Mitten in der RegionAlles wird immer teurer

Lesezeit: 1 Min.

Vielleicht liegt es ja an dieser seit zwei Jahren anhaltenden Endzeitstimmung, dass immer mehr Menschen ihre philanthropische Seite entdecken...

Glosse von Gerhard Summer

Ein Mädchen kauft im Schreibwarenladen ein, und es könnte gut sein, dass es von diesem irren Kiosk irgendwann noch seinen Kindern erzählen wird. Vor der Plexiglasscheibe, mit der sich der Inhaber vor Corona schützt und dem Raucherhusten älterer Kunden, hat sie ihre Schätze ausgebreitet, einen Katzenkalender und Glitzerzeugs. Der Mann an der Kasse rechnet und kommt auf 18 Euro. "Was, so viel?", sagt das Mädchen. Eine Dame hinter ihr räsoniert: "Mei, alles wird immer teurer!"

Die ersten zehn Euro legt die Kleine noch geschwind hin, aber dann greift sie zu einer Dose mit Münzgeld und kommt nur noch 20-Cent-weise vorwärts. Die Seniorin und zwei Männer, die ebenfalls im Laden warten, kramen schon in ihren Portemonnaies und holen Ein- und Zwei-Euro-Stücke hervor, die Frau sagt: "Ja, des is wie im Dritten Reich, da ham wir auch immer so viel g'sammelt". Einer der Herren verbittet sich das und reicht im Überschwang der Spendierlust 20 Reichsmark nach vorne, äh, pardon: Euro. Aber so viel ist gar nicht nötig, es fehlen nur noch 20 Cent. Als alles zusammen ist, dreht sich das Mädchen um und sagt mit Ernst in der Stimme: "Jetzt seid Ihr alle meine Freunde." Da ist der Moment, da alles restliche Kleingeld in drei Geldbeuteln schmilzt, als wäre es Silvesterblei.

Gut, natürlich kann man sich fragen, ob das erlaubt ist: dass ein Kind und drei Erwachsene in Pandemiezeiten in einem winzigen Laden herumlungern. Andererseits soll man sich nicht mit Kleinigkeiten aufhalten, wenn's ums große Ganze geht, also ums Karma. Denn eines Tages wird jeder vor seinen Schöpfer treten und auf die Frage antworten müssen, was er Gutes getan hat im Leben. Oder so ähnlich. Vielleicht liegt es ja an dieser seit zwei Jahren anhaltenden Endzeitstimmung, dass immer mehr Menschen ihre philanthropische Seite entdecken. Sie fahren hochbetagte Nachbarinnen zum Augenarzt. Nehmen riesige fremde Pakete an, die aussehen, als wolle das Pärchen nebenan sein Haus mit dorischen Säulen ausstatten. Und lassen im Supermarkt immer wieder Leute vor, die nur ein paar Sachen aufs Band legen. Ja, es soll schon zu Riesenstaus vor Warenkassen gekommen sein, weil sich Kunden weigerten vorzurücken und darauf beharrten, einen Großeinkauf zu machen. Klar, das alles rettet nicht das Klima und nicht die Welt. Aber so macht man sich Freunde.

© SZ vom 03.01.2022 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Gutscheine: