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Museum Penzberg:Volltreffer

Das ironische Sonnensystem des amerikanischen Künstlers Greg Colson.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Ausstellung "Rasenglück" verbindet auf humorvolle Weise Fußballgeschichte und Kunst. Selbst der große Günther Uecker hat sich des Themas angenommen

Alles dreht sich um die Sonne? Von wegen! Alles dreht sich um den Ball. Um den Fußball natürlich. So gesehen erschließt sich Greg Colsons Kunstwerk im Penzberger Campendonk-Museum auf den ersten Blick. In der Galaxie des amerikanischen Künstlers scheinen Bälle unterschiedlicher Größe - vom Tischtennis- bis zum Volleyball - wie die realen Planeten unserer Welt mit Hemdknöpfen als Sternchen um ihre Sonne zu kreisen. Wer genauer hinsieht, entdeckt womöglich den Fehler in diesem System, das in Bezügen und Proportionen keineswegs der Wirklichkeit entspricht. Es ist eine kleine künstlerische Irreführung, ein Spaß aus Lust am Spiel. Und genau dies will die ganze Ausstellung vermitteln, die Museumsleiterin Diana Oesterle und Co-Kuratorin Anne Götzelmann unter dem Titel "Rasenglück" präsentieren.

Anlass für die Schau ist ein Jubiläum. Vor 50 Jahren reichte der Penzberger Schiedsrichter Karl Wald (1916-2011) seinen "Elfmeter-Antrag" beim Bayerischen Fußballverband ein - bis dahin war über ein unentschieden gespieltes Match per Münzwurf geurteilt worden. Seit Walds Vorstoß ist das Elfmeterschießen weltweit Praxis. Die Penzberger sind stolz darauf, dass einer der Ihren in die internationale Sportgeschichte eingegangen ist. Dem in Frankfurt geborenen Friseur, der Ende der Dreißiger nach Penzberg kam, wo er als Lokführer im Bergwerk arbeitete, ist der Eingangsbereich der Ausstellung gewidmet. Hier können Besucher "Rasenglück" auf ganz eigene Weise empfinden. Denn sie gehen leicht federnd auf weichem Untergrund - der ganze Raum ist mit mikroplastikfreiem Kunstrasen ausgelegt, wie er auch im Penzberger Stadion liegt.

Schautafeln und Schwarz-Weiß-Fotos erklären und illustrieren Walds Leben ebenso wie Fußballgeschichte und ordnen sie ein ins Weltgeschehen - so finden sich auch Fotos vom stacheldrahtbewehrten Brandenburger Tor, von Mao und dem in Warschau niederknienden Bundeskanzler Willy Brandt. Doch neben dem Ernst gibt's auch hier eine spielerische Komponente. Ein Kickertisch lädt zu einer Partie ein.

Hundert Jahre 1. FC Penzberg

Der folgende Abschnitt ist dem 1. FC Penzberg vorbehalten, der heuer hundert Jahre alt wurde. Von der Gründung und von großen Erfolgen wird berichtet, ein hundert Jahre alter Lederball und ein Paar Fußballschuhe aus den Fünfzigern sind in einem Schaukasten effektvoll in Szene gesetzt.

Schuh und Ball finden sich in einer ganz anderen Variante im nächsten Raum, ein Stockwerk höher. Dort beginnt der künstlerische Teil des "Rasenglücks". Die Kuratorinnen haben gezielt nach Künstlern gesucht, die sich mit dem Thema Fußball beschäftigt haben. Und auch hier haben sie Wert auf Leichtigkeit gelegt. "Es soll eine Ausstellung sein, die für viele zugänglich ist", sagt Götzelmann, "und es ist einfacher, diesen Sport mit Humor zu betrachten." Das tut Günther Uecker ganz offenkundig. Der große deutsche Maler und Objektkünstler, der gerade 90 Jahre alt geworden ist, hat Fußballschuh und Ball aus Keramik geformt und - berühmtes Kennzeichen seiner Arbeit - mit Nägeln gespickt. Die Energie der Tritts gegen den Ball wird geradezu sichtbar. Diese Wucht illustriert auch der Grafiker Christoph Niemann, und zwar so witzig und anschaulich, dass sein Beitrag als Titelbild der ganzen Ausstellung gewählt wurde. Er zeigt einen Fußballspieler im entscheidenden Moment, beim wuchtigen Tritt gegen den Ball - und das Bein hat die Form eines Hammers.

Fußball à la Günther Uecker: Keramik und - natürlich - Nägel.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Wie unterschiedlich Fotografien den Fußballsport einfangen können, lässt sich an den ausgestellten Arbeiten von Regina Schmeken und Andreas Gursky beobachten. Schmeken, berühmt für ihre Schwarz-Weiß-Kunst, ist ganz nah dran, am Ball, an der Linie, am Wurf, und durch ein spezielles Präsentationsverfahren der Fotos mit einer Acrylkaschierung wirkt alles ungemein präsent, geradezu greifbar. Gursky hingegen zeigt Fußballfeld und Szene in Farbe und aus der Totale, die Spieler scheinen nur winzige Figuren zu sein. "Ich gehe auf Distanz, um den Überblick zu behalten", so wird der Fotograf zitiert, der eigentlich als "Meister des Großformats" bekannt ist. Mit kleinformatigen Fotos habe er ursprünglich begonnen, erfährt der Ausstellungsbesucher.

Was fängt eine Schmuckkünstlerin mit Fußbällen an? Janina Stübler hat original Penzberger Lederbälle verarbeitet - nicht gerade so, dass man sie sich um den Hals hängen möchte, sie passen eher an die Wand. Stübler hat sie auseinandergenommen und flächig zusammengefügt. "Inside out" nennt sie diesen ebenso witzigen wie unnützen Fleckerlteppich. Wer sich traut, kann das lederne Karree ein wenig lüpfen, um endlich mal zu sehen, wie Fußbälle von innen ausschauen.

Der absolute Volltreffer der Ausstellung ist zu guter Letzt Rudi Kargus. Er verbindet in seiner Person alles, was diese Schau darstellen will. Der 1952 geborene Kargus war Torhüter des Hamburger SV und dreimaliger Nationalspieler. Er gilt als der "Elfmetertöter" der Bundesliga-Geschichte. Nach seiner Sportlerkarriere hat er sich der Kunst zugewandt, hat unter anderem bei Markus Lüpertz studiert und ist inzwischen anerkannter Maler mit Ausstellungen von Hamburg bis Wien. Seine pastos-farbstarken expressiven Werke im Penzberger Museum offenbaren nicht unmittelbar das Heitere und Leichte, das die Kuratorinnen vermitteln wollten. Doch spätestens der Blick auf die Titel lässt auch hier den Spieler erkennen. Kargus gibt dem Betrachter Rätsel auf. "RK. 2.0" mag sich noch als Hinweis auf den Maler selbst entschlüsseln lassen. Aber "H.L.K." ? Und wer sind die "drei üblichen Verdächtigen" des dritten Ölgemäldes? Eine echte Kopfnuss in der Fußballschau.

Museum Penzberg - Sammlung Campendonk: Ausstellung "Rasenglück. Die Erfindung des Elfmeterschießens"; geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr; bis 4. Oktober. Masken gibt es an der Kasse. www.museum-penzberg.de

© SZ vom 06.06.2020

Vor dem Bild von Karl Wald, dem die Austellung gewidmet ist, spielen Co-Kuratorin Anne Götzelmann (rechts) und Aufsichtsmitarbeiterin Alicia Wutz Kicker.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

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