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Musikkabarett im Kramerwirt:Endstation Zentralfriedhof

"Was für ein wunderschöner Abend für einen filmreifen Mord": Jo Strauss hat ein Faible für das Dunkle und Abgründige - und eine Stimme, die den Zuhörer schaudern lässt. Im Arzbacher Kramerwirt machte der Liedermacher mit seiner Band Station.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Der österreichische Liedermacher Jo Strauss nimmt seine Gäste im Arzbacher Kramerwirt mit auf eine Reise durch die Philosophie der Abgründe

Die Band betritt die Bühne, arrangiert sorgfältig die Instrumente. Eine Tür öffnet sich, und herein kommt ein zierlicher Mann von vielleicht 1,70 Meter, mit feinstem Zwirn angetan, Lederschuhe, elegantes Seidenhalstuch. Die Assoziation zu feinen, leisen Tönen und einer filigranen Stimme liegt in der Luft - doch dann stimmt er den ersten Song an, und man glaubt, einen Zögling von Tom Waits vor sich zu haben. Tatsächlich ist Jo Strauss' Stimme ungleich gutturaler, abgründiger, fast so, als ob dem Publikum im Arzbacher Kramerwirt da ein Untoter vom Wiener Zentralfriedhof gegenüberstünde.

Wer nun glaubt, dass diese Reibeisenstimme, bei der man sich sofort fragt, wie ein Mensch es länger als ein paar Minuten ertragen kann, so zu singen, das Alleinstellungsmerkmal sei, hat sich getäuscht. Denn Strauss, 2014 mit dem Scharfrichterbeil ausgezeichnet, empfängt das Publikum zu einem philosophischen Seminar. "Es könnts ECTS-Punkte sammeln. Wie ich sehe, san scho a paar Streber dabei!" Man solle doch die richtigen Fragen zur richtigen Zeit stellen, wie es schon Platon gefordert hat. Wer bereits jetzt zusammenzuckt, darf sich beruhigt zurücklehnen. Strauss hält sich, ganz Gentleman, mit Zurechtweisungen dezent zurück - bis auf seine Band, welche die eine oder andere Erniedrigung - "Mir gfällt's ned, die Gitarr" - über sich ergehen lassen muss.

Nach einer Abhandlung darüber, wie man als Seminarteilnehmer zu reagieren habe, um den Dozenten auch zufriedenzustellen, darf kurz aufgeatmet werden: "Es geht ned um die Noten." Es geht vielmehr steil abwärts: Totengräber Strauss scheint nichts mehr Freude zu bereiten, als sich Mord und Totschlag in ihren vielen Spielarten musikalisch und kabarettistisch auszumalen und dem Publikum mit dieser Stimme, die direkt aus der Gruft zu kommen scheint, vorzutragen. "I werd mir a Messer kaufen beim Tandler im dritten Bezirk", ist da noch eine der charmanteren Drohungen. Das Dunkle, das Abgründige trägt er mit einer Finesse vor, als hätte er sich mit Edgar Allan Poe beim Texten zusammengetan. Doch halt - zwischendrin blitzt Liebe auf, wenn auch nur ganz am Rande; Strauss steht über den Gefühlen und ist eher um den eigenen Schmerz bemüht: "A rostiger Pfeil, der mi mitten ins Herz trifft, drin stecken bleibt und des Fleisch vergift" - Georg Trakl hätte es nicht besser in Worte fasen können.

Zwischendrin gibt es Exkurse in den Universitätsalltag des Philosophie-Studenten Strauss - "Früher oder später wird jeder Philosoph von der G'sellschaft g'fressn". Der Philosoph als Überlebender der Uni, der Universitätsabschluss wird zur Randnotiz nach semesterlangem Leiden, danach folgt "gemäßigtes Sudern" und "klassisches Wiener Ranzen", ein "Wuchern der Wurschtigkeit" als Ausdruck der bipolaren Störung, die Strauss dem Österreicher an sich attestiert: "Im Bücherschrank steht Thomas Brezina neben Thomas Bernhard." Das Publikum ist längst aufgesprungen auf seinen Trauer-Zug, die Band bleibt im Hintergrund, dezent, professionell, allein Lukas Höfler an der "schoafen Elektrischen" darf zunehmend die Sau rauslassen. Überhaupt diese Wortwahl. Strauss' Wiener Idiom kommt voll zur Geltung. Süße Abgründigkeit, schmeichelnde Hinterlistigkeit - man mag es nennen wie man will, da klingt sogar das Gesäß, auf Wienerisch "Oasch", elegant.

Zum Schluss hin kommt der Strukturalist in Strauss durch - er zerlegt die Aufschriften seiner drei CDs in ihre textlichen Einzelteile und fordert gleichzeitig das Publikum auf, bei Verlassen des Kramerwirts doch den ein oder anderen Euro in die Kasse zu werfen. "Was für ein wunderschöner Abend für einen filmreifen Mord", singt er in einem der letzten Songs. Strauss hat sein Ziel erreicht. Den ein oder anderen schaudert's beim Weg nach Hause, während reibeiserne Liedzeilen aus dem Autolautsprecher schnarren.