In Ammerland ist der vorerst letzte Dampfer der Seenschifffahrt im Jahr 2018 abgefahren. Der Steg im zentral am Ostufer des Starnberger Sees gelegenen Ortsteil der Gemeinde Münsing ist abgebaut. Damit begann ein touristischer Abwärtssog. Im direkt angrenzenden Hotel am See stellte Reinhard Sailer 2020 den Gastbetrieb endgültig ein. Für Übernachtungen ist im Winter geschlossen. Genauso existiert der idyllische Brotzeitgarten der Fischerfamilie Sebald nicht mehr. Kunden und Gäste können nur noch an wenigen Tischen direkt vor dem Ladengeschäft sitzen. Und auch das Wirtepaar des Gasthauses Gerer etwas weiter hangaufwärts im Ort will nach dem Sommer 2026 definitiv zusperren.
„Das ist jammerschade“, sagt Münsings Bürgermeister Michael Grasl (Freie Wähler) auf Nachfrage. Er erklärt sich die negative Entwicklung auch damit, dass viele aktive Betriebe überlastet seien – von der schwierigen Personalsuche im touristischen Gewerbe, stark gestiegenen Kosten, bürokratischen Auflagen und einem sehr hohen Anspruchsdenken der Kundschaft. Gebe es keinen Nachwuchs aus der Familie, sperrten viele Traditionsbetriebe in der Gastronomie zu, sagt Grasl.
Damit beschreibt der Münsinger Rathauschef die Kernmisere zahlreicher Tourismusbetriebe. In Familienhand ist das Gasthaus Gerer seit weit mehr als einem Jahrhundert. 1893 pachteten die Urgroßeltern der Inhaberin die Wirtschaft, kauften 1906 den Betrieb. Jetzt fehlt der Familiennachwuchs, der das Gasthaus übernehmen könnte. Die Tochter der jetzigen Inhaber Gabriele Gerer und Günter Stroka-Gerer, beide Mitte 60, hilft zwar zeitweise aus, hat sich aber beruflich anderweitig orientiert. Für den Weiterbetrieb des bayerisch-bodenständigen Hauses hätten die aktuellen Wirte erneut investieren müssen. Keine Option für das Paar.
„Das ist der Lauf der Zeit“, stellt Gabriele Gerer fest. In Ammerland sei die Saison generell kurz. Ausflügler kämen im Sommer nur bei schönem Wetter, im Winter sei es ruhig. Es sei schwieriger, Personal zu finden, das akzeptiere, bei gutem Wetter zu arbeiten und bei schlechtem Wetter freizuhaben. Neue Wirte müssten nach einer Übernahme erst einmal viel Geld ausgeben, um alle aktuellen Auflagen wie etwa für den Brandschutz zu erfüllen. Das historische Gebäude aus der Mitte des 19. Jahrhunderts in vertretbarem finanziellem Rahmen so umzubauen, sei kaum zu schaffen, so Gerer.

Gabriele Gerer war 15 Jahre alt, als sie am 1. August 1976 im elterlichen Betrieb zu arbeiten begann. „Es war eine schöne Zeit mit vielen schönen Erlebnissen“, sagt sie. Sie und ihr Mann hätten an fast jedem Wochenende gearbeitet, seien praktisch nie in den Urlaub gefahren. „Es ist einfach vorbei“, sagt Gerer. Nur die 50 Jahre im Gasthaus will sie noch vollmachen. Deshalb soll erst nach der Sommersaison 2026 Schluss sein. Anschließend will sich das Paar nur noch auf die ganzjährig vermieteten Zimmer im Haus konzentrieren. Unter diesen Bedingungen fremde Pächter ins Haus zu holen, kam für die Gerers nicht infrage.
Eine ähnliche Gemengelage gab es beim Hotel am See ein paar Jahre vorher. Von einer „Knochenmühle“, die er sich nicht mehr antun wolle, sprach Reinhard Sailer. Mit seiner Frau hatte er das Haus samt Gastronomie seit 1975 geführt, schloss den Gastbetrieb 2020 endgültig. Die Tochter ist als promovierte Biochemikerin beruflich tätig, der Betrieb ohne Investitionen im mehr als hundert Jahre alten Gebäude nicht zukunftsfähig, Reinhard Sailer selbst im Rentenalter.

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Der Inhaber des Hotels am See ist wesentlich mitschuldig, dass es den Dampfersteg und damit den Halt in Ammerland nicht mehr gibt. Denn der Zugang führte über ein Grundstück in Eigentum Sailers. Nur noch kurzfristig, für ein Jahr, wollte er den Pachtvertrag für die Nutzung verlängern. Das bot der Seenschifffahrt keine Perspektive, weswegen diese den maroden Steg nicht mehr durch einen Neubau ersetzen wollte – und abbaute.
„Leider schließen wir den Brotzeitgarten aus betrieblichen und gesundheitlichen Gründen dauerhaft“, hieß es auf der Homepage des Hoffischers Sebald im Frühjahr 2025. An schönen Tagen mit Ausflugswetter drängten sich Radfahrer und Spaziergänger an den Tischen auf der Wiese unter den Obstbäumen und im Fischgeschäft besonders. Das könnte für die Betreiberfamilie den Anstoß gegeben haben, kürzerzutreten.

Kurzfristig war zu befürchten, dass auch die Bäckerei Graf für immer zusperren könnte. Wegen Personalmangels pausierte der Betrieb seit Mitte September 2024 für ein knappes halbes Jahr. Anschließend eröffnete Bäcker- und Konditormeister Franz Graf. Der Mittzwanziger trat die Nachfolge seiner Eltern an. Im Geschäft hat das einstige Tante-Emma-Prinzip bis zu Sanitärartikeln zwar ausgedient. Zu kaufen gibt es regionale Wurst- und Milchprodukte sowie Grillfleisch. Die als Drehort für die Fernsehserie „Hubert und/ohne Staller“ bekannte Bäckerei hat neuerdings sonntags offen und montags zu.
Als kommissarische Vorsitzende der Münsinger Interessengemeinschaft (IG) Tourismus bedauert Tanja Holzer es jedes Mal, wenn ein Betrieb aufhört. Angesichts der vielen Herausforderungen könne sie die Entscheidungen aber oft nachvollziehen, sagt die Ambacherin. Die existierenden Betriebe gelte es zu unterstützen. Der Tourismus sei ein wichtiger Wirtschaftszweig in der Gemeinde. Daher setzt sich die IG dafür ein, Hinweisschilder und Panoramatafeln in der Kommune aufzustellen. Es gibt auch eine Gourmetwanderung, bei der Gäste in verschiedenen Gasthäusern einkehren können.

