Die Kehrtwende ist tiefgreifend: Noch im Mai hatte die Führungsspitze des Kuratoriums Wohnen im Alter (KWA) öffentlich erklärt, am Bau des Seniorenwohnstifts in Ambach festhalten zu wollen. Jetzt erklärte der Vorstandsvorsitzende Johannes Rückert, dass das KWA das Vorhaben aufgeben werde. Das habe der Aufsichtsrat am 27. September beschlossen. „Wir halten das Risiko, mit diesem Projekt zu scheitern, für zu groß, um es tragen zu können“, sagte er im Gremium. Würde das Seniorenwohnstift gebaut, könne dies den Bestand des KWA finanziell gefährden.
Basis dafür sind laut Rückert zwei Expertisen, die das KWA in diesem Jahr beauftragt hat. Demnach habe die Agentur Interbrand aus Köln im Januar die Marktfähigkeit des Projekts und die Preisbereitschaft der Zielgruppe analysiert. Zudem habe das Münchner Architekturbüro Henn im Juli die bisherigen Planungen auf ein für den Standort angemessenes Optimierungspotenzial untersucht. Im Ergebnis seien nochmals „sehr deutliche Kostensteigerungen“ in den Raum gestellt worden, so Rückert.
79 Wohnungen reichten nicht, um das Seniorenstift wirtschaftlich zu betreiben
„Das Projekt verfügt mit seinen 79 Wohnungen schlicht über zu wenig vermietbare Wohnfläche, um die vollwertigen Nebenflächen eines KWA-Wohnstifts, das normalerweise über 120 bis 150 Wohnungen verfügt, wirtschaftlich betreiben zu können“, hatte es der Vorstandsvorsitzende in einem Brief an Münsings Bürgermeister Michael Grasl (Freie Wähler) formuliert. In der Ratssitzung betonte Rückert, dass sich das KWA aber nicht davonstehlen wolle. Das Unternehmen sei vielmehr sehr interessiert daran, mit der Kommune über alternative Lösungen zu sprechen, von denen Münsing profitieren könne.
Das KWA hat den Großteil des Areals des früheren Wiedemann-Kursanatoriums in Ambach vor acht Jahren gekauft. Die Gebäude standen seit 2008 leer. Die Planungen für ein Seniorenwohnstift am Hanggrundstück oberhalb des Ostufers des Starnberger Sees haben sich lange hingezogen. Früh kritisierte insbesondere der Ostuferschutzverband (OSV) die Dimensionen des Projekts auch mit Verweis auf die fehlende Infrastruktur in dem Ortsteil der Kommune Münsing. Eine Initiative war sogar mit einem Bürgerbegehren erfolgreich, dessen Forderungen sich der Gemeinderat zu eigen machte.

Für das Projekt hatte das Büro des italienischen Architekten Matteo Thun einen Architektenwettbewerb gewonnen. Die Gemeinde Münsing erarbeitete einen vorhabenbezogenen Bebauungsplan und schloss mit dem KWA einen Durchführungsvertrag, welcher das Unternehmen rechtlich bindet. Darin ist etwa die Mitnutzung der integrierten Tagespflege geregelt, die der Kommune aus Bedarfsgründen wichtig war.
Entsprechend enttäuscht zeigte sich Bürgermeister Grasl. „Es ist klar, dass die Ernüchterung bei uns groß ist“, sagte der Rathauschef. Mit dieser Nachricht trete eine Zeitwende ein. Von den vertraglichen Regelungen könne das KWA allerdings nur abweichen, wenn der Gemeinderat zustimme. Zugleich helfe es Ambach nichts, wenn das Areal eine Brache bleibe – inzwischen sind alle einstigen Gebäude des Kursanatoriums abgerissen. Daher gelte es, nach Wegen zu suchen, um eine juristisch-vertragliche Lösung für das einstige Wiedemann-Grundstück zu finden. Das könne Jahre dauern. Gegen Widerstände werde die Gemeinde nicht mehr tätig werden, so Grasl.
Der OSV ruft die Kommune auf, nun eigene Vorstellungen zu entwickeln
In der Kommune gab es vor Jahren bereits eine Arbeitsgruppe für eine Tagespflege. Dritte Bürgermeisterin Regina Reitenhardt (Wählergruppe Münsing) erinnerte daran, dass die Gemeinde damals bereits einen Träger gefunden habe. Doch sei die Initiative ad acta gelegt worden, als das KWA eingestiegen sei. „Jetzt bin ich sehr gespannt auf ihre Vorschläge, um die Senioren in der Gemeinde und der Umgebung zu unterstützen“, so Reitenhardt. Ursula Scriba (Bürgerliste) wies darauf hin, dass das Aus für das Projekt auch dem seniorenpolitischen Gesamtkonzept des Landkreises entgegenstehe. „Sie haben sich vom Baurecht mit dem Verlassen des Vertrags verabschiedet“, so die Gemeinderätin.
Äußerst kritisch reagierten auch die beiden CSU-Gemeinderäte Thomas Schurz und Helge Strauß. Schließlich habe der Großteil des Gremiums das KWA bei dem Projekt immer unterstützt. Von dem Unternehmen brauche er keine Vorschläge mehr, so Schurz. „Ich werde dagegen stimmen.“ Von einer „guten Nachricht für Ambach und das Ostufer“ sprach Matthias Richter-Turtur (Grüne). Dass das Projekt an dieser Stelle ungeeignet sei, habe schon das Bürgerbegehren verdeutlicht.
In seiner Kritik sieht sich auch der OSV bestätigt. Weder die Klinikplanung eines Berliner Investors noch das KWA-Seniorenwohnstift ließen sich an dieser Stelle sinnvoll verwirklichen, so der Verband in einer Stellungnahme. Die Baugeschichte zeige, dass die Gemeinde eigene Vorstellungen entwickeln und die Bürger, besonders die Ambacher, dabei einbeziehen sollte. Aus Landschaftsschutz- und Sicherheitsgründen sei aktuell nur dringend, die riesigen Krater am Areal am Simetsbergweg aufzufüllen.

