Moderner Unterricht in Geretsried:Mathe am Marktplatz

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In der "Lerninsel" gestalten die Fünftklässler der Realschule ihren Unterricht im eigenen Tempo: ohne Türen und Schuhe, dafür mit Materialien nach Wunsch. Nun müssen sie wegen des Schulumbaus umziehen.

Von Felicitas Amler

Kann eine Insel wandern? Am Schulzentrum Geretsried muss sie das sogar: Die "Lerninsel" der Realschule zieht an diesem Freitag vom Stammhaus an der Adalbert-Stifter-Straße in das direkt benachbarte Interimsgebäude, das für die Zeit des umfassenden Umbaus am Schulzentrum errichtet wurde. Die vier fünften Klassen, die seit Beginn des Schuljahrs nach dem modernen pädagogischen Konzept einer "Lerninsel" unterrichtet werden, dürften wenig Probleme haben, diesen Umzug zu meistern. Die Zehn- und Elfjährigen sind selbständiges Arbeiten und gemeinsames Anpacken längst gewohnt. Denn genau das ist es, was ihren Schulalltag vom Frontalunterricht unterscheidet.

Der elfjährige Dennis schätzt die Lerninsel deswegen: "Da kann jeder nach seinem Tempo arbeiten. In einer Klasse sind ja manche schneller, manche langsamer. Die, die früher fertig sind, können auf der Lerninsel auch den anderen helfen." Und das könne womöglich sogar besser sein, als wenn der Lehrer etwas erklärt, glaubt Deutsch- und Geschichtslehrerin Stefanie Kretzschmar, die zum Lerninsel-Team der Realschule gehört.

Alle Fächer bis auf Musik, Kunst und Sport, für die es Fachräume gibt, werden in dem großzügigen Bereich der "Insel" im ersten Stock unterrichtet. Von einem farbenfroh gestalteten "Marktplatz" aus geht es zwar in verschiedene Zimmer, es gibt aber keine Türen. Die Kinder sollen sich in offener Atmosphäre hin- und herbewegen, um nach eigener Einschätzung unterschiedliche Lernsituationen und -materialien zu nutzen. Die "30-Zentimeter-Stimme" ist dabei Pflicht. Soll heißen: Nie lauter sprechen, als es bei einem Abstand von 30 Zentimetern zueinander nötig ist.

Im Flur vor dem Marktplatz deutet eine große Ansammlung von Schuhen darauf hin, dass es drinnen leger zugeht. "Die Kinder sollen das Gefühl haben: Wir sind hier zu Hause", sagt Kretzschmar. Und so kommt auch Christine Venus-Michel, die stellvertretende Leiterin der Realschule, gerade strumpfsockig aus dem Zimmer, in dem sie ihre Mathe-Klasse auf die Prüfung des nächsten Tages vorbereitet.

Die beliebtesten Insel-Möbel sind offenkundig die Sitzsäcke, in die sich die Kinder fläzen können. Das sei bequemer als die harten Stühle, sagt Sammy, 11. Ob man da gut arbeiten kann? "Wir haben die Atlanten, auf die wir Blätter zum Schreiben legen können. Ich bin ganz zufrieden." Außerdem sind da auch noch die Tablets, mit denen die Schüler die Englisch-App nutzen können oder die Internet-Seite "Schlaukopf". Alles erlaubt, ja, ausdrücklich erwünscht.

Moderner Unterricht in Geretsried: Sieht nur auf den ersten Blick nach Faulenzen aus. Wer genau hinschaut, erkennt: Hier wird ernsthaft gelernt.

