Nahversorgung Der Koloss von Icking

Direkt an der Ortsdurchfahrt und mit fast zwölf Meter hohen Wänden deutlich höher als die umliegenden Gebäude: Der neue Supermarkt in der Isartalgemeinde Icking dominiert das Ortsbild - und die Ortsgespräche.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Riesentrumm oder Bereicherung: Der Supermarkt an der Durchgangsstraße polarisiert. Die Läden im Rathaus dagegen stört weniger das veränderte Ortsbild. Dort sorgt man sich eher um die Konkurrenz, die da heranwächst.

Von Susanne Hauck

So mancher Autofahrer, der durch Icking fährt, mag sich schon gewundert haben, welch Riesenkasten mit fast zwölf Metern Wandhöhe hier emporragt, der noch dazu so dicht an die Straße heranrückt, dass er alles zu erdrücken scheint. Die Eröffnung des neue Rewe-Supermarkts ist für August geplant. Sein Erscheinungsbild ist bei den Bürgern umstritten: Bei den einen überwiegt der praktische Nutzen, die anderen bezeichnen ihn abfällig als "Riesentrumm" und "Stadl".

Dass es jetzt dazu kommt, dass manche der meterhohen Fassade mit verständnislosem Erstaunen gegenüberstehen, davor hatte Bürgermeisterin Margit Menrad (UBI) immer gewarnt. "Ich sage klipp und klar, dass es ein sehr großes Gebäude wird, so hoch und etwa drei Mal so groß wie das Rathaus", hatte Menrad, die zurzeit in den Pfingstferien weilt, bereits 2015 auf der Bürgerversammlung erklärt. "Es wird das Ortsbild prägen." Anders gebe es aber keine Chance auf einen Nahversorger in Icking, das hatte die Bürgermeisterin noch hinzugefügt.

"Meine Gäste rätseln immer, was das eigentlich werden soll", sagt Karin Schmid, die Chefin des Landgasthofs Klostermaier direkt gegenüber. Denn mit seiner Holzfassade ähnelt der künftige Laden eher einem landwirtschaftlichen Anwesen. Sie selbst will sich zur Gestaltung nur vorsichtig äußern: "Zur Ortsbildverschönerung trägt es nicht gerade bei." Die Restaurantbesucher, die mit Blick zur Straße sitzen, hielten dagegen mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg: "Die finden es schrecklich."

Schmid macht sich Sorgen, wie es weitergehen soll, wenn der Supermarkt eröffnet ist. Sie befürchtet, dass die Parkplätze vorm Hotel ständig verstopft sind, weil niemand in das eng anmutende Tor des Parkhauses hineinfahren will, nur um schnell einen Liter Milch zu holen. Bedenken hat sie auch, dass der frühmorgendliche Anlieferverkehr die Gäste stört. Schon jetzt habe sie eine Zunahme des Verkehrslärms in den straßenseitigen Zimmern bemerkt, weil der Schall von der hohen Fassade zurückgeworfen werde. Trotzdem zwingt sich die Hotelbesitzerin zur Gelassenheit. "Wir haben den Bau jetzt und müssen das Beste daraus machen."

"Das Ding ist riesengroß und schön findet es niemand", so unverblümt äußert sich Gemeinderätin Vigdis Nipperdey (Ickinger Initiative). Die Bürger schimpften vor allem darüber, dass die Aussicht verbaut sei. Trotzdem verteidigt sie das Projekt als "Kompromisswerk": Planerisch sei es das kleinere Übel gewesen, den Supermarkt in der Ortsmitte zu bauen als draußen auf der grünen Wiese. "Man kann einigermaßen damit leben." Das Pech sei gewesen, dass die Investoren zurzeit nichts unter einer Verkaufsfläche von 1200 Quadratmetern in Angriff nehmen würden, so dass bei der Gemeinde kein Angebot mit kleineren Dimensionen eingegangen sei. Eine Lanze bricht sie für die ländlich anmutende Optik: "Einen typischen Supermarkt im Baukastenstil war noch weniger gewollt als die Scheune."

Für Gemeinderat Peter Schweiger (PWG) gibt es in der Ickinger Ortsmitte nicht mehr viel zu verschandeln, weil diese schon in den 1960er Jahren durch den Abriss der schönen alten Bauernhöfe ihr Gesicht verloren habe. "Keine Frage, der Bau ist ziemlich groß geworden", räumt Schweiger ein. Als Zweiter Bürgermeister, der viel mit den Bürgern im Gespräch sei, habe er jedoch vor allem positive Reaktionen erfahren. Gerade die Älteren begrüßten den Markt sehr, weil sie ihn von der Bahnseite her problemlos ebenerdig mit dem Einkaufstrolley erreichen könnten.

Kein Thema ist das Aussehen des Markts in den Rathausläden. Dort geht es um etwas ganz anderes, nämlich um das Überleben der Geschäfte. "Unsere Kunden fragen uns die ganze Zeit, was wir machen, wenn der Supermarkt kommt", berichtet Anni Baumgartner, die Inhaberin vom Imbiss mit angeschlossenem Schreibwarenladen. Um eine Antwort will sie nicht verlegen sein. "Meine Mädels sagen dann immer, wenn sie weiter bei uns einkaufen, ist es kein Problem!" Sie selber findet den Bau nicht besonders schön, sieht es aber gelassen. "Es ist, wie's ist." Abwarten will sie zunächst, was der Rewe anbietet und sich je nachdem mit dem eigenen Angebot darauf einstellen.

"Unsere Existenz hat der Kunde in der Hand", das sagt auch Süleyman Ilgin, der sich im benachbarten "Früchtchen" mit ähnlichen Fragen konfrontiert sieht. Ilgin vertraut darauf, dass die Leute, wenn sie sowieso zum Einkaufen fahren, hinterher noch zu ihm, "zum Türken" mit dem Qualitäts-Obst hinüberlaufen. Gedanklich hat er indes schon den nächsten Schritt getan. "Man kann nur hoffen, dass der Supermarkt überhaupt läuft", so Ilgin. "Sonst haben wir einen Riesenkasten im Ort, mit dem niemand etwas anfangen kann." Dessen Aussehen findet er grundsätzlich nicht so schlimm: "Ich habe ihn mir greislicher vorgestellt."