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Nachfolger­suche:"Da zieht keiner"

Karl Stingl VdK

Karl Stingl ist seit 1990 beim VdK Degerndorf. Seit April 2008 war er dessen Leiter. Seinen Vorsitz hat der 88-Jährige in diesem Februar niedergelegt. Ein Nachfolger hat sich trotz intensiver Suche bislang nicht gefunden.

(Foto: Privat/oh)

Karl Stingl hat als Ortsvorsitzender des VdK Degerndorf aufgehört

Von Benjamin Engel, Münsing

Als sozialpolitische Interessenvertretung ist der VdK (gegründet als Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands) gefragter denn je. Auch im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen hat er Mitglieder hinzugewonnen. Deutschlandweit ist er in Haupt- und Ehrenamt gegliedert. In den Ortsverbänden wie in Degerndorf organisieren die Mitglieder Aktivitäten und unterstützen Hilfsbedürftige. Der 88-jährige Karl Stingl hat trotz intensiver Suche als Vorsitzender des VdK Degerndorf keinen Nachfolger gefunden. 1990 war er dem Ortsverband beigetreten und hatte die Leitung seit April 2008 inne. Im vergangenen Februar trat er zurück. Die SZ sprach mit ihm über das Ehrenamt und die schwierige Nachfolgersuche.

SZ: Herr Stingl, wie haben Sie das vergangene Pandemie-Jahr in Ihrem Ortsverband erlebt?

Karl Stingl: Das hat uns alles durcheinander gerüttelt. Wir haben überhaupt nichts mehr machen können. Das fing schon mit den Geburtstagen an. Ab 65 bekommen unsere Mitglieder einen Geschenkkorb und wir gratulieren persönlich. Das ging nur noch telefonisch. Auch unsere Hauptversammlung mit Neuwahlen musste ausfallen.

In Ihrem VdK-Ortsverband sind das aber sicher nicht die einzigen Aktivitäten.

Normal haben wir unsere jährliche Hauptversammlung im Frühjahr. Im Sommer machen wir immer einen Ausflug. Es gibt eine Weihnachtsfeier und bei Gelegenheit Kaffeekränzchen. Vor der Pandemie haben wir uns öfter im Landgasthaus Berg bei Eurasburg getroffen. Zur Weihnachtsfeier, wenn die Mitglieder (mit Eurasburg sind es aktuell 63, Anm. d. R.) ihre Angehörigen mitbringen, war der Saal immer voll.

Woran liegt es denn, dass Sie sich bei der Suche nach einem Nachfolger so schwer tun?

2016 wollte ich mein Amt eigentlich schon abgeben. Aber es war keiner bereit zu übernehmen. Notgedrungen habe ich es noch einmal vier Jahre weiter gemacht. Jetzt geht es gesundheitlich nicht mehr.

Bei 63 Mitgliedern sollte doch irgendeiner als Nachfolger zu finden sein.

Unser Ortsverband überaltert. Es gibt viele 75- oder 80-Jährige. Es sind schon Jüngere auch dabei. Normalerweise werden ja viele VdK-Mitglied, wenn sie in den Ruhestand gehen. Aber da zieht keiner. Die Jüngeren sind nicht mehr bereit, sich so schnell zu engagieren. Mit Gewalt kann ich es nicht erzwingen.

Sie selbst sind Zimmerer-Meister, waren für ein Münchner Geschäft verantwortlicher Bauleiter. Warum sind Sie dem VdK beigetreten?

Mich hat der damalige Ortsvorsitzende angesprochen. Der Sozialgedanke hat mich angezogen. Im Dorf ist alle Jahre für die Spendenaktion "Helft Wunden heilen" gesammelt worden. Das hat man da so mitgekriegt. Ich bin dann auch 18 Jahre selbst Sammeln gegangen. Aber das hat sich alles aufgehört.

Warum ist gerade der ehrenamtliche VdK aus Ihrer Sicht wichtig?

Es gibt diesen gewissen Zusammenhalt. Früher war es so, dass man zusammengekommen ist und das Neueste im Dorf erfahren hat. Für die Aktivitäten sind die Leute aus dem Haus gekommen.

Was passiert, wenn sich kein Nachfolger für Sie findet?

Notfalls wird unser Ortsverband vom VdK-Kreisverband aufgelöst. Mit dem VdK in Münsing könnten wir uns zwar zusammenschließen. Das ist aber schwierig. Schließlich haben wir auch Mitglieder aus Berg, Beuerberg oder Achmühle in der Nachbargemeinde Eurasburg. Für die wäre es ganz schön weit bis nach Münsing zu kommen. Aber wenn es wieder möglich ist, müssen wir uns untereinander absprechen. Ich bin dem VdK Degerndorf jetzt 31 Jahre verbunden. Es wäre schade, wenn ich der letzte Ortsvorsitzende wäre.

© SZ vom 31.03.2021
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