Als der Hagelsturm vorüber war, hatte er nicht nur im Kloster und den meisten Häusern in Benediktbeuern gravierende Schäden hinterlassen. Schwer getroffen hatte das Unwetter vom 26. August vorigen Jahres auch Flora und Fauna ringsum. Das Naturlehrgebiet mit seinen Biotopen, Beobachtungsstationen und Lehrpfaden „sah aus wie ein Kriegsgebiet“, erinnert sich Benedikt Hartmann, Leiter des Zentrums für Umwelt und Kultur (ZUK). Tote Tiere lagen umher, Sträucher waren umgehauen, Info-Schilder voller Dellen, einzelne Elemente wie Holzpfade kaputt. Fast alles ist inzwischen wieder hergerichtet. „Die Natur hat sich weitgehend erholt, was uns möglich war, haben wir wieder aufgebaut“, sagt Hartmann.
Das Naturlehrgebiet, das seit mehr als 30 Jahren besteht, verknüpft Tourismus, Bildung, Naturschutz und Landwirtschaft. „Diese vier Player so abzustimmen, dass es funktioniert, ist kompliziert“, sagt Hartmann. Manchmal sei der Ansturm der Gäste am Wochenende „karawanenmäßig“. Die Allee, die zum Lehrgebiet führt, ist auch der Weg der Bauern zu ihren Wiesen, da wird es dann schon mal eng. Und sie ist ebenso „die Autobahn der Fledermäuse“, wie Salesianer-Pater Karl Geißinger sagt. Aus Sicht des Naturschutzes ist es überdies unersprießlich, wenn der ein oder andere Tourist seinen Müll zurücklässt oder abseits der Pfade einfach querfeldein läuft. Trotz alledem läuft die Abstimmung normalerweise ohne große Konflikte. „Wir haben kleine Spots, wo die Natur erlebbar ist, und geschützte Bereiche, wo kein Tourismus ist“, sagt der ZUK-Leiter.
„Das ist eigentlich ein Naturerlebnisgebiet“, sagt Pater Karl Geißinger
Für Pater Geißinger klingt der Begriff Naturlehrgebiet zu sehr nach Schulunterricht. „Das ist eigentlich ein Naturerlebnisgebiet“, sagt der Gründer und ehemalige Rektor des Zentrums für Umwelt und Kultur. Ziel sei es, die Schönheit der Landschaft erlebbar zu machen. Für Kinder. Für Schüler. Für Studenten. Für die Chefs und Angestellten von Unternehmen. Für Bildungsträger. Für Multiplikatoren. Für Familien. Kurzum: für jeden. Angefangen hatte alles dem Aushub einer Mulde und dem Anlegen eines Teichs, unweit des heutigen Energiepavillons. Das erste Angebot war denn auch eine Tümpelsafari. Seither ist viel hinzugekommen: ein Heckenpfad, ein Schmetterlingspfad, ein Klangpfad, ein Moorpfad, ein Barfußpfad, eine Vogelstation …

Naturschutz, sagt Pater Geißinger, verstehe man „nicht so, dass man überall Verbotsschilder aufstellt“. Zwar gibt es Bereiche, die niemand betreten darf, um wertvolle Tier- und Pflanzenarten zu schützen. Das Lehrgebiet bietet aber ausgewählte Flächen, wo der Besucher gerade auch „Seltenes, Kostbares“ zu sehen bekommt, wie Geißinger erklärt. Deshalb habe man Wege angelegt, die sensible Naturbereiche tangierten. Und so führt er über einen Holzsteg zu einem Moorgewässer und zeigt auf die Seekanne, eine seltene Wasserpflanze. Vermutlich hätten Vögel den Samen für sie hergebracht, sagt Geißinger. Niemand hat die Seekanne angefasst. „Tausende laufen über diesen Steg, ohne etwas zu beschädigen.“
„Verschiedenste Lebensräume auf kleinstem Raum.“
Vor allem an Wochenenden ist das Naturlehrgebiet oftmals stark frequentiert. Aus München reisten Familien mit der Bahn an, um ihre Kinder die Natur erleben zu lassen, während sich die Eltern auch mal zurücklehnen könnten, so Pater Geißinger. Schulklassen und Kindergärten aus Benediktbeuern und der Umgebung bekommen, etwa in der Draußenschule, die Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt vermittelt. „Das Gute ist, dass es hier die verschiedensten Lebensräume auf kleinstem Raum gibt“, sagt Doris Linke, Bereichsleiterin Bildung im ZUK. Die Kinder und Jugendlichen lernten die Schönheit und den Wert der Natur kennen, bauten eine Beziehung zu ihr auf und sähen, „was sie mit ihr verlieren würden“. Hartmann drückt dies so aus: „Durch Begeisterung schütze ich, nicht durch ,Ich muss‘ oder ,Ich soll‘.“

