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Münsinger Politik:Angst vorm Schlafort

Grundsätzliches Unbehagen: Die beiden Neubauten der VR-Bank in der Münsinger Ortsmitte sehen die meisten Gemeinderatsmitglieder als richtungsweisend für die Entwicklung der Kommune.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die VR-Bank will in ihrem Neubau am Münsinger Dorfplatz die Ladenflächen verkleinern und mehr Wohnungen schaffen. Baurechtlich ist das möglich. Der Gemeinderat lehnt die Pläne aber mehrheitlich ab - aus Sorge um die Ortsentwicklung

Von Benjamin Engel, Münsing

Woanders ziehen sich Banken aus dem Ort zurück, in vielen Dörfern gibt es keine Filiale mehr. In Münsing investiert die Volks- und Raiffeisenbank (VR-Bank) München dagegen in einen Neubau. Trotzdem hat der Gemeinderat erst kürzlich eine bauplanungsrechtlich wohl unkritische Umplanung mit 15 zu zwei Stimmen abgelehnt - weil die Bank eine Ladeneinheit von 188 auf 85 Quadratmeter verkleinern möchte und stattdessen mehr Wohnungen schaffen will. "Wir verstehen das nicht", sagt Andreas Müller. Die Bank sei mit ihrem Bauvorhaben immer offen und transparent umgegangen, findet der Vorstand der VR-Bank München Land. Baurechtlich stehe der Umplanung nach Absprache mit dem eigenen Planer und der Gemeinde nichts entgegen.

Ohne die Ladenfläche in einem der beiden Neubauten zu reduzieren, droht laut Müller ein Leerstand. Die VR-Bank habe das Wolfratshauser Immobilienbüro Bartsch, das auch für große Lebensmittel-Discounter tätig sei, beauftragt, nach Interessenten zu suchen: erfolglos. "In zweieinhalb Monaten gab es Null Resonanz", sagt Müller. Durch die Pandemie sei es zwar gerade besonders schwer, Gewerbetreibende für Immobilien zu finden. Laut dem Büro Bartsch sei das aber auch schon davor nicht ganz einfach gewesen. "Es gibt einfach keine Nachfrage", sagt Müller, "es ist nicht so, dass wir es nicht versucht haben." Auf der anderen Seite meldeten sich in der provisorischen Übergangsfiliale in der Bachstraße zunehmend Interessenten für Wohnraum. Daher habe die VR-Bank umgeplant. Da bald der Ausbau anstehe, sei dafür der richtige Zeitpunkt. Spätere Umplanungen würden nur teurer werden. Ein Leerstand könne weder Ziel der Kommune noch der VR-Bank sein, betont Müller. Der Zustand mit dem baufälligen Lagerhaus und der nicht barrierefreien Bankfiliale vor dem Neubau sei nicht mehr tragbar gewesen. "Ich weiß nicht, wo die Vorbehalte sind", sagt Müller. "Wir haben offen kommuniziert." Es sei schade, dass der Gemeinderat die Umplanung abgelehnt hat. Die VR-Bank sei in der Region verwurzelt und wolle für diese da sein. Das Baurecht existiere für das Projekt, Sonderkonditionen habe es nie gegeben.

Auch Münsings Bürgermeister Michael Grasl (Freie Wähler) findet das negative Votum unverständlich. Die VR-Bank erhalte den Standort und schaffe dringend benötigten Wohnraum, sagte er nach der Sitzung. Grasl hatte der Umplanung zugestimmt.

Bauplanungsrechtlich ist das wohl auch gar nicht anders möglich. Es ist davon auszugehen, dass das Landratsamt als übergeordnete Behörde die neuen Pläne bewilligen wird. Im Kern geht es den meisten Gemeinderäten aber wohl gar nicht um diese rechtliche Frage. Vielmehr schwingt ein grundsätzliches Unbehagen mit dem Bau und der Entwicklung im Dorfzentrum mit. "Wir wissen natürlich, dass wir keine Chance haben", sagt Thomas Schurz (CSU). Aber der Bauprozess dürfe nicht vergessen werden. Erst sei nur ein, später seien zwei Gebäude geplant worden. Die VR-Bank habe aus seiner Sicht die maximal zulässige Bebauung ausgeschöpft. Er hätte sich gewünscht, dass die Verantwortlichen etwas flächenschonender vorgehen. Schließlich hätten Münsinger Bürger die inzwischen fusionierte Genossenschaftsbank einst gegründet, sagt Schurz.

Dass es schwer ist, in Pandemie-Zeiten einen Gewerbetreibenden zu finden, räumt er ein. Dennoch solle die VR-Bank an der bisherigen Ladenfläche festhalten. Mit etwas mehr Geduld könne man Interessenten finden, ist Schurz überzeugt. Durch den Einbau einer Trockenmauer seien sogar mehrere Geschäfte vorstellbar. Das könne das Dorfzentrum nur beleben.

Wie sich die dörflichen Strukturen in Münsings Zentrum verändern, weil die Bebauung durch das Projekt dichter und enger wird, beschäftigt auch Christine Mair (Grüne). Dass ein erst angedachter Fußweg am nahen Bach nicht realisiert wurde und die Häuser nah an die Straße kommen, kritisiert sie. Die Entwicklung lasse sich nicht aufhalten, sagt Mair. Der Neubau sei ihr aber zu groß, besonders wenn sie an die kleinen Anfänge der Genossenschaftsbank denke. Das Grundstück habe einst ein Landwirt, der seinen Hof aussiedelte, bereitgestellt. Mit dem Neubau rücke Münsings Charakter in Richtung Stadtrandnähe. Dass es mehr Wohnungen braucht, streitet sie nicht ab. Besonders preisgünstig würden die im geplanten Neubau aber wohl nicht, glaubt sie. Zudem brauchten gerade ältere Menschen möglichst viel Platz für Einkaufsmöglichkeiten, sagt Mair.

Das Neubauvorhaben mit Tiefgarage und bislang 18 Wohnungen lässt sich aber auch abseits von Grundsatzfragen rein pragmatisch bewerten. Die Umplanung sei genehmigungsfähig, sagt etwa Simon Berger (Einigkeit Degerndorf). Es komme darauf an, dass die Gebäude später voll belegt seien, ob mit Wohnungen oder Einzelhandel. Insofern habe er dafür gestimmt. "Das ist der Lauf der Zeit."

© SZ vom 19.02.2021
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