Mitten in der PandemieDie Zeichen der Zeit

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Der Coronologie sei Dank: Was der neu ausgerichtete Spam im Faxgerät über die aktuelle Lage verrät

Kolumne von Wieland Bögel

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In anderen Zeiten, als sich die Menschen statt vor kleinen Krankheitserregern vor großen Atomwaffen fürchteten, entstand im damaligen Westen die Disziplin der Kremlologie. Darunter verstand man die Kunst, zu verstehen, was der damalige Osten so vorhatte, was nämlich nicht ganz einfach war, weil offen sagte der das natürlich nicht. Weshalb die wenigen offiziellen Informationsschnipsel sowohl genauestens auf mögliche verbliebene Reste inoffizieller Informationen abgeklopft und mit Beobachtungen diversester Art angereichert wurden - mit unterschiedlichem Erfolg. In der aktuellen Lage ist es ebenso wenig einfach zu verstehen, was Sache ist, die einen sagen so und morgen anders, die anderen sagen, dass die einen Deppen sind und gestern auch schon waren, und die dritten sagen gar nichts, haben es aber schon immer gewusst. Helfen kann hier nur - wer am Anfang gut aufgepasst hat, ahnt es schon - die Coronologie.

Wie schon in der Kremlologie sind auch bei der Coronologie die offiziellen Verlautbarungen eher hinderlich. Stattdessen gilt es, Informationen quasi "unter dem Radar" abzugreifen. Sehr tief fliegt, um im Bild zu bleiben, dabei die Kategorie des Fax-Spam. Komplett digitalisierten Lesern sei erklärt: Beim Faxgerät handelt es sich um einen entfernten Vorfahren des Smartphones, der Nachrichten nicht auf einem kleinen Bildschirm darstellt, sondern dazu tatsächlich jedes Mal eine Seite Papier (was das ist, steht auf Wikipedia) bedruckt. Ähnlich sind sich beide darin, dass viel Werbemüll eingeht - wobei sich die Bezeichnung Müll bei unerwünschter Faxwerbung gleich doppelt aufdrängt, denn hier wird angeboten, was sich sonst wirklich keiner traut. Klassiker ist das Raser-Soforthilfe-Set, bestehend aus einem Radarwarngerät und Anti-Foto-Spezialfolie für die Nummernschilder. Auch die Mini-Spion-Kamera mit Infrarotfunktion wird gerne angeboten sowie jahreszeitlich wechselnder Krimskrams, zu Weihnachten die Fünf-Meter-Kunststoff-Tanne, unterm Jahr diverse Bastelutensilien, deren Zusammenstellung oft so wirkt, als habe jemand eine Baustelle ausgeräumt.

Nicht so seit der Corona-Krise, da ist die Produktpalette umgestellt worden. Drei Arten Mundschütze, verschiedene Sorten Desinfektionsmittel, alles angeblich hochwirksam, sofort lieferbar und das sogar in großen Stückzahlen. Statt auf Autobahnraser, Stalker und Messis - grundsätzlich eine solide Kundenbasis - setzt man also komplett auf Pandemiebedarf, was unter Zuhilfenahme der Coronologie folgende drei Antworten ergibt: Ja, die Maskenpflicht kommt auch für zu Hause; Ja, die Krise wird noch sehr lange dauern; und Nein, diese Information ist nicht verbindlich, kann aber binnen sechs Wochen bei Nichtgefallen zurückgefaxt werden.

© SZ vom 20.04.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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