einen Probetag in der neuen Tagespflege vereinbaren. Ansonsten, sagt Krafft-Otto, sei ihr ambulanter Pflegedienst ja schon bekannt. "Die Leute vertrauen uns, sie wissen um unser Herz."

In den hellen Räumen sollen sich die Pflegebedürftigen wohlfühlen.

(Foto: Manfred_Neubauer)

Für den stellvertretenden Landrat Koch deckt die Tölzer Tagespflege einen wichtigen Bedarf ab. Im Alter, sagte er, "wollen doch alle am liebsten zu Hause bleiben und nur dann ins Heim, wenn es nicht mehr anders geht". Notwendig seien deshalb Zwischenstationen wie die neue Einrichtung am Schützenweg. Wohin die demografische Entwicklung in den kommenden zehn Jahren geht, zeigte Koch an statistischen Daten: Bis 2028 werde jeder vierte Bewohner des Landkreises älter als 65 Jahre sein. Die Zahl der mehr als 80-Jährigen werde von fünf auf 7,5 Prozent steigen. Nötig seien dann 1447 vollstationäre Pflegeplätze, fast 450 mehr als im Moment vorhanden. "Wir müssen uns auf den Weg machen, die Zahlen sind eindeutig", sagte der stellvertretende Landrat. Auch Andreas Wiedemann (FWG) bezeichnete die Tagespflege als dringend notwendig. Mit ihr werde eine Lücke geschlossen, denn "in der Kurzzeitpflege gehen uns Plätze ab", sagte der Zweite Bürgermeister von Bad Tölz.

Die Idee dazu tauchte vor zwei Jahren in einer Gesprächsrunde auf, die von Christine Bäumler, Leiterin in des Fachbereichs Senioren im Landratsamt, initiiert wurde. Bei dem Treffen in der Kreisbehörde wurde Investor Hubert Hörmann mit der Frage konfrontiert, ob er sich nicht vorstellen könne, eine Tagespflege in den neuen, teilweise als Mehrgenerationenhaus geplanten Wohnkomplex im Kurviertel einzugliedern. Von den zwei Geschäftsführerinnen ließ er sich von dem Vorhaben überzeugen. "Wir hätten es nicht gemacht, wenn die beiden Damen nicht ganz genau gewusst hätte, was sie wollten", berichtete Hörmann. Schließlich musste dafür eine eigene Baugenehmigung beantragt werden, weil die Anlage nun als "Sonderbau" firmierte. Diese Hürde habe man allerdings "ohne großen Änderungswand" genommen, sagte der Chef der Tölzer Baufirma.

Von einer "wunderschönen Alternative" sprach Pflegekritiker Claus Fussek. Mehr als 70 Prozent der alten Menschen würden daheim von Angehörigen gepflegt, wobei es jedoch drei Baustellen gebe: "Die erste ist Überlastung, die zweite ist Überlastung, und die dritte ist Überlastung." Das Projekt in Tölz sei deshalb nicht zukunftsweisend, sondern schlicht gegenwartsweisend. Bei einer genauerer Betrachtung bedürfe es nicht nur einer Tagespflege, sondern sehr vieler im Landkreis. "Wenn wir nicht Entlastungsangebote für pflegende Angehörige schaffen, dann kollabiert uns die Pflege", warnte Fussek. Seine Forderung: Auf einen Platz in der Tagespflege müsse es ebenso einen Rechtsanspruch geben wie auf den Kindergartenplatz.

Den beiden Geschäftsführerinnen und ihrem Team wünschte Fussek, dass sie so arbeiten können, wie sie es gelernt hätten. "Und dass sie nicht Angst haben müssen, dass sie es nicht finanzieren können." Vom Landkreis gebe es Fördermittel, sagte Koch: "Er versucht, seinen Teil beizutragen." An die Stadt hatte Fussek noch einen anderen Wunsch: "Sie muss Wohnungen für Pflegekräfte bauen."