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Naturschutz in Bad Tölz:"Ein trauriger Anblick"

Linsensägbach Bad Tölz kaum noch Wasser Zerstörung des Wehrs

Der Linsensägbach in Bad Tölz führt kaum noch Wasser. Der Grund dafür ist die Zerstörung des Wehrs an der Großen Gaißach im Sommer.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Weil das Wehr an der Gaißach bei einem Starkregen zerstört wurde, ist der Linsensägbach in Tölz ausgetrocknet. Das Gewässer ist Heimat für seltene Fische, Amphibien und Biber. Das Wasserwirtschaftsamt sucht eine Lösung

Von Klaus Schieder

Der Linsensägbach in Bad Tölz bietet einen tristen Anblick. Seit dem Sommer führte er immer weniger Wasser, mittlerweile ist sein Bett fast trocken. Normalerweise plätschert das Gewässer idyllisch durch die Kurstadt, vom Moraltpark durch die Kohlstatt-Siedlung und weiter bis zur Isar. Frösche und Molche tummeln sich darin, Flussregenpfeifer und Ringelnattern leben an seinen Ufern, Libellen schwirren darüber. Außerdem war der Bach so sauber, dass sogar die seltenen Koppen in ihm schwammen, ein Grundfisch, der sich mit gespreizten Flossen meist über den Boden bewegt. "Sie sind alle verendet", sagt Stadtrat Karsten Bauer (CSU). "Auf dem trockenen Bachbett konnte man sie noch zappeln sehen." Der Grund für den ausgetrockneten Linsensägbach ist das Wehr an der Großen Gaißach, dass durch den Starkregen im August zerstört wurde.

Damals war die Große Gaißach zu einem Sturzbach angeschwollen. Mit der Folge, dass sich Treibholz am Wehr sammelte und das ganze Wasser aufstaute. Eine Firma aus Reichersbeuern habe deshalb "das Wehr einschlagen müssen, damit die Gaißach abfließen konnte", erzählt Bauer. Ohne dieses Bauwerk war allerdings die Ableitung in den Linsensägbach nicht mehr möglich, weil der Staueffekt fehlte. Und der Abfluss in den Bach sei "etwas höher als die Gaißach", so Bauer. Nach oben kann das Wasser aber nun mal nicht fließen.

Der Status quo soll nicht so bleiben. Dies verspricht das Wasserwirtschaftsamt Weilheim, das schon seit Jahren den Hochwasserschutz für die Große Gaißach nahe der Siedlung an der Blombergstraße im Süden von Bad Tölz plant. "Die Ableitung in den Linsensägbach wird auf jeden Fall wieder kommen", sagt Andrea Vogg, Projektleiterin im Fachbereich Wasserbau. Denkbar wäre unter anderem eine Rohrleitung von der Großen Gaißach in den Bach. Unklar ist jedoch, wie viel Wasser dann abfließen soll. Über die Menge verhandle das Wasserwirtschaftsamt mit der Stadt Bad Tölz, dem Bund Naturschutz und dem Fischereiverband, berichtet Vogg. "Wir suchen die optimale Lösung, denn sowohl die Gaißach als auch der Linsensägbach haben lange Phasen, in der sie wenig sehr wenig Wasser führen - wir müssen also schauen, wem man was gibt."

Die Gespräche könnten die Planungen für den Hochwasserschutz noch weiter verzögern. Die sehen vor allem einen großen Deich vor, der mit nur einem halben Meter östlich der Umspannstation beginnen, sich daran vorbei und hinunter zum alten Bolzplatz ziehen und dort auf 1,50 Meter Höhe wachsen soll. Dahinter soll der Erdwall nach Süden bis nahe an die Bundesstraße 13 führen, wo er eine Höhe von 2,50 Metern erreicht. Statt des Wehrs plant das Wasserwirtschaftsamt eine tiefe Natursteinrampe. Auch unter der kleinen Brücke an der Bundesstraße muss mehr Platz geschaffen werden, weshalb die Behörde das Fundament untergraben und neu gestalten will. Damit soll unter der Brücke bis zu einem Meter mehr Höhe fürs Wasser sein. Den Deich sollen Landwirte über Rampen befahren können.

"Der Hochwasserschutz hat Priorität", sagt Projektleiterin Vogg. Für den Linsensägbach will sie dieses Jahr noch einen Fahrplan vorlegen. Auch für den Gaißacher Bürgermeister Stefan Fadinger (CSU) hat der Schutz vor Überschwemmungen Vorrang. Was die Ableitung aus der Großen Gaißach angeht, könne er nicht sagen, wie viel Wasser wie und wo umgeleitet werde, teilt er mit.

Für Bauer stehen die Maßnahmen zum Hochwasserschutz ebenfalls an oberster Stelle. Allerdings bekam er nach eigenem Bekunden jede Menge Reaktionen über Facebook, auf Instagram und per E-Mail, nachdem er ein Foto des ausgetrockneten Bachs gepostet hatte. Der Tenor: "Es wäre so traurig, wenn der Linsensägbach nicht mehr fließen würde." Sein Wasserlauf wurde um 1900 herum von der Firma Moralt künstlich angelegt. Sie brauchte den Bach zum Feuerlöschen und zum Kühlen ihrer Maschinen. Längst gehört er jedoch zum Stadtbild von Bad Tölz. Und er ist Heimat für selten gewordene Tiere. Im Frühjahr waren ein paar Uferbäume nahe der Einmündung in die Isar stark angenagt: Ein Biber war dort an der Arbeit. War? "Ist er immer noch", sagt Bauer. "Ich habe neue Spuren gesehen."

© SZ vom 18.11.2020

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