Nachhaltigkeit Der steinige Weg zur Energiewende

Den Nachhaltigkeitspreis nahmen (v. li.) Konrad Buckel (Raiffeisenbank Holzkirchen-Otterfing), Burgi von Mengershausen (Naturhotel Tannerhof), Adriane Schua (Solidargemeinschaft Oberland) und Josef Sturm (Roche Diagnostics) im Tölzer Kurhaus entgegen.

(Foto: Manfred Neubauer)

Bei der Verleihung des Nachhaltigkeitspreises in Bad Tölz fordern die vier ausgezeichneten Unternehmen mehr Akzeptanz in der Gesellschaft für den Kampf gegen den Klimawandel. Neue Steuern sehen sie skeptisch

Von Klaus Schieder, Bad Tölz

Auch das Detail musste stimmen. Es wäre schließlich ein sonderbarer Anblick gewesen, wenn die vier Träger des Nachhaltigkeitspreises die Skulptur und die gerahmte Urkunde in einer Kunststoffbox oder gar einer Plastiktüte von der Bühne im Tölzer Kurhaus getragen hätten. Das Wirtschaftsforum Oberland stellte für diesen Transport eigens einen Einkaufskorb aus Filz parat. "Wir haben uns auch da bemüht, dass wir nachhaltige Rohstoffe einsetzen", sagte Vorsitzender Andreas Roß bei der Preisverleihung am Montagabend.

Ökologisch, ökonomisch, sozial: Auf diesen drei Säulen ruhe der Nachhaltigkeitspreis, sagte Roß. Vergeben wird er zusammen mit der Standortmarketing-Gesellschaft Landkreis Miesbach (SMG), unterstützt wird die Auszeichnung von der Bürgerstiftung Energiewende Oberland (EWO) und von der Metropolregion München. Die prämierten Unternehmen sind heuer der Pharmakonzern Roche Diagnostics aus Penzberg, die Solidargemeinschaft Oberland, das Naturhotel Tannerhof aus Bayrischzell und die Raiffeisenbank Holzkirchen-Otterfing. Ihr Beispiel zeige, "dass im Oberland wirklich etwas geschieht", sagte Moderator und EWO-Geschäftsführer Stefan Drexlmeier mit Blick auf die Ziele der Energiewende 2035.

Außerdem gab es eine Premiere: Das Wirtschaftsforum verlieh erstmals einen Nachwuchspreis. Im Park-Hotel "Egerner Höfe" in Rottach-Egern erarbeitete Jungkoch Leopold Scheller zusammen mit Azubis ein umfangreiches Konzept, wie Plastik in dem Familienunternehmen vermieden, ersetzt oder recycelt werden kann.

Eine zu 40 Prozent aus Gras, das etwa von Grünstreifen neben Autobahnen stammt, hergestellte Box wird in der Foundation Medicine verwendet. In dieser Tochterfirma von Roche in Penzberg werden Tumore von Krebspatienten aus ganz Europa untersucht, wie Veronika Steinle mitteilte. Danach wird, sofern möglich, ein personalisierter Therapieplan erstellt. Die neuen Boxen ersetzen die alten Behälter aus herkömmlichem Material. Mit dem Nachwuchspreis wolle man "die junge Generation ermutigen, mit ihren guten Ideen nach außen oder an die Chefetage heranzutreten", sagte Roß.

Die Frage, ob die Energiewende in den kommenden 16 Jahren ohne Druckmittel wie beispielsweise eine CO₂-Steuer überhaupt noch zu erreichen sei, warf Energie-Experte Michael Brünner vom Ingenieurbüro EST Miesbach auf. Er gab zu bedenken, "dass unsere Generation die vorletzte oder letzte ist, die noch Weichen stellen kann". Eine Zwangsabgabe, um die Ziele doch zu erreichen, sahen die Preisträger allerdings skeptisch. "Man sollte mit Vergünstigungen locken und nicht mit Steuern bestrafen", meinte Burgi von Mengershausen, Inhaberin des Naturhotels Tannerhof. Die beste Energiewende sei die Energievermeidung, sagte Konrad Buckel, Vorstandvorsitzender der Raiffeisenbank Holzkirchen-Otterfing: "Das ist bei uns ganz gut gelungen." Auch bei Roche in Penzberg gibt es vielfältige Bemühungen, aber noch keinen Plan, wie man am 60 Fußballfelder großen Standort bis 2035 einen völlig CO₂-neutralen Betrieb hinbekommen kann. Eine Steuer empfindet der stellvertretende Werkleiter Josef Sturm als eher ungeeignetes Instrument. Die müsste dann schon zumindest für Europa gelten, wenn nicht weltweit, meinte er.

Und dann verwies Sturm noch auf einen anderen Aspekt: Um die Energiewende zu schaffen, sei mehr Akzeptanz in der Gesellschaft nötig. Er verwies auf das von Roche geplante Biomasse-Heizkraftwerk, das vor sechs Jahren durch einen Bürgerentscheidverhindert wurde. Das sei aber nur ein Beispiel, so Sturm. Ein anderes seien Windräder. "Sind sie dann in meiner Nähe akzeptabel oder nicht?" Ähnlich äußerte sich Adriane Schua, Vorsitzende der Solidargemeinschaft Oberland. Die Energiewende sei für jeden mit Einschränkungen verbunden, "sonst funktioniert das nicht", sagte sie. Das Bewusstsein müsse noch mehr wachsen, "dass wir wo hinsteuern, wo wir alle nicht hinwollen". Einen Vorgeschmack hat da für EWO-Geschäftsführer Drexlmeier der heiße Sommer in diesem Jahr gegeben: "Die Trockenheit war massiv und hat gezeigt, wie sich der Klimawandel jetzt schon spüren lässt."