Musik-Kabarett Egon Friedell trifft Karl Valentin

Musikalische Lesung bei Kaffee und Bier: Stefan Leonhardsberger (links) und Stephan Zinner.

(Foto: Veranstalter/oh)

Stefan Leonhardsberger und Stephan Zinner gehen literarisch im Kaffeehaus auf ein Bier

Von Arnold Zimprich, Bad Heilbrunn

Die Ibiza-Affäre der FPÖ ist eigentlich kein Thema im Programm von Stefan Leonhardsberger und Stephan Zinner. Aber als Entree taugt der Skandal am Sonntagabend im voll besetzten Bad Heilbrunner Kursaal allemal: "Die Österreicher brauchen kein Kabarett", sagt Leonhardsberger zur Eröffnung, "da reicht ein Blick auf die Politik." Was der geborene Oberösterreicher und sein bayerisches Konterpart, der unter anderem am Nockherberg reüssierende Zinner, bei ihrem gut zweistündigen Streifzug durch Kaffee- und Wirtshausliteratur von sich geben, ist durchaus als Kabarett zu bezeichnen - obschon das austro-bajuwarische Duo nicht müde wird, seinen Bildungsauftrag zu betonen.

"Sie müssen sekündlich mit Musik rechnen", warnt Zinner das Publikum noch vor, dann ist man auch schon mittendrin im Kaffeehaus, "in dem Menschen sitzen, die Zeit haben, darüber nachzudenken, was die draußen nicht erleben", wie Leonhardsberger sagt. Der 34-Jährige sinniert über die Steigerungsformen des Rausches, in den sich die Österreicher in Krisenzeiten wie der aktuellen flüchten. Für Rausch gebe es in der Alpenrepublik 30 verschiedene Ausdrücke. Vom "Fahnl" über den "Damenspitz" bis hin zum "Fetzn" oder dem "Dullijö". Im Wirtshaus müsse man sich "mit Alkohol imprägnieren, bis man lärmdicht ist", zitiert Leonhardsberger den Wiener Literaten Alfred Polgar. Zinner erinnert an einen Grenzübertritt, bei dem ihm aufgrund der olfaktorischen Reize eines im Auto aufbewahrten Bergkäses der Drogenspürhund auf den Hals gehetzt wurde, der ihm dann auch noch den Speck wegfraß. Armer Grenzgänger.

So spannen Leonhardsberger und Zinner etliche literarische Bögen zwischen der Alpenrepublik und dem Alpenvorland, zwischen der Donaumetropole und der Weltstadt mit Herz. Literarische Schwergewichte wie Wilhelm Busch treffen auf gscherte Gedichte von Franz Ringseis, Texte aus dem Simplicissimus auf Selbstgedichtetes von Zinner - das Duo ist auf Kurzweil aus. Dass es dabei hin und wieder an Stringenz zu wünschen übrig lässt, sei verziehen - das aus allen Altersgruppen zusammengesetzte Publikum ist jedenfalls begeistert.

Zinner und Leonhardsberger werfen im Laufe des Abends Schlaglichter auf die Befindlichkeiten von Bayern und Österreichern, nehmen sich gegenseitig auf den Arm, mal geht es derb, mal liebevoll zu, mal gschert, mal leiwand. Dass der Kaffee in Wien besser ist als in München - eh klar. Dass man angesichts von Barista-Kurs besuchenden "Sommerschalträgern" in der bayerischen Landeshauptstadt die Fassung bewahren muss - schon schwieriger.

Textausschnitt reiht sich an Textausschnitt - Lebenstipps von Egon Friedell ("Sitzen ist ein unnatürlicher Unfug") gesellen sich zu Karl Valentins Sinnieren über die Vorgänge im "Jenseits". Da ist die Frage berechtigt, was das eine mit dem anderen zu tun hat und ob sich Leonhardsberger und Zinner nicht ein wenig zu viel vorgenommen haben, nämlich eine österreichisch-bayerische Literatur-Quintessenz zu ziehen, deren Analyse in einem Hauptseminar besser aufgehoben wäre als im Heilbrunner Kurhaus.

Auf der anderen Seite - das Arrangement der Texte stimmt, das Publikum ist zufrieden, der literarische Horizont wurde erweitert, was will man mehr? Dass Leonhardsberger deutlich mehr einstecken muss als Zinner, ist eine Folge der aktuellen Vorgänge im politischen Wien. Dass Leonhardsberger sich insgeheim eine Beerdigung wie die von Falco wünscht und der zum Zentralfriedhof fahrende 56er-Bus gleich mehrmals zitiert wird, mag dem manchmal morbiden Wiener Humor geschuldet sein. Umso besser, dass sich die beiden auch Autoren widmen, die noch leben ("Bis jetzt warn's alle hi"). Zinner zitiert am liebsten sich selbst und sein Buch "Badewanne des Todes".

"Wo samma jetzt aussakemma?" fragt sich Leonhardsberger gegen Ende des Abends. Im Zweifel im Getränkemarkt, wo man schon mal auf den lieben Gott treffen kann, wie das Publikum erfährt. "Jeder mecht hoit, dass etwas von eam bleibt" - von diesem literarischen Streifzug ganz gewiss.