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Münsinger Campingplatz:Gentrifizierung am Wohnwagen-Strand

Modernisiert: Die Rezeption des Ambacher Campingplatzes kommt nun in Holzoptik daher.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Das Ehepaar Dürr hat den Campingplatz in Ambach übernommen, um ihn zu modernisieren. Die Münchner haben auch die Preise geändert und zahlreiche Stellplätze aufgelöst. Langjährige Dauergäste fühlen sich dadurch ungerecht behandelt und verdrängt.

Als Lebensprojekt bezeichnet die neue Betreiberfamilie den Campingplatz Ambach. Mit ihren Modernisierungsmaßnahmen stößt sie bei manchen Dauermietern aber auf Unmut. Im Juni hat das Münchner Gastronomenpaar Sandra und Henning Dürr das etwa vier Hektar große Areal übernommen. Um die Auflagen zum Brandschutz einzuhalten, verlangen sie Hecken zu entfernen, wo die Pflanzen die Wege zu stark zugewuchert haben. Manche Mieter müssen nun deutlich mehr zahlen, weil die Gebühren für Stellplätze neu gestaltet wurden. Die Dürrs haben zudem 40 bisherige Stellplätze aufgelöst und den Campern gekündigt. "30 weil wir mussten", sagt Sandra Dürr.

Das hängt insbesondere mit den Sicherheitsbedenken von Schauspieler und Landwirt Sepp Bierbichler zusammen. Er hat wie drei weitere Münsinger Bauern Grundstücke für das Areal beim Ambacher Erholungsgelände verpachtet. Doch manche der Parzellen auf Bierbichlers Grund stehen unter hohen Bäumen. Laut den Dürrs befürchtet der Schauspieler, dass die mächtigen Stämme oder Äste bei Sturm zu Boden krachen könnten. Daher habe Bierbichler diese Stellplätze nicht mehr für den Campingplatz bereitstellen wollen.

Auf einem davon hatten sich Michael Mayer und seine Frau häuslich eingerichtet, sogar einen überdachten Freisitz aus Fichtenholz hatten sie dort. Die Nachricht, nun weichen zu müssen, habe ihn und seine Frau zunächst schockiert, erzählt Mayer. Die Stimmung am Platz sei teils katastrophal. Viele Camper schimpften. "Die Dürrs können aber nichts dafür", findet Mayer. Mit seiner Frau will er nun auf eine andere Parzelle des Platzes ziehen.

Bis vor kurzem sah der Campingplatz noch so aus.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Das kommt für Gerhard Riedel nach 23 Jahren nicht infrage. Mit seiner Frau löst der Feldafinger seine Parzelle auf und verlässt den Campingplatz. Das hänge auch mit dem Alter zusammen, sagt Riedel. Schließlich sei er schon 75. Alles aufzugeben, sei aber nicht schön. Wie viele Camper habe er seine Parzelle kontinuierlich ausgebaut. Doch er versteht auch die neuen Betreiber. "Sie können nichts für die Altlasten", sagt er. Bislang habe jeder um die 1800 Euro Pacht jährlich gezahlt, unabhängig von Größe und Lage der Parzelle.

Künftig wird der Preis pro Quadratmeter erhoben. Wer etwa näher am Starnberger See ist oder besseren Blick auf das Wasser hat, zahlt mehr als weiter entfernte Camper. Für manche werde es extrem teurer, für andere aber auch billiger, erläutert Henning Dürr. Das rechtfertigt er mit den anstehenden Investitionen. So müssten die Sanitäranlagen saniert werden. Der Platz müsse künftig an die Abwasserkanalisation angeschlossen werden. Das koste Geld. "Das ist für uns ein großes unternehmerisches Risiko", sagt Dürr.

Er kann nicht verstehen, dass sogar in einem anonymen Schreiben gegen ihn polemisiert werde. Er müsse die Missstände schließlich beheben, sagt Dürr. Sogar persönlich habe er angepackt, um alte Thujenhecken zu entfernen. Obwohl die Betreiber jedem gekündigten Parzellenpächter einen neuen Standort anbieten, erleben sie manchmal schwierige Momente. "Es sind Einzelschicksale, die einem nahe gehen", sagt Sandra Dürr. So müsse etwa eine Witwe die Parzelle, die sie einst mit ihrem Mann genutzt hat, nun alleine auflösen.

Zwischen herausgerissenen Terrassenplatten und Holzresten sitzt die 77-jährige Christa Pascolo vor ihrem ausgeräumten Wohnwagen. Sie schneidet Plastikfetzen von Eisenstreben ab. Die Münchnerin ist erst seit eineinhalb Jahren auf dem Platz, den sie nun verlässt. Sie mache den neuen Pächtern keine Vorwürfe. Doch viele könnten die neuen Preise plus eine Kaution von 3000 Euro einfach nicht zahlen.

Das Münchner Gastronomenpaar Sandra und Henning Dürr will den Campingplatz für Touristen attraktiver machen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Besonders ungerecht behandelt fühlt sich der frühere Platzwart Peter Grau. Ihm hatte die vormalige Campingbetreiberin Gabriele Hirth im vergangenen Jahr fristlos gekündigt. Es folgten arbeitsrechtliche Auseinandersetzungen vor Gericht. Außerdem strengte Hirth Räumungsklagen an. Bis Ende dieses Jahres - dann laufen ihre Pachtverträge mit den vier grundbesitzenden Landwirten aus - soll Grau seinen Wohnwagen im Wald in der Südostecke des Platzes räumen. Dort lebt er mit seiner Lebensgefährtin. Eine zweite Parzelle mit Wohnwagen soll er bis 31. März auflösen.

Der frühere Platzwart will unbedingt auf dem Platz bleiben, sollte er keine Ersatzwohnung finden. Schließlich lebe er seit 30 Jahren dort und habe viel für andere Camper gemacht, sagt er. Grau fühlt sich diffamiert und ärgert sich über die neuen Betreiber. Aus seiner Sicht dürften die Dürrs gar keine Anweisungen geben. Denn die Pachtverträge mit den Landwirten liefen bis zum 31. Dezember noch auf den Namen der vorherigen Betreiberin.

Die Details zur Besitzübergabe sind tatsächlich noch offen. Die Verhandlungen mit den Landwirten für die Zeit nach dem Jahreswechsel laufen. Das bestätigt auch Henning Dürr, der Grau für "eine manipulative Persönlichkeit" hält. Die Besitz- sei von der Betriebsübergabe des Platzes zu trennen, erklärt er. Und der Betrieb sei zum 1. Juni offiziell auf ihn und seine Frau übertragen worden.

Der Campingplatz ist um 1950 entstanden. Ihr Schwiegervater habe mit einem Bauchladen und einem kleinen Kiosk begonnen, erzählt Gabriele Hirth. Später seien die ersten Camper gekommen. In den 1970er Jahren habe sie den Platz übernommen. Weil sie schon um die 70 sei, habe sie beschlossen, die Leitung abzugeben. Die Dürrs wollen das Areal für Touristen attraktiver machen. Am Starnberger See gebe es nur drei Campingplätze, sagen sie. Allein in Ambach aber sei es möglich, fast unmittelbar bis in Ufernähe zu zelten. "Der Platz hat eine Einmaligkeit."