Mitten in der Region Freiluft-Buffet für Meisen

Auch bei den Vögeln ist manches Tierchen gleicher als gleich

Kolumne Von ASTRID BECKER

Manche sind ja wirklich sehr privilegiert - und lassen das andere auch spüren. Die Rede ist nicht von den SUV-Fahrern, die drei Parkplätze brauchen, Pradatäschchen-Besitzerinnen, die sich über alle anderen Taschenträgerinnen aufregen, oder Menschen, die ganzjährig auf Kaviardiät schwören und nicht verstehen, warum sich andere anders ernähren.

Nein, es geht um Lebewesen wie Meisen, die sich wie Menschen durchaus voneinander unterscheiden. Die Tannenmeise zum Beispiel ist zwar imstande auf Zweigen mit dem Kopf nach unten zu turnen, eine Sportskanone ist sie aber nicht. Wenn sie zum Beispiel von einem Gehölz zum nächsten fliegt, also etwas größere Strecken hinter sich bringen will, wirkt das in etwa so elegant wie ein Mensch, der zum ersten Mal auf einem Stand-up-Paddelbrett steht. Schuld daran sind die kurzen Schwanzfedern der Tannenmeise, die sich nicht gerade prächtig zum Steuern eignen.

Das Problem kennt zwar auch die Kohlmeise, wenngleich die es weitaus geschickter versteht, aus der Not eine Tugend zu machen. Und zwar in allen Lebenslagen. Beim Brüten zum Beispiel vollführt sie akrobatische Verrenkungen, die nach zwei Wochen zum Erfolg führen. Und die Tannenmeise? Die lässt sich bei diesem Akt schon mal verjagen und überlässt ihre Brut dem Kleiber, der sie großherzig adoptiert - so zumindest haben es die Experten vom Landesbund für Vogelschutz bereits vor zehn Jahren beschrieben. Dieses Verhalten kann nur einen Grund haben: Die Tannenmeise hat Angst vor größeren Tieren. Sogar vor der Kohlmeise.

Die wiederum denkt sich herzlich wenig beim Anblick von anderen - mit Ausnahme von Sperbern, Mardern oder Katzen vielleicht. Der Mensch zum Beispiel ist ihr denkbar wurscht. Wenn der sich an einem der Supermärkte zum Einkaufen anschickt und seinen Wagen Richtung Eingang schiebt, bleibt sie einfach sitzen. Kein Wunder, schließlich liegen dort in der Auslage unter freiem Himmel Delikatessen in rauen Mengen herum. Sonnenblumenkerne zum Beispiel oder noch besser: Futterknödel. Der Traum jeder Meise.

Ein Gourmetschmaus, den der Meisenmann zwar keinem anderen, aber immerhin seiner Frau gönnt. Zwar schlafen beide in getrennten Höhlen, das Männchen holt das Weibchen aber jeden Morgen von ihrem Heim ab und geleitet es am Abend zurück. Zwischendrin zeigt er ihr schon mal den gedeckten Tisch am Supermarkt. Galant, oder? Und dabei lässt er sich auch nicht beirren. Nicht mal von Menschen, selbst wenn die mit SUVs, Pradataschen oder Kaviardosen ankommen. Hauptsache, nicht mit anderen Meisen.