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Museum Penzberg - Sammlung Campendonk:Glänzende Technik

Hinterglasmalerei Museum Penzberg

„Blaue Figuren“ heißt das Bild Heinrich Campendonks, das in zwei Reproduktionen präsentiert wird: rechts in Durchsicht auf Acryl, so dass man erkennt, wo Freilassungen sind; links das verblasste Glanzpapier, das der Künstler unters Hinterglasbild gelegt hatte; dazwischen Details in Vorder- und Rückansicht.

(Foto: Manfred Neubauer)

Die neue Ausstellung in Penzberg führt vor Augen, dass die Bedeutung der Hinterglasmalerei in der Moderne bislang völlig unterschätzt wurde

Von Felicitas Amler

Kunstgewerbe, Bauernmalerei, Volkskunst - damit wird die Hinterglasmalerei heute noch vielfach assoziiert. Es ist ein Verdienst des Museums Penzberg, dass sich dieses Bild wandelt. Hinterglasmalerei ist faszinierend vielfältig in Techniken, Motiven, Farben, Stilen. Sie ist eine jahrhundertealte Kunst, die aber bis heute praktiziert, zeitgemäß weiterentwickelt und modifiziert wird. Große Namen der klassischen Moderne sind mit ihr verbunden, Wassily Kandinsky und Gabriele Münter, Oskar Schlemmer und Lily Hildebrandt. Zeitgenossen wie Emil Schult und Thilo Westermann belegen mit Abstraktion einerseits und feinster naturalistischer Darstellung andererseits den Variantenreichtum der Hinterglasmalerei.

Das Museum Penzberg, das die größte Sammlung von Werken des "Blauen Reiters" Heinrich Campendonk besitzt - auch er ein bedeutender Hinterglasmaler -, hat unter seiner früheren Leiterin Gisela Geiger mit der interdisziplinären Erforschung dieser Technik begonnen. Geigers damalige Stellvertreterin Diana Oesterle, inzwischen Leiterin des Museums, zeigt nun mit einer eigenen Schau den Fortschritt der Forschung und die Entdeckungen einer eindrucksvollen Anzahl von Hinterglas-Künstlerinnen und -Künstlern. Endlich kann die Ausstellung nun auch präsentiert werden: "Hinter Glas gemalt. Geheimnisse einer Technik" ist am Dienstag eröffnet worden.

"Raffinierte Möglichkeiten"

Die Schau ist schon in ihrem Aufbau ungewöhnlich. Die Exponate sind nicht chronologisch oder nach Künstlern geordnet, sondern nach Techniken. Die einzelnen Räume tragen Wandtitel wie "Konturen - der Linie folgen", "Strahlkraft - Gold und Silber" oder "... mit der Nadel hinein zu raddieren" (ein Zitat des Kupferstechers Georg Christoph Kilian aus dem 18. Jahrhundert). Oesterle sagt: "Keine andere Technik eröffnet so viele raffinierte Möglichkeiten wie das rückwärtige Malen auf Glas."

Das Besondere ist die Strahlkraft der Bilder, ihr unveränderlicher Glanz. Dies habe Anfang des 20. Jahrhunderts zur Wiederentdeckung der Hinterglasmalerei durch die Expressionisten geführt, erklärt die Museumsleiterin. Lily Hildebrandt, eine Schülerin des Abstraktion-Wegbereiters Adolf Hölzel, schwärmt damals vom "emailleartigen Glanz der Farben" und vom "Immateriellen, Geheimnisvollen bis zum Mystischen", das es ihr angetan habe. Sie selbst erzeugt eine solch okkulte Stimmung mit "Nächtliche Fahrt". Das Bild zeigt inmitten einer tief dunkelblauen Nacht eine Person auf einem Boot, das kontrastreich von einem warmen orangefarbenen Licht umgeben ist. Und über der Szene leuchtet anstelle eines Mondes ein schmaler fahl-gelber Kopf.

Die Ausstellung interpretiert das Bild nicht, aber sie führt an diesem wie an etlichen anderen Exponaten die Herangehensweise der Forschung vor Augen. Und macht dem Publikum etwas sichtbar, was sonst verborgen bleibt: die Bild-Rückseite - also die eigentliche Malseite, und dies jeweils vom Original wie von herausgezoomten Details.

Das von Oesterle geleitete Forschungsprojekt "Hinterglasmalerei als Technik der Klassischen Moderne 1905 bis 1955" hat sich mit Maltechniken und Materialanalyse befasst. Neben der Kunsthistorikerin Oesterle waren Chemiker und die auf Hinterglasbilder spezialisierte Restauratorin Simone Bretz beteiligt. Die Forscherinnen haben auf zahlreichen Reisen 36 Museen und 22 Privatsammler besucht. In der Schweiz, den Niederlanden, in Belgien, Frankreich und Schweden haben sie Erkenntnisse und Leihgaben gewonnen.