Sieht nur auf den ersten Blick nach Faulenzen aus. Wer genau hinschaut, erkennt: Hier wird ernsthaft gelernt.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Schüler bekommen immer montags einen Wochenplan, der ihnen das Thema des jeweiligen Fachs vorgibt, das sie sich in diesen fünf Tagen erarbeiten sollen. In Mathe waren es zuletzt Teiler und Vielfache. Die Kinder können dann zum Lernen unterschiedliche Medien verwenden, vor allem die vorbereiteten Seiten, die sie in den Hängeregistern - eins pro Fach - finden. Ob sie sich in Gruppen oder einzeln ans Werk machen, langsam oder schnell vorankommen, die Hilfe der Lehrerin beanspruchen, lieber ein Buch zu Rate ziehen oder das weltweite Netz, ist ihre eigene Entscheidung. Da hätten anfangs schon einige Eltern gestutzt, berichten Venus-Michel und Kretzschmar. "Die Hauptangst der Eltern war: Ihr seid nicht streng genug." Dabei, findet Kretzschmar, sei das Regelwerk der Lerninsel durchaus streng. "Die Kinder müssen sich viel mehr zurücknehmen", sagt sie. Sie müssen so leise sein, dass die anderen nicht beeinträchtigt sind; müssen also Rücksicht nehmen. Eine ebenso wichtige Lernerfahrung, meinen die Lehrerinnen, wie Selbstreflexion, Selbständigkeit, soziale Kompetenz.

"Vertrauen" ist für Venus-Michel ein Schlüsselbegriff. "Man muss die Kinder in den Lernprozess loslassen", sagt sie. "Man muss sie begleiten und nicht immer für sie etwas tun wollen." Die Konrektorin ist überzeugt davon, dass die Lerninseln "die Pädagogik der Zukunft" sind. Und vor allem: dass sich nur mit so einer fortschrittlichen Pädagogik der "kompetenzorientierte Lehrplan" erfüllen lässt, der vom kommenden Schuljahr in ganz Bayern gelten wird. Venus-Michel sagt aber auch nachdrücklich, dass das Kultusministerium gefordert sei, Geld und Mittel dafür zur Verfügung zu stellen. "Wir brauchen mehr Lehrer, um mit weniger Kindern arbeiten zu können."

Mehr Zeit für den einzelnen Schüler: Das ist es auch, was Stefanie Kretzschmar am Lerninsel-Konzept schätzt. Und dass Teamarbeit an Bedeutung gewonnen hat - nicht zuletzt im Kollegium. Die Wochenpläne werden gemeinsam erarbeitet. Und ebenso das Feedback, das jedes einzelne Kind alle 14 Tage bekommt. Da geht es um Konzentration, Sorgfalt und zügiges Arbeiten. Und bevor die Lehrer ihre Einschätzung äußern, muss jedes Kind sich selbst beurteilen - mit drei verschiedenen Smileys für gut, schlecht oder indifferent.

Moderner Unterricht in Geretsried: In der Gruppe lernen und bei Bedarf Rat suchen, das ist eine Lernvariante auf der Insel: Realschülerinnen mit Lehrerin Stefanie Kretzschmar.

In der Gruppe lernen und bei Bedarf Rat suchen, das ist eine Lernvariante auf der Insel: Realschülerinnen mit Lehrerin Stefanie Kretzschmar.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Marei Tomsu war nach eigenem Bekunden nie kritisch zur Lerninsel eingestellt. Für die Elternbeirätin, die selbst sechs Kinder hat, ist eins ganz eindeutig: "Jedes Kind ist anders." Und die Lerninsel werde diesen Unterschieden besser gerecht als die alte Form des Unterrichts, davon ist sie überzeugt. "Einer lernt lieber liegend auf dem Fußboden, der andere sitzend am Tisch. Der eine lässt sich gern von einem Film berieseln, der andere liest lieber ein Buch."

Die Schüler finden ihre Lerninsel jedenfalls "cool". Weil es dort bequem sei und Spaß mache, sagt Carolina, 10. Weil es keine überraschenden Exen gebe, erklärt Simon, 11. Weil man sich alles selbst einteilen darf, findet Lorena, 11. Und Daniele, 10, fällt noch ein: "Man kann die Tische rollen und sich zusammensetzen, mit wem man will." Möbel rollen wird er mit den anderen auch an diesem Freitag, diesmal allerdings gleich in ein anderes Gebäude.

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