Für den Tourismus in Benediktbeuern ist das Lehrgebiet eine Hauptattraktion. Das steht für Sabine Rauscher außer Zweifel. „Den Gästen die Natur auf diese Art und Weise näherzubringen, ist ein absoluter Glücksfall“, sagt die Leiterin der Tourist-Information. Auch die Veranstaltungsreihe „Natursommer im Loisachtal“, die heuer außerordentlich gut laufe, sei ohne die Lehrpfade, Biotope und Stationen „so nicht durchführbar“.
Mit inzwischen unverhohlenem Ärger regiert man im ZUK und in der Gemeinde Benediktbeuern daher auf die Probleme der Kochelseebahn. Erst 2023 hatte die Deutsche Bahn die hundert Jahre alte Oberleitung ausgetauscht, dieses Jahr gibt es Schwierigkeiten mit den alten Gleisen und einem Biberbau, was zu Zugausfällen und Ersatzbussen führt. „Das ist mittlerweile eine Frechheit, dass man sich auf gar nichts mehr verlassen kann“, kritisiert Hartmann. Manche Gäste des ZUK müssten sich nachts in München ein Hotel suchen, weil sie abends nicht mehr nach Benediktbeuern kämen. Wie Doris Linke mitteilt, hätten Schulklassen abgesagt, „weil sie sich nicht darauf verlassen können, wieder nach Hause zu kommen“. Rauscher zufolge funktioniert auch der Schienenersatzverkehr nicht richtig: „Das ist ein schwieriges Thema.“

Leicht hat es Salesianer-Bruder Robert Reiner hingegen mit seinen Volontären. Die jungen Leute, die sich im Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ) oder im Bundesfreiwilligendienst (BFD) befinden, arbeiten ein Jahr lang im ZUK mit und waren auch an den Aufräumarbeiten nach dem Hagelsturm beteiligt. Derzeit hat Reiner, der für das Naturlehrgebiet verantwortlich ist, sieben „Volos“ zur Verfügung, Ende August kommen zehn neue. Zu tun gibt es genug: „Wir kommen kaum rum mit so viel schöner Arbeit“, sagt der Salesianer-Bruder.

Bezahlt wird das Naturparadies ausschließlich mit Spenden und aus Erbschaften. Allein die Baumpflege verschlang bis Anfang August rund 40 000 Euro, dazu dürften dieses Jahr laut ZUK-Leiter Hartmann nochmals 30 000 Euro kommen. Die Kosten für Reparaturen und Instandhaltung beziffert er auf 35 000 Euro bis Anfang August. Auch die Renovierung des ZUK ist noch lange nicht abgeschlossen. Gruppen-Veranstaltungen können nur eingeschränkt angeboten werden, weil Übernachtungsmöglichkeiten fehlen. „Zwei, drei Schulklassen fallen weg“, sagt Hartmann. Er sei gespannt, „wie wir das in Zukunft noch hinkriegen“.
Immerhin hatte das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen nach dem verheerenden Unwetter einen Zuschuss gegeben. Über den Barfußpfad ragt nun sogar ein neuer Aussichtsturm. Finanziert wurde er mit „Geldern, die nach dem Hagel an Land gezogen wurden“, sagt Robert Reiner. Von der Plattform aus hat man eine weite Sicht übers Klosterland. Auf die Wiesen und die Berge, auf Lehrpfade und Biotope, auf die großen Planen und Gerüste am Kloster.

