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Museum Penzberg:Erschütternd und ermutigend

Die Sonderausstellung "Niemals wieder" erinnert an die Penzberger Mordnacht vor 75 Jahren und appelliert gleichzeitig mit den "Mahnblumen" des Aktionskünstlers Walter Kuhn zum Frieden

Von Elisa Henning, Penzberg

Wer auf dem knarzenden Holzboden in den letzten Raum des Dachgeschosses im Museum Penzberg läuft, dem fallen sofort die aus gebogenem Metall geformten, lebensgroßen Silhouetten kleiner und größerer Figuren in den Blick. An jeder der 16 stilisierten Gestalten ist ein Milchglas mit einem Namen, Foto und dem Lebensweg der Person angebracht. Auf manchen Schildern liest man, sie waren Mitglieder der KPD. Eins haben aber alle gemeinsam: Sie waren Opfer der Penzberger Mordnacht vor 75 Jahren. Durch dieses Gesamtbild wird die Geschichte für den Betrachter greifbar. Noch bedrückender wird sie durch eine kleine Holzkiste. Darin liegt ein zusammengerolltes Seil. Im Deckel steht, sauber geschrieben: "Mit diesem Seil wurde mein Vater in der Nacht vom 28. auf 29. April 1945 vom Werwolf erhängt." Nur einen Tag später, am 30. April, erreichten amerikanische Truppen Penzberg. Der Krieg war in Bayern zu Ende.

Walter Kuhn hat seine "Mahnblumen" nicht nur vor dem Museum, sondern auf drei weiteren Plätzen installiert.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Rundherum wird in dem kleinen Raum unterm Dach des Museums anschaulich und eindrucksvoll genau der Ablauf der Nacht erzählt, in der 16 Männer und Frauen ihr Leben verloren - auf offener Straße erhängt oder am Baum erschossen durch fanatische Anhänger des NS-Regimes, Mitglieder der Organisation "Werwolf". Auf Bildern und mit Texten werden die gesellschaftlichen Verhältnisse der Zeit sowie der anschließenden Aufarbeitung dargestellt.

Die Sonderausstellung "Niemals wieder" im Penzberger Museum beginnt mit Walter Kuhns Installation "Neues Leben aus den Trümmern", einer künstlerisch gestalteten Mohnblume aus Kunstseide und Eisendraht, die aus Bauschutt emporwächst. Die 16 Kreissegmente aus dünnem Aluminium ringsum sind ein Symbol für die 16 Opfer der Penzberger Mordnacht. Die Installation verweist auf den materiellen und ideologischen Zusammenbruch und den Neubeginn mit Ende des Zweiten Weltkriegs. Der blutrote Klatschmohn ist bereits seit hundert Jahren ein Erinnerungssymbol für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Walter Kuhn erweiterte seine Bedeutung durch die Kunstaktion "Never again" 2018 auf dem Münchner Königsplatz: "Im Gedenken an die Opfer aller Kriege und ihrer verheerenden Folgen machte er die Mohnblume zur 'Mahnblume' für den Frieden weltweit", heißt es auf einer Tafel in der Ausstellung.

Mit seinen "Gueules cassees" greift der Künstler die kriegskritischen Arbeiten von Otto Dix auf, die derzeit ebenfalls im Penzberger Museum präsentiert werden.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Eine Fotografie, gedruckt auf Stoff, zeigt Kuhns Installation der mehr als 3000 Mohnblumen auf dem dadurch leuchtend roten Königsplatz. Als Kontrast dazu daneben der Aufmarsch der Nationalsozialisten auf demselben Platz am 9. November 1935. Im Raum läuft außerdem eine dramatische Videoarbeit von Eva Guerin: Der Betrachter sieht die im Wind wehenden Mahnblumen des Königsplatzes im fließenden Wechsel mit Bildern von Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg.

Die Sonderausstellung beginnt mit Kuhns Installation "Neues Leben aus den Trümmern", einer künstlerisch gestalteten Mohnblume aus Kunstseide und Eisendraht, die aus Bauschutt emporwächst.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Im alten Teil des Museums angekommen erblickt der Besucher ergänzende Werke von Otto Dix, in denen er die Schrecken des Ersten Weltkriegs schonungslos festhält und verarbeitet. Sechs düstere Werke aus seiner Mappe "Der Krieg", in der 50 Radierungen enthalten sind, werden präsentiert. Sie zeigen Soldaten mit Gasmasken, verwundete und sterbende Soldaten, Leichen in Draht. Die Kombinationen aus Kaltnadelradierungen, Aquatinta und Ätzung lassen nur erahnen, welche Grausamkeiten Otto Dix selbst im Ersten Weltkrieg erleben musste und vor allem auch, welche Albträume ihn noch viele Jahre später plagten. Wie im Ausgleich dazu setzt der nächste Raum ein Zeichen für Erinnerung und Frieden: Kuhns Mahnblumen tauchen wieder auf, auch die Ur-Mohnblume, Kuhns erstes Modell. Bevor man schließlich die eingangs beschriebene stadtgeschichtliche Ausstellung zur "Penzberger Mordnacht" betritt, findet man die Werke eines aktuellen Fotowettbewerbs des Penzberger Museums zum Thema "Nie wieder" vor.

Die Sonderausstellung zeigt eine Mischung von Bildern aus Vergangenheit und Gegenwart, vermittelt Gefühle von Menschen aus der Kriegszeit und appelliert zum Gedenken und zum Frieden. Nicht vergessen wird die Geschichte der eigenen Stadt: 300 Mahnblumen stehen verteilt in Penzberg - auf dem Stadtplatz, am Mahnmal An der Freiheit, auf dem Friedhof sowie am Museum als Kunst im öffentlichen Raum. Wie schon bei Kuhns Aktion auf dem Königsplatz können auch für die Penzberger Mahnblumen Patenschaften geschlossen werden. Unmittelbar nach der Aktion gehen die Blumen in den Besitz der Paten über, um beispielsweise im Vorgarten ein Zeichen für den Frieden zu setzen.

Museum Penzberg: Die Sonderausstellung sowie die Mahnblumen in der Stadt sind noch bis 6. Dezember zu sehen. Für Schüler/innen und Jugendliche bis 18 Jahre ist in diesem Zeitraum der Eintritt in die Ausstellungsräume des Museums frei. Weitere Informationen zur Ausstellung sowie zum Begleitprogramm auf der Website www.museum-penzberg.de

© SZ vom 26.10.2020

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