Die kurvenreiche Bundesstraße 307 am Sylvensteinspeicher hat sich als beliebte wie gefährliche Route für Motorradfahrer etabliert. Seit der Kesselberg für sie teilweise gesperrt und damit weniger attraktiv ist, häufen sich an der Strecke bei Fall die Unfälle. Im Gebiet um den Sylvensteinspeichersee sind in der Saison 2025 bereits drei Motorradfahrer tödlich verunglückt.
Es ist eine für die bei Unfällen zuerst alarmierten Einsatzkräfte der kleinen Faller Feuerwehr sehr belastende Situation, gegen die Florian Streibl nun einen digitalen Pilotversuch zur Tempomessung ins Spiel bringt. Der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler im bayerischen Landtag erklärt nach einem Ortstermin, dass niemand vor der Situation kapitulieren sollte. Es gehe darum, die Feuerwehr bestmöglich auszurüsten und zugleich jede technisch sinnvolle Möglichkeit zu nutzen, um Raserei auf der Straße am Sylvensteinspeicher schon im Vorfeld wirksam zu verhindern.

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Das Instrument dafür könnte die sogenannte Section Control sein. Geblitzt wird damit nicht nur an einer Stelle. Stattdessen erfasst das System das Durchschnittstempo der Verkehrsteilnehmer über eine längere Strecke an zwei Messpunkten. Ist die Geschwindigkeit zu hoch, löst eine Kamera aus. Mit dem Foto von Kennzeichen und Fahrer lassen sich so Bußgeldverfahren einleiten. „Es nützt dem Raser nichts, vor dem Blitzer nur kurz abzubremsen, um danach wieder Vollgas zu geben“, so Streibl. „Diese Messmethode ist in unserem Nachbarland Österreich bereits sehr erfolgreich.“
In Deutschland startete das Bundesland Niedersachsen im Oktober 2019 einen Pilotversuch mit diesem Instrument der Abschnittskontrolle auf der Bundesstraße 6 südlich von Hannover. Laut Angaben des dortigen Innenministeriums konnte die Polizeidirektion Hannover damit bis Ende Juni 2020 insgesamt 1065 Tempoverstöße anzeigen lassen. Es gelang, das Durchschnittstempo auf der Strecke zu senken. Das System lief noch einige Jahre weiter, wurde aber aus Datenschutzgründen eingestellt.
In Österreich wird von hinten geblitzt und der Halter muss haften
An den Bund appelliert Streibl deshalb, die Gesetzesgrundlagen zu verändern und sich endlich zu bewegen. „Wenn wir wollen, dass der Sylvenstein keine Rennstrecke bleibt, müssen wir den Datenschutz pragmatisch anwenden, statt ihn als Totschlagargument gegen Sicherheit zu nutzen“, so der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler im Bayerischen Landtag.
Zusätzlich im Weg steht noch das in Deutschland geltende Prinzip der Fahrerhaftung. Wird aber von vorn geblitzt, wird beim Motorrad kein Kennzeichen erfasst. Auch funktioniert die Gesichtserkennung wegen des Helmvisiers nicht. In Österreich haftet dagegen der Halter bei Verstößen, unabhängig vom Fahrer. Alle Fahrzeuge werden von hinten geblitzt.
Die Faller Feuerwehr muss bei Unfällen im Gebiet um den Sylvensteinspeicher zunächst alleine agieren. Die nächste Feuerwehr ist in Lenggries stationiert, mehr als 16 Kilometer entfernt. „Was die Einsatzkräfte da teilweise zu sehen bekommen, ist sehr belastend“, erklärt der zweite Lenggrieser Bürgermeister Franz Schöttl (CSU) in einer Pressemitteilung der Gemeinde zum Treffen mit Streibl in Fall.

„Man muss bedenken, dass diese Tätigkeiten nicht hauptberuflich ausgeübt werden. Das ist wirklich ein Unterschied.“ Die Einsatzkräfte der Feuerwehr sprächen sich aufgrund des kleinen Teams sogar darüber ab, wer wann in Urlaub gehe. Der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Fall, Christian Eberl, hatte zum Höhepunkt der Motorrad-Saison im August angesichts der zahlreichen schweren Motorradunfälle durch leichtsinnige Fahrer von einem „Missbrauch des Ehrenamts“ gesprochen.
Der Landtagsabgeordnete Streibl hatte auch die Ehrenamtsbeauftragte der bayerischen Staatsregierung mit nach Fall genommen. Gabi Schmidt schlug Supervision und Teambuildingmaßnahmen oder auch einen Aufenthalt im Feuerwehrerholungsheim vor, um die örtlichen Einsatzkräfte nach schweren Unfällen mental zu unterstützen.
Eine kleine Feuerwehr muss alleine agieren
Wenn etwas passiert, muss das Faller Feuerwehrteam laut Eberl meist die erste Viertelstunde alleine agieren. Unter den Ehrenamtlichen gebe es 16 Sanitäter. Daher sei das leistbar. Trotzdem schätze er es, dass die Lenggrieser Feuerwehr sein Team seit einigen Monaten unterstütze. Die Situation aber, glaubt der Kommandant, werde sich auch bei ständigen Kontrollen nicht ändern.
Die Schilderungen der Einsatzkräfte hätten ihn tief bewegt, erklärt Florian Streibl. „Wenn Ehrenamtliche sich absprechen müssen, wer wann in den Urlaub fährt, weil die Belastung durch schwere Motorradunfälle auf der Straße am Sylvensteinspeicher so hoch ist, dann besteht dringender Handlungsbedarf.“

