So schnell wie derzeit zu entscheiden findet Adelinde Gessert-Pohle manchmal ein "bisschen anstrengend". Die Corona-Pandemie hat ihren Arbeitsalltag wohl so stark verändert wie nichts, seit sie vor fast 23 Jahren an das Wolfratshauser Amtsgericht gewechselt ist. So lange arbeitet sie als Richterin für die Behörde. Bis auf Eilverfahren sind nun alle öffentlichen Verhandlungen ausgesetzt. Das Personal arbeitet im Schichtbetrieb. Zum Schutz der Sicherheitskräfte am Einlass sind Folien gespannt. "Wir müssen viel organisieren", sagt die 61-jährige Richterin. Dabei ist sie besonders gefordert. Zum 1. April ist die zuvor stellvertretende Leiterin an die Spitze des Amtsgerichts gerückt und dessen neue Direktorin geworden.
Wer Gessert-Pohle begegnet, erlebt sie als menschenzugewandte und klar strukturierte Persönlichkeit. Am Amtsgericht hat sie sich in viele Sachgebiete eingearbeitet - vom Jugendstraf-, über Familien- und Betreuungs- bis zum Insolvenzrecht. Sie wehrt sich dagegen, jetzt von der Krönung ihres juristischen Werdegangs zu sprechen. "Ich bin eine Juristin", sagt sie. "Ich ziehe eine sachliche Sprache vor." Aber natürlich sei es ein schöner Abschluss der beruflichen Laufbahn, Amtsgerichtsdirektorin zu werden, fügt Gessert-Pohle hinzu. Über ihren Karrieresprung freut sie sich.
Bis ein normaler Geschäftsalltag wiederkehrt, wird es dauern. Derzeit sind die Angestellten im Schichtbetrieb tätig. Pro Abteilung kommen die einen nur vormittags, die anderen nachmittags ins Büro. Zusätzlich arbeite jeder zwei Stunden im Home-Office, erklärt Gessert-Pohle. So begegneten die Mitarbeiter einander möglichst wenig. "Das funktioniert bei uns sehr gut." Jeder Richter organisiere seinen Arbeitsalltag selbständig. Auch sie selbst sei täglich in ihrem Büro, sagt die Direktorin.
Denn sie zieht es vor, sich persönlich mit ihren Mitarbeitern und Kollegen auszutauschen, soweit es geht. "Mir ist ein kollektiver Führungsstil wichtig." Während der Corona-Pandemie ist sie allerdings gezwungen, öfter nur telefonisch oder per E-Mail mit ihren 65 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu kommunizieren.
Das gilt auch für Betreuungsverfahren, wofür Gessert-Pohle genauso wie für Insolvenzrecht weiter am Amtsgericht zuständig sein wird. Persönliche Anhörungen in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen gebe es derzeit nicht, sagt sie. Daher werde versucht, sich telefonisch auszutauschen oder mit Abstand im Freien zu sprechen. Gehe es gar nicht anders, müsse notgedrungen nach Aktenlage entschieden werden, berichtet Gessert-Pohle. Für dringende Termine sollen sich Besucher telefonisch anmelden. Sie müssen eine Selbstauskunft zum Coronavirus ausfüllen. Öffentliche Strafverfahren sollen kommende Woche mit genügend Sicherheitsabstand wieder beginnen. Für Schöffensitzungen seien die Plätze auf der Richterbank mit Plexiglas voneinander abgetrennt.
Bevor Gessert-Pohle im Oktober 1997 nach Wolfratshausen wechselte, war sie für die Staatsanwaltschaft München I sowie am Landgericht München I tätig. Im Februar 2013 wurde sie stellvertretende Direktorin des Amtsgerichts. Dort wirkte sie maßgeblich daran mit, den zweiten zentralisierten richterlichen Bereitschaftsdienst aufzubauen. Fünf Richter der Behörde sind für den Bezirk des Landgerichts München II zwischen Dachau und Garmisch-Partenkirchen zuständig. Sie entscheiden außerhalb der üblichen Dienstzeiten etwa über Abschiebungen oder Einweisungen in die geschlossene Psychiatrie.

Als Direktorin folgt die zweifache Mutter Andrea Titz nach, die zu Jahresbeginn nach Traunstein wechselte. Eine offizielle Amtswechselfeier ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Genauso muss Gessert-Pohle auf ihre geliebten Opern- und Konzertbesuche in der Freizeit verzichten. "Mir geht es da nicht anders als allen anderen", sagt die Richterin.