Zentren der Avantgarde

Die Ausstellung in Penzberg präsentiert 66 Werke von mehr als 50 Kunstschaffenden. Oesterle, die gerade ihre Doktorarbeit über Hinterglasmalerei geschrieben hat, sagt, allein zwischen 1905 und 1945 hätten 140 bekannte Künstler in dieser Technik gearbeitet. Und eben dies sei eine der Erkenntnisse: "Es gab weit, weit mehr Hinterglas-Künstler als bisher angenommen." Von der Künstlergruppe Blauer Reiter in Südbayern habe die Faszination für Hinterglasmalerei ausgestrahlt "in die damaligen Zentren der Avantgarde", darunter Berlin, das Elsass, Stuttgart, Hannover, Brüssel.

Diana Oesterle Museum Penzberg

Museumsleiterin Diana Oesterle erklärt Walter Dexels Hinterglasbild „Die Dampfmaschine“.

(Foto: Manfred Neubauer)

Neben dem kunsthistorischen Forschungsergebnis stehen die Erkenntnisse der Naturwissenschaftler über die Beschaffenheit der Materialien - und dies ist wiederum wichtig für die Arbeit der Restauratoren. Wie die Materialien untersucht wurden, ist in einer eigenen Abteilung zu sehen, die neben Verfahrensbeschreibungen und Bildbeispielen ein für Laien ziemlich beeindruckendes Gerät namens Röntgenfluoreszenzspektrometer umfasst.

Bretz erläutert, dass die Hinterglasbilder auf verschiedene Weisen untersucht wurden: in sichtbarem Licht, mit Infrarot-, Röntgen- und Laserstrahlen. Dies alles habe der Bestimmung von Pigmenten und Bindemitteln gedient. Die Restauratorin ist bereits so sehr auf Hinterglasmalerei spezialisiert, dass sie auch ein arg zerstörtes Bild von Wassily Kandinsky retten konnte. Das Werk "Mit Früchten" aus dem Jahr 1918 - ein für den Expressionisten Kandinsky ganz untypisch gegenständliches Bild - stammt aus einer Privatsammlung. Es war in zahllose kleine Scherben zersprungen. In Penzberg ist es nun, frisch restauriert, zu sehen.

Dem Kunstpublikum eröffnet die Ausstellung, die den Abschluss der Forschung markiert, Blicke auf, hinter und in das Bild. So wird das spiegelverkehrte Arbeiten im Schichtaufbau erkennbar. Da offenbart sich zum Beispiel, wie ein Maler Farben schraffiert, wieder ausgekratzt und mit neuen Farbschichten überlagert hat. Und schließlich wird durch die Betrachtung der von der Rückseite völlig matten Farben umso besser erfahrbar, wie sehr das Glas sie zum Leuchten bringt.

Die Ausstellung macht zudem durch Gegenüberstellungen von Werken des 18. und 19. Jahrhunderts mit modernen Arbeiten Gemeinsamkeiten und Entwicklungen deutlich. Eine kleine sogenannte "Goldradierung" aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigt eine Begegnung des preußischen Königs Friedrich II. mit dem österreichischen Kaiser Joseph II. Eine fein ausgearbeitete Szenerie, die einen eigenen Reiz hat, da die Köpfe der acht abgebildeten Männer anders als Körper und Raum nicht ausgeführt, sondern komplett schwarz sind.

In derselben Kunst der Radierung hinter Glas wirkt Thilo Westermann - und gestaltet doch ganz anders. Aus einer dünnen schwarzen Farbschicht radiert er in einem wochenlangen Prozess mit einer Nadel winzige Punkte heraus, die sich zu Blumen und Pflanzen verdichten. Nur wer nah an die Werke herantritt und ganz genau hinsieht, entdeckt diese Pünktchen. Westermann lässt seine Hinterglasradierungen scannen und als jeweils einziges Original sechsfach vergrößert drucken - so offenbart sich seine wahre Kunstfertigkeit.

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt wird im Frühjahr 2022 mit einer Abschlusspublikation und einer weiteren Ausstellung im Penzberger Museum beendet. Die drei Disziplinen - Kunsthistoriker, Restauratoren, Chemiker - werden ihre je eigenen Analysen dokumentieren. Diana Oesterles Fazit steht schon fest: "Man kann die Hinterglasmalerei nicht als eine Randerscheinung abtun. Sie fügt sich bei jedem Künstler stilistisch ins Oeuvre und muss gleichwertig wie alle anderen Techniken betrachtet werden."

Besuch nur nach Anmeldung, Telefon 08856/81 34 80. www.museum-penzberg.de

© SZ vom 18.03.2021
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