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Naturdenkmal:Bedrohte, alte Allee

Die Reihe bei Lenggries ist bereits seit dem Jahr 1940 streng geschützt. Die meisten Bäume der alten Eschenallee sind einem Pilz zum Opfer gefallen.

Für einen kurzen Moment lässt Ralf Kirchgatterer alle amtsgebotene Sachlichkeit fallen und seinen Gefühlen als gebürtiger Lenggrieser ein wenig freien Lauf. "Unheimlich schade" hätte er es gefunden, wäre der Gemeinderat im Juni zu dem Entschluss gekommen, die alte Eschenallee an der Karwendelstraße im Süden von Lenggries nicht nachzupflanzen. "Ich bin total froh, dass das doch gemacht wird", sagt Kirchgatterer vom Technischen Bauamt der Gemeinde in einem Ton, als wär's ein Geburtstagspräsent. Von Kindesbeinen an kennt er die alten Bäume mit ihren braun bemoosten Stämmen, die den Weg hinaus nach Schloss Hohenburg und zur Waldkirche säumen. Der Bauamtsmitarbeiter ist mit seinem Faible für dieses Naturdenkmal beileibe nicht alleine. Bei einer Informationsveranstaltung zum Integrierten Stadtentwicklungskonzept hätten etliche Bürger klar gemacht, "dass die Allee wieder hergestellt werden muss", sagt Bürgermeister Werner Weindl (CSU).

Karwendelstraße Naturdenkmal

Für Ralf Kirchgatterer ist der Schutz der alten Eschenallee in Lenggries nicht nur Pflicht, sondern eine Herzenssache.

(Foto: Manfred Neubauer)

Einem Eschentriebsterben, das 2011 begann, fielen 28 Bäume auf beiden Seiten der Karwendelstraße binnen vier Jahren zum Opfer. Nach Angaben der Unteren Naturschutzbehörde im Tölzer Landratsamt blieben lediglich 17 übrig. Auch wenn die Eschen die Straße mit ihren Asphaltflicken jetzt nur noch bis zur Hälfte säumen, hat die Allee nach wie vor den Status eines Naturdenkmals. Den behalte sie so lange, wie überhaupt noch ein Baum dastehe, erklärt Kirchgatterer. "Da darf kein Baum gefällt werden, und wenn es der letzte wäre." Es sei denn, die Naturschutzbehörde gelangte zu der Überzeugung, er sei nicht mehr standsicher. Nachgepflanzt werden im Herbst allerdings nicht Eschen, sondern 32 Spitzahorne. Der Grund dafür sei die Furcht vor einem abermaligen Eschentriebsterben, sagt Kirchgatterer. So etwas hat er schon einmal mit Ulmen erlebt. Anfang der Neunzigerjahre gingen in Lenggries wegen einer Pilzkrankheit sämtliche Ulmen ein. "Flächendeckend."

Karwendelstraße Naturdenkmal

Die Geschichte der Eschenallee in Lenggries reicht ins 19. Jahrhundert zurück.

(Foto: Manfred Neubauer)

Die Geschichte der Eschenallee in Lenggries reicht ins 19. Jahrhundert zurück. Bis zu ihren Wurzeln ist allerdings noch niemand so recht vorgedrungen. Den einzigen Anhaltspunkt hat Stephan Bammer, Heimatforscher, Buchautor und Gemeinderat, in der Festschrift zum 125-jährigen Bestehen des Obst- und Gartenbauvereins und des Imkervereins gefunden. Darin ist die Rede von Medizinalrat Dr. Max Pius Roth. Der Gründer der beiden Vereine soll demnach Ende des 19. Jahrhunderts "irgendwo in den Dickichten" einige "Eschlinge" entnommen haben. Zusammen mit seinem Kutscher, dem "nachmaligen Distrikts-Obstbaumwärter Gerg", soll er dann die Allee zwischen Lenggries und Anger gepflanzt haben - damit die seinerzeit staubige und sonnige Straße mehr Schatten bekomme. In seinen "Erinnerungen eines oberbayerischen Bauerndoktor" schreibt Roth nichts von diesen Pflanzungen.

