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Nach Umbau:Bewahren und dennoch Neues schaffen

Der Restaurator und freischaffende Künstler Erwin Wiegerling hat für die Salesianer Don Boscos die neue Hauskapelle im Kloster Benediktbeuern gestaltet

Von Petra Schneider, Benediktbeuern

Einen Sommer lang hat Erwin Wiegerling mit Brot experimentiert. In seinem Gaißacher Atelier kann man die Versuche sehen: getrocknete Brotscheiben in verschiedenen Größen und Formen. Manche hat der Restaurator, der als freischaffender Künstler unter dem Pseudonym e.lin arbeitet, weiß lackiert. Brotformen, Skizzen, Modelle, Lichtpläne - vieles in seinem Atelier deutet auf die intensive Auseinandersetzung mit einem seiner jüngsten Projekte hin: der Gestaltung der neuen Kapelle im Kloster Benediktbeuern. Im März 2020 wurde sie vom Passauer Bischof Stefan Oster eingeweiht.

Kloster Benediktbeuern Hauskapelle

Die neue Hauskapelle verbindet Moderne und Geschichte.

(Foto: Manfred Neubauer)

Dass es im Kloster Benediktbeuern eine neue Kapelle brauchte, hängt mit der rund 20 Millionen Euro teuren Sanierung des Südarkadentrakts zusammen, mit der im vergangenen Frühjahr begonnen wurde. Probleme mit der Statik müssen behoben werden, vor allem eine Stabilisierung der Pfeiler im Untergeschoss ist unumgänglich. "Damit das Kloster auch noch in 100 Jahren steht", wie Pater Claudias Amann sagt. Im Zuge der Sanierung, die 2023 abgeschlossen sein soll, wurde ein neues Konzept für den Südarkadentrakt erarbeitet, das auch die damalige Klosterkapelle betraf. Das Konzept sieht im Untergeschoss, statt der bislang drei Küchen eine Großküche für bis zu 900 Essen und neue Speiseräume vor. Im ersten Stock, dem ehemaligen Gästetrakt, sind Seminar- und Tagungsräume geplant, die auch vermietet werden könnten. Dazu gehört der große Kurfürstensaal für etwa 200 Personen, in dem vormals die Hauskapelle untergebracht war. Weil eine Ordensgemeinschaft aber "nicht leben kann, ohne eine Raum, wo man sich täglich zum Gebet trifft", wie Pater Claudius sagt, habe man entschieden, die Klosterkapelle in den ehemaligen "Zeitschriftenraum" über der Pforte beim Klosterladen zu verlegen. Sie soll, sobald die Corona-Lage dies zulässt, öffentlich zugänglich sein. Dann werde es dort auch Gottesdienste geben, sagt Pater Claudius.

Kloster Benediktbeuern Hauskapelle

Beim schlichten Tabernakel, den Erwin Wiegerling entworfen hat, überzeugen die kostbaren Materialien.

(Foto: Manfred Neubauer)

Den Auftrag für die Umgestaltung vergaben die Salesianer an Wiegerling, der in Benediktbeuern lebt und dem Kloster seit Jahren verbunden ist. In einem historischen Raum neue Akzente zu setzen und eine spirituelle Atmosphäre zu schaffen, ist keine einfache Aufgabe. Wiegerling sei das "sehr gut gelungen", findet Pater Claudius. Elemente wie Altar, Ambo und Tabernakel, die für den liturgischen Ablauf wichtig sind, hat Wiegerling zeitgemäß interpretiert und ein Gesamtkonzept aus Licht, Symmetrie, regionalen Materialien und Symbolen geschaffen. Symbole und Chiffren spielen im Werk des 77-Jährigen generell eine große Bedeutung. "Symbole offenbaren und verhüllen gleichzeitig", sagt er. Sie seien eine Sprache für das, "was über den menschlichen Verstand hinausgeht".

Kloster Benediktbeuern Hauskapelle

Auch das Vortragekreuz ist sehr hochwertig produziert.

(Foto: Manfred Neubauer)

Und so bildet das Zentrum der neuen Kapelle ein Altar in Form eines gevierteltes Brotlaibs. Denn Brot sei eines der "bedeutendsten christlichen Symbole", ein Sinnbild für leibliche wie geistige Nahrung und für das Teilen. Eingefärbt ist der Altar in "Benediktbeurer Grün", das für die gesamte Klosteranlage charakteristisch ist. Als Altarbild haben sich die Salesianer eine Darstellung von "Jesus, der gute Hirte" gewünscht, die Wiegerling als Fresko ausgeführt hat. Altar und Ambo, das Lesepult, sind über Mittelachsen verbunden, die Stühle sind kreisförmig entlang einer Bodenmarkierung angeordnet. Denn Stühle einfach irgendwie abstellen, ist nicht im Sinne des Künstlers. Die Kapelle versteht er als gestalteten Raum, dessen stringente Ordnung auch Halt und Orientierung in einer aus den Fugen geraten Welt vermitteln soll. Verschiebbare Wandelemente aus Acrylglas vor den Fenstern zeigen schemenhaft den Ordensgründer Don Bosco vor einer Schar Kinder, darüber die Bergsilhouette von Heimgarten, Herzogstand und Jochberg, die man beim Blick aus dem Fester sieht. Die Wandelemente schirmen den realen Außenraum ab und formen einen geschützten Raum, der eine Hinwendung nach Innen erleichtert.

Der Tabernakel, in dem der Leib Christi aufbewahrt wird, ist schlicht, aber aus kostbaren Materialien: Silber, Ebenholz, weiße Seide. Auch das Alte hat seinen Platz. In einer Nische ist die gotische Madonnenfigur aus der ehemaligen Hauskapelle aufgestellt. Die barocken Motive der Kreuzwegstationen wurden in moderner Technik gedruckt und farbig akzentuiert. Ein Schmuckstück ist das Vortragekreuz, das Wiegerling als Lebensbaum gestaltet hat. Basis ist eine Weltkugel, aus dem Kreuz wachsen Ölbaumzweige. Der Künstler hat auf der filigranen Arbeit aus versilberter Bronze bunte Akzente gesetzt und das Kreuz als heiteres Symbol der Hoffnung interpretiert.

Die Gestaltung sakraler Räume gehört zu den Schwerpunkten des Diplom-Kirchenmalers und Restaurators. Er konzipierte etwa den interreligiösen "Raum für Gebet und Stille" im Münchner Flughafen, den Andachtsraum im Kinderklinikum Großhadern, die evangelische Waldkirche Lenggries oder die Kirche Hl. Kreuz in Icking. 2006 schuf er den Altar für den Besuch des damaligen Papstes Benedikt XVI. in München. Wiegerling, der vor zwei Jahren mit dem Kulturehrenbrief des Landkreises ausgezeichnet wurde und vor fast 40 Jahren die Restaurierungswerkstätten mit Standorten in Gaißach, Benediktbeuern, Augsburg und München aufgebaut hat, verwendet in seinen Arbeiten oft Materialien und Strukturen aus der Natur. Sein künstlerisches Selbstverständnis bewegt sich zwischen zwei Polen, die auch in der Benediktbeurer Klosterkapelle erkennbar sind: "Bewahren und Neues schaffen".

© SZ vom 18.01.2021
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