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Forstwirtschaft:Wie der Baum vom Wald ins Wohnzimmer kommt

Die Eiche aus dem Privatwald von Hans Neumann (rechts im Bild). Außerdem die Tochter von Neumann Christiane und ihr Mann Nikolaus Mair, der Revierförster Sebastian Schlenz, Florian Loher von der Waldbesitzervereinigung Wolfratshausen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Zwischen ihrer Fällung und ihrer Verarbeitung legen Bäume lange Wege zurück. Über das Schicksal einer Eiche mit der Losnummer 445.

Bekanntgabe der Submissionsergebnisse am Erholungsgelände Ambach. 18 verschiedene Baumgattungen wurden angeboten

(Foto: Hartmut Pöstges)

86 prächtige Zentimeter Durchmesser misst die Eiche. Ein Vorzeigeexemplar von einem Baum: Sie ist sechs Meter lang und kerzengerade. Auf der abgeschnittenen Fläche sind keine Flecken zu sehen und kaum Äste, die entfernt werden mussten. Bis vor kurzem war sie noch im Privatwald von Hans Neumann zu Hause, in einem Waldstück nördlich von Münsing. An diesem Tag legt sie einen Zwischenstopp bei der Wertholzsubmission in Ambach ein, bevor sie zu einem Furnierer in Unterfranken transportiert wird.

Es ist ein Februarnachmittag am Erholungsgebiet in Ambach. Anhand der Eiche mit der Losnummer 445 lässt sich lernen, wie der Weg des Baums ins Wohnzimmer verläuft - ein Weg, der auch von logistischen Herausforderungen geprägt ist, wie sich noch zeigen wird. Zunächst aber beugt sich der Revierförster Sebastian Schlenz über den Stamm und zählt die Jahresringe ab.

"Diese Eiche ist etwa 100 bis 120 Jahre alt", sagt er. Das sei für eine Eiche weder besonders alt noch jung. Der Zustand sei allerdings besonders gut, so Schlenz. Da pflichtet ihm auch Florian Loher, Geschäftsführer der Waldbesitzervereinigung Wolfratshausen (WBV) bei: "Sie hat einen herausragenden Wert."

Stammqualität, Astfreiheit, Dimension - der Wert eines Baumes hängt von mehreren Parametern ab

Der Wert eines Baumes hängt von verschiedenen Parametern ab. Wenn möglich, sollte der Stamm gerade sein, damit er gut weiterverarbeitet werden kann, so Schlenz. Außerdem sei eine Astfreiheit "von Vorteil". Auch die Dimension ist wichtig. Aus einem dicken Stamm mit breitem Durchmesser könne in der Weiterverarbeitung mehr Holz gewonnen werden, ergänzt Loher. Bei gleichmäßigen und breiten Jahresringen könne die Gesundheit eines Baumes festgestellt werden. "Ein Profi kann aus einem Baumstamm die gesamte Geschichte rauslesen", sagt Loher.

An diesem Nachmittag lässt sich auch ein Trend in der Holzszene erfahren. "Die Eiche ist in Mode", sagt Christian Webert, Bereichsleiter Forsten des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Holzkirchen. Sie sei für den "Klimawandel sehr attraktiv", erklärt Loher. Das Wurzelwerk gehe tief in den Boden um sich mit Wasser zu versorgen, so Webert.

Außerdem stünde die Eiche besonders stabil. Sie ist die zweithäufigste Laubbaumgattung in Bayern und besonders in Oberbayern wachse sie gut, sagt Schlenz. Das Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten beschreibt die Eiche als "langlebig, genügsam, stresstolerant und regenerationskräftig."

Deshalb stehen in Neumanns Wald neben 30 verschiedenen Baumarten auch zahlreiche Eichen. Somit sei auch das Entfernen dieser Eiche nachhaltig, so Webert. Genauso wie ihre Verwendung: Wie Holzbildhauer Hans Neumann verrät, soll aus den Überresten ein Steinbock entstehen. Eine Herausforderung beim Stamm-Verkauf ist die Logistik. So auch, als die Losnummer 445 gefällt wurde. Das Volumen von dreieinhalb Kubikmetern entspricht ebenso vielen Tonnen Gewicht, die es zu wuchten galt, sagt Loher.

Bekanntgabe der Submissionsergebnisse am Erholungsgelände Ambach. 18 verschiedene Baumgattungen wurden angeboten.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Das Problem: Der Baumstamm lag am Rand einer schlecht befestigten Straße. "Selbst für einen Kran ist das eine große Belastung", weiß der Geschäftsführer der WBV. Bei günstigen Witterungen und mit vereinten Kräften gelang es schließlich, den Stamm zum drei Kilometer entfernten Parkplatz in Ambach zu transportieren.

Ein Bergahorn aus Tirol wurde zur "Braut"

Über die Zukunft des Vorzeige-Eichenstammes wurde schließlich bei der Versteigerung entschieden. Die "Braut", also der Stamm mit dem höchsten Gebot pro Kubikmeter war zwar ein Bergahorn aus Tirol, dennoch sei "die Eiche weiterhin der Renner", sagt Gerhard Penninger, Geschäftsführer der WBV Holzkirchen und Organisator der Submission.

Für Baum Nummer 445 kam bei 1884 Euro der Zuschlag, es war ein Furnierer aus dem 377 Kilometer entfernten Lohr am Main. Dort wird der Mann die Eiche in drei Millimeter dicke Scheiben schneiden. Die Nachfrage nach teuren Baumarten wie dieser sei momentan groß. Es würden vermehrt Investitionen in Dauerhaftes getätigt, so Loher. Geld spiele dabei eine relativ kleine Rolle.

Ob aus der Eiche aus Neumanns Wald hochwertige Furnierproduktion oder Schnittware werden, wird erst entschieden, wenn der Käufer die Eiche in Ambach abholt. Dies muss bis zum 13. März geschehen. Ob Baum Nummer 445 nun also ein neuer Esstisch, ein Schrank oder Bretter wird, bleibt abzuwarten. Den Weg in jemandes Wohnzimmer findet die Eiche jedoch bestimmt.

© SZ vom 18.02.2020/vfs
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