Landwirtschaft:Eine Ammenkuh zum Aufwachsen

Lesezeit: 3 min

Landwirtschaft: Dass Kälber aus einem Eimer trinken, ist auch auf einem Bio-Betrieb durchaus üblich.

Dass Kälber aus einem Eimer trinken, ist auch auf einem Bio-Betrieb durchaus üblich.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Dass Kälber schon bald aus einem Eimer trinken, ist auch auf einem Bio-Betrieb durchaus üblich. In Münsing sollen sie künftig direkt am Euter saugen können - der Bauernhof zählt damit zu den Vorreitern für diese Haltungsform in Bayern.

Von Benjamin Engel

Die Kälber bald von der Mutterkuh zu trennen, ist selbst in landwirtschaftlichen Bio-Betrieben die am meisten verbreitete Praxis. Das hat zum Einen den Grund, dass der Trennungsschmerz verstärkt wird, je länger die Kuh und ihr Kalb zusammen bleiben. Andererseits soll sich das Kälbchen bei der Mutter nicht mit übertragbaren Krankheiten infizieren. Getränkt werden die jungen Tiere aus dem Kübel. Manchmal funktioniert das nicht besonders gut. Erst kürzlich hatten Hans und sein Sohn Simon Hofner auf ihrem Münsinger Naturland-Betrieb ein Kälbchen, das nicht trinken wollte. Erst waren sie ratlos, dann stellten sie eine andere Kuh dazu. "Das Kalb hat sofort gesoffen, relativ bald mit der Kuh Gras mitgefressen und war total fit", schildert Simon Hofner.

Dieses Erlebnis war der Auslöser für die Idee, einen Kälber- und Ammenstall zu bauen. Der Münsinger Gemeinderat hat den Bauantrag dafür im vergangenen Juni gebilligt. Jetzt muss nur noch das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen zustimmen. Dann könnten die Hofners mit dem Bau beginnen.

Die Form der Ammenkuh-Haltung, bei der eine Kuh mehrere fremde Kälber annimmt, ist noch selten. "Das ist eine Besonderheit", sagt Markus Fadl. Der Sprecher des Naturland-Verbands mit Sitz in Gräfelfing, bei dem auch der Münsinger Hof der Familie Hofner Mitglied ist, begründet das damit, dass dies auch eine Kostenfrage sei, gerade bei den höheren Liter-Preisen für die Milch in der ökologischen Landwirtschaft. Denn direkt am Euter sauge ein Kälbchen pro Tag viel mehr Milch als aus dem Kübel. Also kann auch weniger verkauft werden.

In ganz Bayern betreiben nur etwa zwei Dutzend im Naturland-Verband organisierte Milchviehbetriebe eine kuhgebundenen Kälberaufzucht. Darunter ist zu verstehen, dass der Nachwuchs längere Zeit bei der Mutter oder einer Ammenkuh aufwächst. Im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen gibt es laut Fadl bislang noch keinen einzigen Bauernhof mit dieser Haltungsform. Damit wäre der Betrieb der Münsinger Familie Hofner der erste.

"Generell ist die Zahl der Betriebe, die die kuhgebundene Kälberaufzucht betreiben, derzeit noch verschwindend gering", sagt Fadl - und zwar insgesamt in der Landwirtschaft, wie er betont. Mehrere Molkereien diskutierten aber, die Haltungsform womöglich durch die Zahlung eines Zuschlags beim Milchgeld zu fördern. Sollte dies eingeführt werde, sei davon auszugehen, dass die Zahl der Höfe mit kuhgebundener Aufzucht steige, so Fadl. "Der Betrieb Hofner ist insofern Vorreiter einer zu erwartenden Entwicklung."

