Nach mehr als 20 Jahren "Haus Wildstein" wird geschlossen

Im Haus Wildstein im Tölzer Kurviertel leben derzeit noch 25 Menschen, die sich nach einer Hirnverletzung in einer ambulanten Therapie befinden. Weil die NeuroKom die Reha-Einrichtung aufgibt, müssen sie bis zum 31. Januar nächsten Jahres ausziehen.

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Die NeuroKom in Bad Tölz muss ihre ambulante Reha-Einrichtung für 25 hirnverletzte Menschen aufgeben. Der Gründe sind Fachkräftemangel und ein teurer Umbau. Für die Klienten werden nun Wohnungen gesucht.

Von Klaus Schieder

Manche Bewohner waren geschockt, als sie die schlechte Nachricht zu hören bekamen, andere nahmen sie gefasst auf, weil sie ohnehin das Gefühl haben, in ihrem Leben müsse sich etwas ändern - und wieder andere hatten die Hiobsbotschaft wegen ihrer Gedächtnisprobleme nach einer Stunde schon wieder vergessen. So beschreibt Silvia Ulze die Reaktionen der 25 hirnverletzten Menschen, die aus dem "Haus Wildstein" im Tölzer Kurviertel ausziehen müssen. Die ambulante Reha-Einrichtung von NeuroKom wird zum 31. Januar 2019 geschlossen. Der Grund dafür sei, dass man das Haus mangels Fachpersonal und wegen teurer Umbauten nicht mehr halten könne, sagt die Geschäftsführerin.

Seit mehr als 20 Jahren gibt es die von Eberhard Bahr gegründete NeuroKom in Bad Tölz - eine deutschlandweit seltene Einrichtung für die Rehabilitation von Menschen, die nach einem Unfall oder durch einen Schlaganfall eine Gehirnverletzung erlitten haben. Neben dem Haupthaus mit 40 Plätzen an der Buchener Straße, wo die Patienten nach dem Krankenhaus-Aufenthalt die Reha durchlaufen, gab es bislang in der Nähe auch die "NeuroIntegrale Wildstein" in einem ehemaligen Kursanatorium an der Wengleinstraße. Dort leben die hirnverletzten Menschen in einer therapeutischen Wohngemeinschaft zusammen und werden langsam wieder an das normale Leben herangeführt. Sei es durch Freizeitaktivitäten, sei es durch Arbeit in der Oberland-Werkstätte. Ziel sei es, Selbstbestimmung und Teilhabe zu erreichen, sagt Ulze: "Sie sollen sich so weit wie möglich draußen versorgen können." Planungsfähigkeit, Ausdauer, Konzentration, Orientierung, Haushaltsführung, ein strukturierter Tagesablauf - all dies wird im Haus Wildstein trainiert. Dabei werden die Bewohner von Fachkräften ambulant betreut, je nach Bedarf zwischen drei und 19 Stunden pro Woche.

Aber an solchem Personal hapert es. Die NeuroKom benötigt Sozialpädagogen oder Erzieher, findet allerdings niemanden. Unlängst habe man zwar mal Glück gehabt und drei Sozialpädagogen bekommen, erzählt Ulze. Aber einer von ihnen starb bald, die beiden anderen, die aus der Jugendarbeit kamen, fanden die Arbeit mit Hirnverletzten zu komplex und zu anspruchsvoll. Ansonsten gab es keine Bewerber. Viele Sozialpädagogen arbeiteten lieber mit Migranten oder mit Jugendlichen, sagt die Geschäftsführerin. Außerdem möge kaum jemand Schichtdienst leisten, der in einem 24-Stunden-Betrieb wie bei der NeuroKom jedoch unerlässlich sei.

Die Suche nach Fachleuten wie Sozialpädagogen oder Erzieher beschreibt NeuroKom-Geschäftsführerin Silvia Ulze als sehr schwierig.

(Foto: Manfred Neubauer)

Der Mangel an qualifiziertem Personal führte dazu, dass die vorgeschriebene Fachkraft-Quote nicht mehr erfüllt wurde. Der Bezirk Oberbayern hatte als Kostenträger deshalb die Zahl der Bewohner von Haus Wildstein von 38 auf 25 reduziert und im Februar 2017 einen Aufnahmestopp verfügt. Hinzu kommt, dass die strengere Verordnung zur Ausführung des Pflege- und Wohnqualitätsgesetzes (AVPfleWoqG) eine umfangreiche und kostspielige Renovierung des alten Kursanatoriums erforderlich macht. "Wir hätten zwar noch einen gewissen Aufschub bekommen, aber es ist klar geworden, dass wir das finanziell nicht gestemmt hätten", sagt Ulze. Die für die Immobilien zuständige Trägergesellschaft GFG der NeuroKom stimmte deshalb der Kündigung der Vertrags zu, die der Bezirk zum 31. Januar 2019 ausgesprochen hatte.

Es gibt Bewohner, für die dieses Aus bedeutet, dass sie nach zehn Jahren aus dem Haus Wildstein ausziehen müssen. Wo die hirnverletzten Menschen künftig leben werden, ist noch nicht ganz klar. "Die Mitarbeiter hängen nur noch am Telefon und schauen, dass sie Plätze finden." Das ist schwierig, denn solche Reha-Einrichtungen wie die NeuroKom sind rar. Einige Bewohner seien so weit, dass sie selbständig leben könnten, allerdings ambulant begleitet, sagt Ulze. Deshalb suche man derzeit nach Wohnungen in Tölz, für Einzelpersonen oder auch für kleine Wohngemeinschaften. Für andere bahne sich an, dass sie wieder zu Hause leben oder noch woanders Reha-Plätze bekommen können. Mit der Schließung des Hauses an der Wengleinstraße geht auch ein Personalabbau einher. Die NeuroKom beschäftigt derzeit etwa 40 Angestellte, davon werde man 20 entlassen, so Ulze. Bei ihnen handle es sich fast zur Hälfte um Aushilfen.

Einen Hoffnungsschimmer gibt es für die Geschäftsführerin allerdings doch. Hinter dem Hauptsitz an der Buchener Straße könnte vielleicht ein Neubau entstehen, sobald man sich wirtschaftlich wieder erholt habe, sagt sie. Immerhin kommt mit dem Verkauf des Hauses Wildstein ja wieder Geld in die Kasse. "In drei Jahren könnten wir dort etwas hinstellen für solche Menschen", meint Ulze. Der Bezirk wäre für ein solches Projekt sicher offen.