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Neue Blickwinkel:Mehr als "mia san mia"

Christoph Kürzeder ist Direktor des Diözesanmuseums Freising.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Eine neue Ausstellung im Kloster Beuerberg widmet sich dem Thema "Heimat"

Zum vierten Mal öffnet das Kloster Beuerberg seine Tore zu einer Jahresausstellung. Diesmal widmet sich die Schau ausführlich dem Begriff "Heimat". Es ist ein riesiges Thema, das weiß Christoph Kürzeder, auch wenn der Untertitel "Gesucht. Geliebt. Verloren" den Blickwinkel schärfen soll.

Der Direktor des Diözesanmuseums erläutert das Konzept. Das Klosterleben als thematische "Grundmelodie" habe sich nach den ersten Ausstellungen schnell erschöpft. Jetzt gehe es darum, die Klostermauern zu verlassen, um vom Klosterdorf Beuerberg aus den Blick zu weiten. "Die Antworten darauf, warum wir die Heimat suchen, lieben und wieder verlieren, finden wir alle in Beuerberg", erklärte Kürzeder. "Die Beuerberger Geschichte funktioniert wie ein Brennglas für die aktuellen Themen der Welt."

In einem groß angelegten Rundgang mit vielen Exponaten und interaktiven Stationen beleuchtet die Schau den Begriff Heimat aus religiöser, kultureller und politischer Perspektive. Für die Salesianerinnen, die bis 2014 hier lebten, bedeutete der Eintritt ins Klausurkloster, ihre weltliche Heimat zu verneinen, für sie war das Kloster die Durchreise zur ewigen Heimat, dem Himmel. Dass für die Gläubigen Religion eine Heimat sein kann, verdichtet sich vielleicht am meisten in den aufwendigen Fronleichnamsprozessionen. Ein Hauptwerk der Ausstellung sind deshalb das Festornat und der Fronleichnamshimmel aus Kloster Zangberg mit Stoffen aus eigener Seidenraupenproduktion.

Ein Fronleichnamshimmel aus Kloster Zangberg zählt zu den imposantesten Exponaten.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Und dann ist da natürlich die weltliche Heimat in ihrer ganzen Pracht: von der Idealisierung der Landschaft im 19. Jahrhundert und dem idyllischen Landleben bis zum Heimatfilm der Fünfziger Jahre. Die "Lausbubengeschichten" von Heimatschriftsteller Ludwig Thoma wurden bekanntlich in der Gemeinde gedreht und verhalfen Beuerberg zu filmischem Ruhm. Viele Beuerberger wirkten als Statisten mit, außerdem kommen Gebäude wie das Gasthaus oder Orte wie der Dorfweiher vor. Die entsprechenden Ausschnitte sind an Filmstationen zu sehen. Unter der Überschrift "Heimat gestalten" wartet ein Gag auf die Besucher: in einer Fotobox mit Postkartenidylle können sie sich im nostalgischen Sepiaton ablichten lassen und trendy auf Instagram stellen.

Mit dem Aufkommen der Industrialisierung wurde Heimat als bedrohter Ort wahrgenommen, es gründeten sich die ersten Vereine für Heimatpflege, um zu sammeln und zu bewahren. Trachten, Sprache und Dialekt sind ebenfalls im Fokus. Neben den friedlichen Aspekten der Heimatverbundenheit zeigt die Ausstellung, die das Diözesanmuseum diesmal mit dem Bayerischen Verein für Landespflege entwickelt hat, aber auch die leidvollen Seiten. Das Leben lassen für die Heimat? Bei der Sendlinger Mordweihnacht 1705 wurden 24 junge Männer aus Beuerberg niedergemetzelt. "Es ist ein sinnloses Sterben" notierte der damalige Pfarrer ins Totenbuch. Die im 19. Jahrhundert zum heroischen Volksaufstand verklärten Geschehnisse waren in Wirklichkeit ein grausames Niedermetzeln von Zwangsverpflichteten. Und im Dritten Reich missbrauchten die Nazis den Heimatbegriff auf groteske Weise.

Dem Verlust von Heimat spürt ein weiterer Themenblock nach. Ausgestellt sind Kruzifixe, ein Amboss, Kochgeschirr, Spielzeug: alles Sachen, die die aus Ungarn vertriebenen Pusztavámer-Deutschen im Gepäck hatten, als sie im Januar 1945 in Beuerberg ankamen. Dass gegenüber dem Kloster Flüchtlinge untergebracht sind, ist eine aktuelle Facette zum Thema "Heimat verlieren".

Das Rahmenprogramm ist wie immer originell und umfangreich. Dazu gehören Führungen, Workshops, Themenspaziergänge, Gesprächsrunden und Konzerte. Heimat hat ganz viel mit Geschmackserlebnissen zu tun: Zum Beispiel gibt es einen "Thementag Knödel" unter der Leitung einer türkischstämmigen Künstlerin oder ein "Biografisches Mitbring-Büffet" zur kulinarischen Völkerverständigung. Ein Schwerpunkt liegt auf den Angeboten für Kinder, zum Beispiel mit dem Sommerferien-Planspiel "Heimatministerium".

Kunstvermittlerin Johanna Eder lädt zu Führungen ein.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Zwar hat es erst im vergangenen Jahr die große Landesausstellung "Mythos Bayern" mit teilweise ähnlichen Thematiken in Kloster Ettal gegeben. Doch davon möchte sich die Beuerberger Schau abgrenzen. "Wir untersuchen den Begriff Heimat und nicht den Begriff Mythos", erläutert die Museumspädagogin Johanna Eder den anderen Blickwinkel. "Heimat hat eine sehr vielfältige Bedeutung und wird von den Menschen gestaltet, die hier wohnen."

"Heimat. Gesucht. Geliebt. Verloren"; Eröffnung am 1. Mai um 11 Uhr, zu sehen bis 3. November. Im Gartenpavillon zeigt Gabriele von Habsburg bis 30. Juni Skulpturen unter dem Titel "Reflexionen". Geöffnet von mittwochs bis sonntags sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. Erwachsene zahlen sechs Euro, Kinder und Jugendliche sind frei. Weitere Informationen unter www.dimu-freising.de