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Mitten in Schäftlarn:Begegnung in Ketten

Die irrsinnige Geschichte eines geschenkten Kunstwerks

Kolumne Von Marie Heßlinger

Wer in China ein Geschenk bekommt, wird es zunächst verwehren. Der Schenkende muss insistieren. So unterscheiden sich Gepflogenheiten von Land zu Land. Und offensichtlich auch von Ort zu Ort in Oberbayern. Die Einwohner der Gemeinde Schäftlarn im Süden Münchens haben einen besonders bemerkenswerten Umgang mit Geschenken.

"Begegnung" heißen die beiden Eisenfiguren, die der Metallkünstler Rüdiger Lüst vor sieben Jahren baute und vor seiner Werkstatt in Ebenhausen aufstellte. Da trat ein Grüppchen von Schäftlarnern an ihn heran, unter ihnen auch Gemeinderäte, ob er die Statuen nicht entbehren könne - sie würden diese gerne auf den Bahnhofsplatz stellen, zu dessen Verschönerung sie sich berufen sahen. Lüst, selbst nicht in Schäftlarn wohnhaft, aber seit 2000 mit seiner Kunstschmiede gewerbetreibend im Ort, schenkte ihnen das 3000 Euro teure Kunstwerk. Sie stellten es auf. Allerdings ohne Halterung, und so plumpsten die beiden Figuren - sicherlich nicht ohne geschubst oder getreten zu werden - bald um. Furcht schlug nun um sich. Es könnte jemand von den 300-Kilo-Riesen erschlagen werden, warnte die Gemeinde. Die Statuen verschwanden.

Lüst bekam von alledem zunächst nichts mit, wunderte sich dann aber doch über ihren Verbleib. "Wir stellen sie wieder auf!", erhielt er als Antwort auf seine Fragen. Er ahnte nicht, dass sich seine Figuren zu diesem Zeitpunkt in nur zehn Metern Entfernung zu seiner zukünftigen Werkstatt aufhielten, in die Lüst in diesem Jahr zog. Die "Begegnung" war . . . auf der Kompostieranlage.

Dort stand sie, dann lag sie, damit sie nicht umfallen könne, im Dreck. Daraufhin stand sie wieder, und zwar an das Salzsilo angekettet. "Es war schon komisch", erinnert sich Lüst im Nachhinein an den Anblick seiner Statuen in Ketten. "Wenn man Kompost weggebracht hat, hat man sie gesehen, so seitlich drin, halt im Gebüsch." Bevor sie zu Schrott würden, bot Lüst der Gemeinde an, nehme er sie gerne zurück. Die Gemeinde verneinte, die "Begegnung" blieb, beim Kompost, in Ketten.

Dem neuen Bürgermeister Christian Fürst hat die "Begegnung" es nun zu verdanken, dass sie aus ihren Ketten befreit und von Lüst geölt wird. Im Oktober soll sie zurück auf den Bahnhofsplatz kommen, diesmal mit Sockel, damit sie niemanden erschlagen kann, wie noch immer befürchtet wird. Eine alte Telefonzelle will die Gemeinde ebenfalls auf dem Bahnhofsplatz als Bücherregal aufstellen. Im Gemeinderat war zu vernehmen: Jemand hätte da schon jemanden gefragt, ob Schäftlarn zwei Telefonhäuschen geschenkt haben könne.

© SZ vom 21.09.2020
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