Für Simon Hofner und seine Familie ist die Ammenkuh-Haltung in ihrem Milchviehbetrieb auch ein Versuch. Denn nicht jede Kuh eigene sich dafür, fremde Kälber anzunehmen, sagt der Jung-Landwirt. Auf den Charakter der Tiere müsse man sehr genau achten. "Wir müssen das ausprobieren." Die Idee sei, im neuen Stall jeweils zwei bis vier Kälber zu zwei Ammenkühen zu geben. So könnten die zur Nachzucht vorgesehenen weiblichen Kälbchen drei Monate lang direkt aus dem Euter der Amme trinken, bevor sie mit der Herde mitlaufen. Bis zu 21 Kälber könnten in den restlichen drei Boxen des neuen Stalls bis zum Alter von fünf bis sechs Wochen mit Joghurttränke aufgezogen werden. Dann müssten sie verkauft werden.

Damit die Milchwirtschaft funktioniert, muss eine Kuh pro Jahr ein Kalb bekommen. Sonst gibt sie keine Milch und kann nicht für die spätere Produktverarbeitung gemolken werden. Alle 80 bis 90 auf dem Münsinger Hof der Familie Hofner pro Jahr geborenen Kälber aufzuziehen, ist schon allein aus Platzgründen nicht möglich.

Landwirtschaft: Der Bio-Bauer Simon Hofner aus Münsing kümmert sich um das Wohlergehen seiner Tiere. Etwas außerhalb des Ortes hat er einen Laufstall für etwa 70 Milchkühe. Dort ist nun eine Erweiterung geplant.

Der Bio-Bauer Simon Hofner aus Münsing kümmert sich um das Wohlergehen seiner Tiere. Etwas außerhalb des Ortes hat er einen Laufstall für etwa 70 Milchkühe. Dort ist nun eine Erweiterung geplant.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Bis kurz nach der Jahrtausendwende hatte die Familie ihren Stall mit 25 Milchkühen mitten im Hauptort Münsing. 2002 siedelten sie aus und bauten einen Laufstall am Biberweg 800 Meter außerhalb des Dorfes für 70 Milchkühe. Für die jetzt geplante, zusätzliche Ammenkuh-Haltung hätte der Platz nicht ausgereicht. Daher soll der neue etwa 18 mal knapp neun Meter große Stall etwas westlich des jetzigen errichtet werden. Mit einem Rolltor soll er sich Richtung Osten öffnen lassen, um viel Frischluft hineinzulassen und den Stall mit der Morgensonne schnell erwärmen zu können. Denn eine Heizung gibt es in keinem der Ställe, wie Simon Hofner sagt.

Er steht für die junge Nachfolgegeneration auf dem ökologisch wirtschaftenden Betrieb. Im vergangenen Frühjahr hat er seinen Abschluss an der Meisterschule in Weilheim gemacht. Dort ist er auch auf die Ammenkuh-Haltung aufmerksam geworden, wie er sagt. Solche Aufzucht-Formen seien momentan sehr im Kommen. Auch immer mehr Molkereien dächten in diese Richtung. "Das ist auch eine gute Imagepflege", sagt Hofner. Wenn die Kälber bei der Amme gut saugten, wüchsen sie nicht nur robuster auf und fräßen seiner Erfahrung nach schneller. Und auch er habe weniger Arbeit, wenn er die Kälbchen nicht zweimal am Tag tränken müsse. Im eigenen Laufstall haben die Tiere direkt angrenzend Auslaufzonen im Freien für das ganze Jahr. Zwischen April und Oktober ist das Jungvieh den Sommer über ausschließlich auf der Weide, die Kühe aber nur halbtags, da die Weidefläche begrenzt ist.

Auch über die reine Milchviehwirtschaft hinaus denkt die Familie ökologisch. Zum Neubau vor knapp 20 Jahren hat sie auch eine Wildhecke am angrenzenden Feldweg gepflanzt. Das sei ein wirksamer Sichtschutz für die vielen Ausflügler, die dort vorbeikämen und auch für die Vögel und Insekten ein wichtiges Habitat, sagt Simon Hofner.

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