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Nach der Corona-Pause:Halbiertes Yoga

Eine Halle wie diese ist die Ausnahme bei den Volkshochschulen, die ihre Kurse oft auf Dutzende kleine Räume verteilen müssen. Die materielle Lage ist jedenfalls ernst. Die Wolfratshauser Leiterin Christine Hohnheiser verdeutlicht dies mit einem symbolischen Rettungsschirm, der vonnöten wäre.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Volkshochschulen, die nicht von einer Kommune getragen werden, sind von der Corona-Krise im Fortbestand gefährdet. Am Montag beginnt das Programm unter neuen, äußerst eingeschränkten Bedingungen

Von Felicitas Amler

Christine Hohnheiser neigt nicht zu Übertreibungen. Die Geschäftsführerin der Volkshochschule (VHS) Wolfratshausen wählt ihre Worte sorgsam, sie berichtet und erläutert. Aber wenn sie zusammenfassen soll, wie der Betrieb bei ihr und den beiden Teilzeit-Mitarbeiterinnen im Büro am Hammerschmiedweg gerade läuft, wird sie doch drastisch: "Es ist ein Irrsinn!"

Volkshochschulen wie jene im Landkreis kämpfen gerade ums Überleben. Die Corona-Krise hat sie lahmgelegt. Seit Bayern am 16. März den Katastrophenfall ausgerufen hatte, war kein Zumba- oder Italienisch-Kurs mehr live möglich. Und seitdem, so der Tölzer Geschäftsführer Marcus Stiegler, seien die Volkshochschulen von Woche zu Woche vertröstet worden. Bis sie irgendwann entschieden hätten, schon mal auf eigene Faust an einer "Exitstrategie" zu arbeiten. Und trotz dieser frühen Vorbereitung blieb so viel zu tun, dass auch Stiegler von einer "wahnsinnigen Arbeit" spricht. Nach den Pfingstferien, am Montag, 15. Juni, kann der VHS-Betrieb allenthalben wieder losgehen. Allerdings zu Bedingungen, die viele Einschränkungen bedeuten. Da kann ein Yoga-Kurs schon mal auf sechs Teilnehmer reduziert sein und nur noch alle 14 Tage stattfinden. Und die Volkshochschulen müssen mit erheblichen Verlusten rechnen.

Die Volkshochschulen in Wolfratshausen, Geretsried, Bad Tölz und Lenggries haben sich abgesprochen, wie sie mit dem geforderten Hygienekonzept umgehen. Christine Hohnheiser erklärt, es sei zum Beispiel für Sprachkurse eine Mindestfläche von vier Quadratmetern pro Person gefordert, für Bewegungskurse acht bis zehn Quadratmeter. Wenn also bisher ein Yoga-Kurs mit zwölf Teilnehmern in einem eher kleinen Raum stattgefunden hat, so muss er nun halbiert werden. In Wolfratshausen gibt es künftig solche halbierten Kurse, die im wöchentlichen Wechsel stattfinden; in Bad Tölz werden sie blockweise nacheinander abgehalten.

Die beiden Volkshochschulen haben pro Semester jeweils zwischen 200 und 300 Kurse mit 2500 bis 2800 Teilnehmern. Kurs für Kurs, so Hohnheiser, mussten sie durchgehen, um zu entscheiden, ob er überhaupt weiterhin stattfinden kann, in welchem Raum, mit wie vielen Teilnehmern und zu welcher Zeit. Denn auch das ist zu berücksichtigen: Zwischen zwei Kursen muss künftig immer eine Viertelstunde Pause sein, zum Lüften und um Kontakte zwischen hinaus- und hineingehenden Teilnehmern zu vermeiden. "Es ist fast nicht zu stemmen", sagt Hohnheiser. Wie viel Arbeit es sei, "das kann sich keiner vorstellen", meint sie. "Ich arbeite seit zwanzig Jahren bei der VHS, aber so was habe ich noch nie erlebt."

„Es ist wahnsinnig viel Arbeit“, sagt der Tölzer VHS-Leiter Marcus Stiegler. Kurs für Kurs muss mit Blick auf die Corona-Krise geprüft werden.<QM>

(Foto: Harry Wolfsbauer)

"Teilweise von sechs Uhr bis abends"

In Bad Tölz wie in Wolfratshausen arbeiten in der Geschäftsstelle neben der Leitung jeweils zwei Teilzeitkräfte. Seit drei Wochen seien sie jeden Tag im Büro, sagt Hohnheiser, "teilweise von sechs Uhr früh bis abends". Und wer mit Marcus Stiegler einen Telefontermin vereinbaren möchte, bekommt zur Antwort: "Gern. Ich bin ab 7.30 Uhr erreichbar."

Stiegler sagt: "Unser Ziel ist es, so viele Teilnehmer wie möglich aufzufangen." Gleichzeitig sorgen sich alle VHS-Geschäftsführer um die Kursleiter, denn es gebe durchaus einige, die von der Arbeit für die VHS lebten. Wenn allerdings nach den Hygienevorschriften ein Kurs in einem bestimmten Raum nur noch mit fünf Teilnehmern stattfinden dürfte, so Stiegler, dann stelle sich die Frage: "Trägt sich das?" Die Wolfratshauser Geschäftsführerin sagt, etwa ein Drittel des Angebots musste aus solchen Erwägungen abgesagt werden.

Beide Geschäftsführer zeigen sich hoch erfreut über die Resonanz ihrer Kundschaft. "Die Teilnehmer sind alle super", schwärmt Stiegler. "Sehr verständnisvoll, sehr loyal und freundlich." Grundsätzlich hätten die Leute einen Anspruch auf Erstattung, wenn Kurse ganz oder teilweise ausfallen. Aber viele spendeten dieses Geld freiwillig - weil sie die Volkshochschulen gerettet sehen wollen, berichten Hohnheiser und Stiegler. "Die Großzügigkeit der Teilnehmer, das ist eine ganz feine Geste", sagt der Tölzer VHS-Geschäftsführer.

Denn der Fortbestand der Volkshochschulen, die nicht in kommunaler Trägerschaft sind, ist nach Darstellung beider Geschäftsführer tatsächlich gefährdet. Seit dem Cut am 16. März habe es kaum noch Neuanmeldungen gegeben, erklärt Stiegler, sonst gingen 30 bis 40 pro Woche ein. Er schätzt die Umsatzeinbuße nach dem Corona-Einbruch auf 80 Prozent. Der Tölzer Bürgermeister habe ihn aber des Rückhalts der Stadt versichert. Auch Christine Hohnheiser hat mit dem Bürgermeister ihrer Stadt gesprochen. Klaus Heilinglechner habe ebenfalls Unterstützung zugesagt.

Jetzt ist Hohnheiser erst einmal "froh, dass wir wieder loslegen können". Gleichzeitig ist ihr bewusst, dass die Arbeit nicht nachlassen wird: "Parallel müsste eigentlich schon das Programm für Herbst gemacht werden." Unter welchen Bedingungen Kurse dann stattfinden - wer weiß.

© SZ vom 13.06.2020

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