Musik und Kultur:"Meine Schüler sollen etwas lernen"

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Musik und Kultur: Franz Deutsch, hier mit Barbara Hubbert, ist ein im Münchner Süden bekannter Musikpädagoge, der schon seit Jahrzehnten Schülerkonzerte organisiert. 2005 hat er zudem die Musikwerkstatt Jugend mit Sitz in Icking gegründet.

Franz Deutsch, hier mit Barbara Hubbert, ist ein im Münchner Süden bekannter Musikpädagoge, der schon seit Jahrzehnten Schülerkonzerte organisiert. 2005 hat er zudem die Musikwerkstatt Jugend mit Sitz in Icking gegründet.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der in Icking lebende und überregional bekannte Klavierlehrer Franz Deutsch verteidigt nach Kritik seinen fordernden Unterricht

Interview von Michael Morosow, Icking

Franz Deutsch hat Klavier und Querflöte studiert und 2005 die Musikwerkstatt Jugend in Icking gegründet. Der 65-jährige Musikpädagoge unterrichtete 40 Jahren lang als Privatlehrer auch an einer Schule im Landkreis München, die ihm dafür Räume zur Verfügung stellte. Dann wurde ihm gekündigt, er soll zu streng zu den Kindern gewesen sein. Ein Gespräch über musikalische Elementarerziehung und die Rolle der Eltern dabei.

SZ: Was wirft die Schulleitung Ihnen vor?

Franz Deutsch: Eine Mutter hatte sich über meinen Umgang mit ihrer Tochter beschwert. Das Mädchen war manchmal gar nicht oder oft ungeübt und eine Rüge erwartend mit schlechtem Gefühl zum Unterricht erschienen. Daraus resultiert der Vorwurf der Mutter, dass ihre Tochter Angst vor mir habe. Wenn ich mich telefonisch nach dem Verbleib ihrer Tochter erkundigt hatte, reagierte sie verärgert und fragte in herrischer Art, warum schicke sie ihre Tochter in eine Ganztagsschule, um dann in der Arbeit belästigt zu werden. Wie ein Dienstbote lasse ich mich ungern behandeln. Interessant für mich ist, dass ich vor diesem Beschwerdebrief im festen Glauben war, eine gute Beziehung zu diesem Kind zu haben, da ich das Mädchen trotz dieser Unzulänglichkeiten sehr mag.

SZ: Angst ist freilich ein schlechter Lehrmeister.

Wenn ich geoutet worden wäre als Wüterich oder Hysteriker, würde ich sagen: mea culpa. Denn Angst sollten meine Schüler natürlich nicht haben. Was richtig ist: Ich fahre keinen Tätschelkurs, meine Schüler sollen etwas lernen, das sollte der Anspruch eines Musiklehrers sein. Und ja, ich habe ein Problem, wenn ein Kind mehrmals, ohne geübt zu haben, zu mir kommt und ich nett sein soll. Von einem "Duziduzi" halte ich nichts.

SZ: Was spricht denn aus Ihrer Sicht gegen einen Tätschelkurs beim Musikunterricht?

Die Kinder sind heute die lobende Schiene gewöhnt und haben dadurch in ihren jungen Jahren gar keine Objektivierungsmöglichkeit mehr, was gut und schlecht ist. Meine Art ist "schwäbisch" geprägt: Nicht geschimpft ist genug gelobt. Dazu ein strenger (unzufriedener) Ton, wenn nicht geübt worden war. Das verschreckt tatsächlich manch verwöhnten Schüler. Erfreulicherweise schwindet diese Angst komplett, wenn ein Schüler spürt, dass ich es gut mit ihm meine und merkt, dass er durch die Strenge deutlich Fortschritte im Klavierspiel macht.

SZ: Konnten Sie der Mutter, die sich beschwert hat, diese "schwäbische Art" nicht vermitteln?

Es gibt Schüler und insbesondere Eltern, die sich auf diese Zielrichtung gar nicht einlassen wollen. Sie propagieren den Spaß, den das Klavierspiel machen soll. Und bei manchen Eltern hat man den Eindruck, dass es ihnen egal ist, ob ihr Kind Klavier lernt oder nicht. Hauptsache sie wissen, wo ihr Kind sich aufhält und betreut wird. Sie sehen nicht, dass die wirkliche Freude erst mit der konsequenten Schule und den daraus resultierenden Fähigkeiten erreicht werden kann. Mein Fehler war, mehrmals versäumt zu haben, bei unmotivierten Kindern nach der Probezeit zu kündigen.

SZ: Mussten Sie selbst Angst vor Ihren Lehrern haben?

Als ich 1968 mit zwölf Jahren meine erste Querflötenstunden wahrnahm, gab es kaum Gedanken über eine pädagogische Eignung des Lehrers. Wenn man ungeübt war, gab es genauso Rüffel wie Lob bei Fleiß. Die Eltern stellten auch klar, dass der Unterricht nur Sinn mache, wenn geübt wird. Mein Klavierlehrer, bei dem ich mit 15 Jahren angefangen hatte, war zu mir ungewohnt freundlich (Waldorfpädagogik) und hat bestimmt dazu beigetragen, dass ich später im Studium Klavier zum Hauptfach machte. Ich denke aber, dass ein strengerer Unterricht mir in diesem Alter besser getan hätte.

SZ: Der Zeitgeist hat sich geändert.

Der Zeitgeist geht heute vor allem mehr in Richtung Oberflächlichkeit. Alles muss viel schneller gehen. Es wird aber nicht die Anstrengung gesehen, die dahinter steckt. Die Erwartungen und das Pensum sind gestiegen. Was früher 16-Jährige spielten, können heute 14-Jährige. Das ist eigentliche eine gute Entwicklung. Der Wettbewerb "Jugend musiziert" ist eine Messlatte dafür, wohin es gehen kann. Ich denke, eine Kapazität erreicht zu haben, die Leute vom Fach zu würdigen wissen.

SZ: Die Messlatte bei "Jugend musiziert" liegt hoch. Wie viele Ihrer Schülerinnen und Schüler standen schon auf dem Siegerpodest?

Sowohl auf regionaler Ebene als auch beim Landes- und Bundeswettbewerb holten meine Jugendlichen Preise zuhauf, nicht selten auch erste Preise mit der Höchstpunktzahl von 25 Punkten.

SZ: Wie sehr trifft Sie der Rauswurf?

Hart. 40 Jahre lang wurde meine Arbeit gelobt und geschätzt, und jetzt plötzlich, mit 65, so eine Abfuhr.

SZ: Sie hatten doch mehrere Kinder an der Schule unterrichtet.

Eine große Mehrheit der Eltern hatte vergeblich Bittgesuche an den Schulleiter gestellt, dass ich ihre Kinder in der Schule weiter unterrichten dürfte. Heute kommen diese freiwillig zu mir nach Icking und nehmen dafür die zeitlichen und kostenträchtigen Umstände in Kauf.

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