Neubau vorgesehen:Kochel will Verstärkeramt abreißen

Trotz einer laufenden Petition auf Denkmalschutz setzt die Gemeinde die Planung fort

Von Petra Schneider, Kochel am See

Die Gemeinde Kochel führt die Planungen zum Abriss des ehemaligen Verstärkeramtes, ungeachtet einer laufenden Petition an den Bayerischen Landtag, fort. Die Kommune will in einem Neubau den Bauhof, Räume für die Jugend und für Vereine sowie Unterkünfte für Obdachlose unterbringen. Um den Abriss zu verhindern, haben der Weilheimer Architekt Heiko Folkerts und die Benedkitbeurerin Birgitt Borio Ende Juni eine Petition an den Bayerischen Landtag "zur Rettung des bedeutenden Verstärkeramts" und zur "Eintragung in die Denkmalliste des Bayerischen Landesamts für Denkmalschutz" eingereicht. Der Antrag wird von führenden deutschen und österreichischen Architektur- und Kunsthistorikern unterstützt. Das Kochler Verstärkeramt aus dem Jahr 1927 müsse als eines der "schönsten Verstärkerämter der deutschen Postbaugeschichte und wichtiger Bestandteil der bedeutenden Münchner Postbauschule dringend erhalten bleiben", heißt es in der Petition, die den Kochler Gemeinderäten vorliegt. Sie wurde in der öffentlichen Sitzung ohne Diskussion "zur Kenntnis genommen". Einstimmig wurde zudem der Bebauungsplan als Satzung beschlossen. Eine Petition an den Landtag habe "keine aufschiebende Wirkung", sagte Bürgermeister Thomas Holz (CSU). Man sei dadurch nicht gehindert, mit den Planungen fortzufahren. Zumal die Gemeinde bis dato von offizieller Seite nicht über die Petition in Kenntnis gesetzt worden sei.

Ausführlich ging Holz am Dienstag auf die Beweggründe der Gemeinde ein: Man habe den Abriss des Verstärkeramts nicht "einfach so aus Jux und Tollerei" beschlossen. Die Gemeinde habe "sehr viel für Baudenkmäler übrig"; so sei sowohl das Bahnhofsgebäude als auch das alte Schusterhaus in "vollem Bewusstsein der Denkmaleigenschaft" erworben und mit erheblichem Aufwand saniert worden. Das ehemalige Verstärkeramt sei nicht in der Denkmalliste der Gemeinde aufgeführt, das habe man im Vorfeld abgeklärt. Beim geplanten Neubau würden Nutzungen geschaffen, "die dem Wohl der Allgemeinheit in besonderer Weise dienen."

Geplant sind 16 barrierefreie Wohnungen im kommunalen Wohnungsbau, Räume für Jugendarbeit und Vereine sowie Obdachlosenunterkünfte. Ein Aufzug von der Tiefgarage soll alle Wohnungen barrierefrei erschließen. Zudem soll auf dem Gelände der Bauhof neu gebaut werden, für den die Gemeinde seit Jahren einen Standort sucht. Momentan befindet sich dieser am westlichen Ortseingang unmittelbar am Loisachkanal und ist dringend sanierungsbedürftig. Wegen des schlechten Untergrunds sei eine Sanierung oder ein Neubau am jetzigen Standort "wirtschaftlich unmöglich darstellbar", sagte Holz. Vor diesem Hintergrund hat die Gemeinde im Jahr 2013 den westlichen Teil des ehemaligen Verstärkeramts von der Telekom gekauft; im Dezember 2015 sei ein genehmigter Vorbescheid des Landratsamts für den "Neubau eines gemeindlichen Bauhofs, Teilabbruch des ehemaligen Verstärkeramtes und Anbau einer Halle" eingegangen. Im vorigen Jahr konnte die Gemeinde auch den östlichen Teil erwerben, sodass nun eine insgesamt 5000 Quadratmeter große Fläche zur Verfügung steht. Weil auch in Kochel die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum steige und kaum barrierefreie Wohnungen verfügbar seien, habe sich die Verwaltung über das Kommunale Wohnraumförderprogramm beraten lassen. Die Regierung von Oberbayern habe empfohlen, das komplette Gebäude an der Bahnhofstraße 34 abzureißen, um mehr Wohnungen schaffen zu können, sagte Holz. Bereits im August 2017 sei die Zustimmung zum vorzeitigen Beginn der Maßnahme eingegangen.

Das ehemalige Verstärkeramt ist laut Holz in seiner ursprünglichen Form nicht mehr erhalten: Es sei als Vierseithof gebaut worden, die westseitige Abschlusswand mit Toranlage "wurde nach unserem Kenntnisstand bereits Ende der 1960er Jahre abgebrochen" - wohl wegen der größer werdenden Postbusse, die im Hof abgestellt wurden, wie Holz sagte. Der südliche und westliche ebenerdige Baukörper sei im Jahr 1992 abgerissen und durch einen Neubau (Bahnhofstraße 34a) ersetzt worden. "Was jetzt also noch vom ehemaligen Verstärkeramt erhalten ist, ist lediglich ein Fragment", sagte der Bürgermeister.

Zahlreiche Umbauten am und im Gebäude Bahnhofstraße 34 hätten dazu geführt, dass auch dort der Ursprungscharakter nicht mehr vorhanden sei.

© SZ vom 27.07.2018
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