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Nach Bluttat in Dachau:Trauer und Betroffenheit im Amtsgericht

"Es hätte jedem von uns auch passieren können": Nach den tödlichen Schüssen auf einen Staatsanwalt debattiert das Amtsgericht auf einer Krisensitzung über Konsequenzen.

Die Hintergründe der Bluttat im Amtsgericht Dachau geben Polizei und Staatsanwaltschaft weiter Rätsel auf. Der 54-jährige Angeklagte Rudolf U. hatte am Mittwoch während der Urteilsbegründung plötzlich eine Pistole gezogen und den 31 Jahre alten Staatsanwalt Tilman T. mit zwei Schüssen getötet. Seitdem schweigt der Dachauer Transportunternehmer in allen Verhören beharrlich. Oberstaatsanwältin Andrea Titz sagte: "Wir können nur vermuten, dass er sich ungerecht behandelt fühlte." Der Mann soll jetzt psychiatrisch untersucht werden.

Bisher waren die Sicherheitsvorkehrungen am Wolfratshauser Amtsgericht eher locker. Künftig müsse man das richtige Maß finden zwischen der Sicherheit der Besucher und dem Personal des Gerichts auf der einen Seite und dem Interesse an größtmöglicher Bürgernähe, sagt Amtsgerichtspräsidentin Elisabeth Kurzweil.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Rudolf U., wegen Veruntreuung und Vorenthaltung von Arbeitsentgelt angeklagt, hatte die Pistole ohne Probleme in den Gerichtssaal mitnehmen können. Im Dachauer Amtsgericht werden keine Kontrollen vorgenommen. Unterdessen ist die Debatte über die Sicherheit in Justizgebäuden neu entbrannt. Strafverteidiger, Richter und Polizeigewerkschaft fordern strenge Kontrollen auch in Amtsgerichten. Die bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU), die am Mittwoch zum Tatort geeilt war, sagte aber am Donnerstag in München: "Es herrscht ein breiter Konsens, dass wir aus den Gerichten keine Trutzburgen machen, uns nicht abschotten wollen."

Mit Trauer und Betroffenheit ist im Wolfratshauser Amtsgericht die Nachricht vom gewaltsamen Tod des jungen Staatsanwalts aufgenommen worden. Am Donnerstagmittag trafen sich die Referatsleiter und Richter zu einer Krisensitzung, bei der mit einer Schweigeminute des Opfers gedacht wurde.

Mit besonderer Bestürzung reagierte eine junge Richterin, die den Kollegen selbst gekannt hat. "Sie hat geweint, ihr geht es richtig schlecht", sagte Pressesprecherin Anne Köhn, die selbst Familienrichterin ist. Im Mittelpunkt der Versammlung stand die Frage, wie auf den schlimmen Vorfall zu reagieren sei, zumal da die Sicherheitsvorkehrungen am Wolfratshauser Gericht bisher eher locker waren. Bislang ist dort im Eingangsbereich lediglich ein rotes Band aufgespannt, das die Besucher nahe an der Pforte vorbei leitet, sodass sich dort ein besserer Überblick über die Situation bietet.

"Es hätte jedem von uns auch passieren können", sagte Amtsgerichtspräsidentin Elisabeth Kurzweil, die darauf verweist, dass man künftig intensiver als bisher einen Abwägungsprozess zu vollziehen habe zwischen der Sicherheit der Besucher und dem Personal des Gerichts auf der einen Seite und dem grundsätzlichen Interesse an größtmöglicher Bürgernähe andererseits. Hier gelte es, "das richtige Maß zu finden".

In der Vergangenheit habe sich das Gericht auf Stichprobenkontrollen beschränkt und besondere Sicherheitsvorkehrungen nur "anlassbezogen" getroffen, also dann, "wenn es sich um sensible Fälle gehandelt hat". Bei einer kritischen Verhandlung haben die Richter die Möglichkeit, die Justizwachtmeister vorab im Saal zu postieren oder, im Fall einer Eskalation, sie mit einem unterm Tisch installierten Alarmknopf zu rufen.