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Wiedemann-Klinik:Patienten-Akten frei zugänglich

Sogar Röntgenbilder liegen offenbar jahrelang in dem maroden Gebäude in Münsing herum - auch von den prominenten Besuchern. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Von Barbara Briessmann, Münsing

Zehn Jahre lang haben im früheren Kursanatorium Wiedemann offenbar Krankenakten und Röntgenbilder herumgelegen, darunter die vieler prominenter Patienten. Die Akten waren einsehbar für jeden, der sich Zugang zum Gebäude verschafft hatte, was wegen kaputter Türen und Fenster nicht schwer war. Jeder hätte sich so ein umfassendes medizinisches Bild der Patienten der Wiedemann-Klinik in Ambach machen können.

Als die Zuständigen des neuen Käufers "Kuratorium Wohnen im Alter" (KWA) auf die Zustände aufmerksam wurden, entsorgten sie sofort die sensiblen Daten. "Zu unserer Überraschung fanden wir bei einer ersten Besichtigung der maroden baulichen Anlage auf dem ehemaligen Wiedemann-Areal in verschiedenen Räumen noch Unterlagen, die dem früheren Klinikbetrieb zugeordnet werden konnten", heißt es in einer Mitteilung des KWA. Inzwischen arbeitet das Landesamt für Datenschutzaufsicht an dem Fall, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Seit elf Tagen ist das KWA im Besitz der Immobilie. Der Ärger scheint nicht abzureißen.

Ordner, Kartons, Müll: Jahrelang lagen Papiere in der früheren Wiedemann-Klinik herum, darunter offenbar auch Krankenakten.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Am Donnerstag wandte sich das KWA an die Öffentlichkeit. Sie seien erschüttert von "haltlosen Gerüchten und Mutmaßungen", teilen die Vorstände Horst Schmieder und Stefan Arend mit. Insbesondere die Verwendung des Begriffs "Senioren-Getto" erbost die KWA-Chefs. "Diesen Begriff in Zusammenhang mit Senioren zu verwenden, ist nicht nur geschmacklos, sondern verbietet sich schlichtweg, aus Respekt vor älteren Menschen", schreiben sie.

Das KWA will in Ambach auf einem Teil des früheren Wiedemann-Grundstücks ein Seniorenwohnstift errichten. Insgesamt 90 Wohnungen mit Gastronomie und Schwimmbad sollen entstehen. Noch liegen keine Baupläne vor, dennoch kursieren bei den Gegnern des Projekts Modelle im Internet. "Alles, was derzeit an Gerüchten und angeblichen Plänen verbreitet wird, entbehrt jeglicher Grundlage", teilt der KWA-Vorstand mit. Die Pläne seien noch lange nicht fertig, würden derzeit aber "in intensiver Abstimmung mit den gemeindlichen Gremien und Behörden weiter vorangebracht".

Das frühere Kursanatorium verfällt seit zehn Jahren.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Die Gegner haben sich formiert. So hat der Architekt und Enkel des Klinik-Gründers Sebastian Wiedemann eine Initiative gegründet, weil er befürchtet, das KWA-Vorhaben könnte zu groß ausfallen. Auch der Ostuferschutzverband (OSV) kritisiert das Bauprojekt. Er fürchtet um den Baumbestand und hat die Schreckensvision eines "Senioren-Gettos" aufgebracht.

Das bringt auch Münsings Bürgermeister Michael Grasl in Rage: "Ich persönlich finde diese Bezeichnung herabwürdigend, peinlich und völlig unpassend", schreibt er in einer Pressemitteilung. Grasl fragt, ob die Gegner des Seniorenwohnstifts nicht alt und vielleicht pflege- oder betreuungsbedürftig würden. Er verspricht, die Gemeinde werde sich sehr genau und kritisch auf ihre Planungshoheit und den Baumschutz konzentrieren. Die Kritiker einer solchen Einrichtung dächten "sehr kurzsichtig. Lieber beschäftigt man sich mit den Gegenständen, die seit über zehn Jahren in der Ruine ihr Dasein fristen."

Zur Ruine wurde die Wiedemann-Kurklinik, nachdem eine italienische Firma den Betrieb 2004 übernommen hatte und 2005 Insolvenz anmelden musste. Beim Auszug ließen die Betreiber offenbar alles stehen und liegen, auch die Patienten-Akten, die sie von Wiedemann übernommen hatten. Wie Spuren zeigen, waren wohl immer wieder Menschen in dem Klinikbau. Die Polizei stieß vor Wochen auf eine Krankenakte. Auf der Straße lagen Befunde eines früheren Patienten, die möglicherweise Jugendliche entwendet hätten, sagte ein Polizeisprecher.

© SZ vom 01.07.2016
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