Mitten in Bad TölzWer döst, qualmt nicht

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Stress und Sucht sind Gefahren, die in der modernen Hochleistungsgesellschaft lauern. Blöd, wenn der Hochleistungsjournalist das Seminar zum Thema wegen einer Stadtratssitzung verpasst.

Von Klaus Schieder

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Verflixt, jetzt haben wir schon wieder was verpasst. Vorigen Dienstag gab es einen Vortragsnachmittag zum Thema "Stress und Sucht" im Tölzer Landratsamt, mit einem Psychologen und einem Experten für Suchtkranke, der bis in die nikotingeschwängerte Haarspitze auf Leute wie uns zugeschnitten ist. Das war schon dem trefflichen Satz in der Ankündigung der Pressestelle zu entnehmen: "Die Anforderungen der modernen Leistungsgesellschaft wachsen in der modernen Hochleistungsgesellschaft rasant in die Höhe." Kaum jemand weiß dies besser als ein angejahrter Journalist, der zum verhaltenen Unmut seiner Chefs den Sprung zum modernen Hochleistungsjournalisten noch nicht recht hinbekommen hat, weil er in seinem Umgang mit Facebook und Twitter und Instagram immer wieder mal Murks baut. Das macht ihn depressiv, steigert rasant seinen Zigarettenkonsum und damit die Herzschlagfrequenz, was wiederum dazu führt, dass er noch mehr Online-Fehler macht. Ein wahrer Teufelskreis.

Da hätten ein paar Ratschläge womöglich geholfen. Aber an dem Nachmittag saßen wir zur selben Zeit im Tölzer Stadtrat, der sich mit der Aufhebung von drei, der Aufstellung von zwei und der Änderung von einem Bebauungsplan beschäftigte. Als Alternative war dieses Programm gar nicht so schlecht, barg es doch weder in sich selbst noch sonst irgendwelche Suchtgefahr. Merke: Wer döst, qualmt nicht. Andererseits wünscht sich ein Leistungsjournalist, erst recht ein Hochleistungsjournalist doch ein Thema, das herzschlagsteigernder ist und ihm nach dem Posten mehr als null "Gefällt mir"-Klicks einbringt. Die Pressemitteilung des Landratsamts gibt auch dazu einen Hinweis: Stress im Job rühre nicht zuletzt von den hohen Maßstäben her, die der Einzelne sich selbst auferlege. Was daraus folgen soll, steht leider nicht da. Weil wir die Vorträge nicht gehört haben, müssen wir darüber selbst nachdenken. Am besten, wir fahren erst mal den Computer, dann uns selbst für ein paar Minuten herunter. In einer Zigarettenpause, versteht sich.

© SZ vom 29.04.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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