Er sieht aus, als hätte man ihm den Stöpsel gezogen: Der Sylvensteinsee zieht sich Tag für Tag ein Stück weiter zurück, die Uferstreifen wachsen und wachsen. Aktuell liege der Wasserstand fünf Meter unter der normalen Sommer-Stauhöhe von 750 Metern über dem Meeresspiegel, erklärt Tobias Lang vom Wasserwirtschaftsamt Weilheim. „Aber dafür ist der Speicher ja da.“
Die markante Talsperre südlich von Lenggries, die in den Jahren 1954 bis 1959 gebaut wurde, hat seinen Worten nach zwei Aufgaben: den „Hochwasserrückhalt“ und die „Niedrigwasseraufhöhung“ in der Isar. „In einer der beiden Phasen befinden wir uns meistens, dieses Jahr bevorzugt in der zweiten.“ Lang kann dies auf den Tag genau sagen: Seit 22. April habe der Wasserstand im Stausee kontinuierlich abgenommen. Seither ist aus dem Speicher also mehr Wasser ab- als hineingeflossen. Der Experte nennt dies „Zuschuss“. „Wir haben der Isar seither 26 Millionen Kubikmeter Wasser zugeschossen.“


Seit Sonntag muss der Fluss mit weniger Wasser auskommen. Das Wasserwirtschaftsamt hat die Abgabe von 14 Kubikmetern pro Sekunde auf elf reduziert. Damit greift eine Staffellösung, die Lang und sein Team in den vergangenen 15 Jahren vielfach erprobt haben. Ausschlaggebend ist der Durchfluss in Bad Tölz, der idealerweise bei 20 Kubikmetern liegt. Im sogenannten „Jahrhundertsommer“ 2003 habe man versucht, diesen Wert zu halten, erzählt Lang. „Und dann stellte man fest: Der Speicher ist leer.“ Das soll nicht mehr so schnell passieren.
Die Staffellösung sieht so aus: „Wenn ein Drittel der Wassermenge im See raus ist, reduzieren wir in Tölz auf 18 Kubikmeter. Ist die Hälfte raus, auf 15. Und bei zwei Dritteln auf zwölf.“ Seit Sonntag gelte Staffelstufe zwei. Der See ist also halb leer. Die Natur könne sich darauf einstellen, sagt Lang. „Wäre der Speicher nicht da, müssten die aquatischen Lebewesen – ebenso wie die Bootsfahrer – auch damit klarkommen.“ Und auch die Müllverbrennungsanlage München am Heizkraftwerk Nord, die mit Wasser aus dem Mittlere-Isar-Kanal gekühlt wird.


Durch die Staffelung sei das Wasserwirtschaftsamt in der Lage, die „Zuschusstage“ zu verdoppeln, erklärt Lang. „In Trockenphasen können wir zweimal so lange durchhalten.“ Wie lange dies aktuell wäre? „Wenn kein Regen fällt, ungefähr 45 Tage.“ Hie und da ein Gewitter wie am Dienstag mache keinen Unterschied, sagt er. „Das macht nur das Gras nass.“
Was aber würde passieren, wenn in den nächsten 45 Tagen kein ergiebiger Regen fiele? „Dann ist Zufluss gleich Abfluss“, erklärt er. Das habe es schon einmal im Sommer 1962 gegeben. Damals sei der Speicher innerhalb von sechs Wochen leergelaufen. Und dann habe es sechs Monate keinen nennenswerten Zufluss gegeben. „Der See ist erst im April 1963 mit der Schneeschmelze wieder hochgekommen.“
Der Sylvensteinspeicher speist sich aus dem Karwendelgebirge; die Hauptzuflüsse sind Isar, Dürrach und Walchen. Allen dreien wird zuvor Wasser für den Betrieb von Kraftwerken entzogen: das der Isar für das Walchenseekraftwerk, das von Dürrach und Walchen für das Achenseekraftwerk in Tirol. Um die Menge des sogenannten Restwassers in den natürlichen Flussbetten kämpfen Naturschützer seit Jahrzehnten.
Nahezu leer konnte man den Speichersee zuletzt im Dezember 2015 erleben, als das Wasserwirtschaftsamt den Wasserstand auf ein Minimum senkte, um ein neues Revisionsschütz einzubauen. Die vier mal fünf Meter große Stahlplatte dient als Verschluss des Grundauslassstollens, also des Ablaufs des Speichers. In den Stollen sind Schieber eingebaut, über die sich die Wasserabgabe regeln lässt.
Bei der Aktion kamen die Grundmauern des alten Dörfchens Fall zum Vorschein, das 1957 geflutet worden war. Die Bewohner hatten dem Speichersee weichen müssen und bauten das neue Fall in 800 Metern Entfernung an der Straße nach Vorderriß wieder auf.
In einer ersten Version hieß es, der Walchen werde Wasser für den Betrieb des Walchenseekraftwerks entzogen. Das stimmt nicht. Das Wasser wird für den Betrieb des Achenseekraftwerks genutzt.