Eschensterben

"Falsches Weißes Stengelbecherchen" heißt der Pilz, der im Frühjahr 2010 als Verursacher des Eschentriebsterbens identifiziert wurde. Die Krankheit war in Bayern laut der Bayerischen Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft erstmals im Herbst 2008 entdeckt worden. Die Fruchtkörper des Pilzes entlassen Sporen, die vom Wind transportiert werden und die Blätter von Eschen infizieren. Sie wachsen ins Mark von Trieben und Zweigen, von dort aus ins Holz. Zwei Drittel der Eschenallee in Lenggries, die seit 1940 ein Naturdenkmal ist, wurden auf diese Weise zerstört. Weil durch die Art, wie sich das Falsche Weiße Stengelbecherchen verbreitet, jedes Jahr wieder eine neue Infektion möglich ist, raten Naturschutzbehörden von einem Rückschnitt befallener Pflanzenteile oder einer Wiederanpflanzung von Eschen ab. Deshalb werden in Lenggries nun Spitzahorne gepflanzt. Das geschieht im Herbst, damit die jungen Bäume winters genug Nässe bekommen und nicht gewässert werden müssen wie in Trockenperioden im Sommer. sci

Nach seiner Arbeit als Schiffsarzt und seinen "Amerikafahrten" hatte er sich seinen Schilderungen zufolge im Januar 1875 in Lenggries niedergelassen, eine Praxis eröffnet und zugleich die Stelle des Krankenhausarztes übernommen. "Lenggries, das bekannte stattliche Dorf im Isarwinkel, mit seiner aus Bauern, Grieslern, Flößern und wenigen Handel- und Gewerbetreibenden sich zusammensetzenden, wohlhabenden Bevölkerung bot dem damals angehenden, arbeitsfrohen Arzt ein dankbares Feld der Tätigkeit." Dazu zählt Roth nicht bloß seinen Dienst am Patienten. Auf sein Betreiben sei eine neue Wasserleitung, ein neues Kranken- und ein neues Gemeindehaushaus mit schöner Arztwohnung, auch eine neue eiserne Isarbrücke gebaut werden, listet er mit einigem Stolz auf.

Zum Naturdenkmal wurde die Eschenallee am 15. Februar 1940 erklärt. Irgendwelche Unterlagen aus der Nazi-Zeit haben die Recherchen im Landratsamt dazu allerdings nicht zutage gefördert. "Es gibt keine Akten mehr, aus denen man eine Begründung herauslesen kann", berichtet Sprecherin Sabine Schmid. Zu vermuten sei, dass die Allee in Lenggries wohl als ortsbildprägend eingestuft worden sei. Für den damaligen Landrat Joseph Fergg scheint das eine Art Leidenschaft gewesen zu sein. Denn außer der Eschen-Reihe in Lenggries seien damals 127 andere Naturdenkmäler im Südlandkreis ausgewiesen worden, so Schmid. Rund 10 000 Euro lässt sich die Gemeinde Lenggries die Nachpflanzung mit Spitzahornen kosten. Eine besondere Unfallgefahr stellt die Allee nach Kirchgatterers Dafürhalten nicht dar. "Ich möchte auf Holz klopfen, ich weiß von keinem Unfall", sagt er. Radfahrer und Fußgänger haben ohnehin einen eigenen Asphaltweg, parallel zur Karwendelstraße. Noch weiter entfernt gibt es nach Osten hin eine zweite Allee: Prächtige Linden erheben sich über dem Großherzogin-Maria-Anna-Weg für Fußgänger. Bürgermeister Weindl hat eine Vermutung: Vielleicht wurden beide Alleen im 19. Jahrhundert gepflanzt, weil sie am Weg zu Schloss Hohenburg liegen.

Am Donnerstag geht es um die Sempter Heide.