Mitten in Bad Tölz:Stress am stillen Örtchen

Nach vielen Monaten des Umbaus ist in den neuen Tölzer WC-Anlagen alles sauber. Doch das Alleinstellungsmerkmal hat es in sich...

Glosse von Klaus Schieder

Vor ein paar Jahren noch war der Besuch einer öffentlichen Toilette in Bad Tölz ganz simpel: Man öffnete mit der rechten Hand die Tür, hielt sich mit der linken die Nase zu, achtete als Mann auf drei Meter Abstand zur Rinne und stützte sich mit dem linken, äh nein, rechten Handballen vorsichtig an der Fliesenwand ab. In dieser 45-Grad-Haltung war es einem sodann vergönnt, die unzweideutigen Dating-Versuche irgendeines Filzstiftbesitzers zu studieren. Diese Art von Geschäften ist in Bad Tölz passé, seit die Stadt mehrere Hunderttausend Euro investiert hat, um ihre WC-Anlagen zu erneuern. Eine Summe, die wahrlich nicht im Klo runtergespült wurde, wie man am Zentralparkhaus sehen kann.

Nach vielen Monaten des Umbaus ist in den Kabinen alles sauber. Kein Geruch, keine Lachen, kein glitschiges Papier auf dem Boden. Alles ist up-to-date: Für Wasser, Seife, Trockner gibt es jeweils eigene Buttons, die Toilettenschüsseln sind selbstreinigend und die Wände vermutlich filzstiftresistent. Das Alleinstellungsmerkmal am sanierten WC-Häuschen neben dem Parkhaus ist jedoch der neue Schließmechanismus. Auf den ersten Blick sieht er einfach, ja nahezu primitiv aus: "Tür öffnen" steht über einem Knopf mit grünem Licht, "Tür verriegeln" über einem mit rotem Licht. Alles klar? Mitnichten. Das musste so mancher Tourist erfahren, der in diesem Corona-Sommer nach Tölz kam und sein Auto im Parkhaus abstellte. Er ging naiverweise auf die Kabine mit dem grünen Licht zu, drückte die Klinke nach unten, konnte aber nicht die Tür öffnen. In seiner Not rüttelte er, rüttelte und rüttelte, bis drinnen jemand genervt schrie: "Verdammt noch mal, hier ist besetzt." Ein kurzer Kontrollblick auf den Knopf neben der Tür: grünes Licht. Also mal gerüttelt. Die abermalige Antwort des Klobesetzers wird an dieser Stelle aus Jugendschutzgründen nicht wiedergegeben.

Wer trotz allem eine freie Kabine bekommt, ist auch nicht viel stressfreier dran. Es zeugt allerdings von wenig kreativem Verstand, drinnen den roten Knopf zum Türverriegeln zu drücken. Das führt in dem modernen WC am Parkhaus auch nicht dazu, dass die Tür verriegelt wird. Sie bleibt vielmehr offen und schließt logischerweise erst, wenn der grüne Knopf gedrückt wird. Oder auch nicht. Ein älteres Ehepaar hatte leider nicht genug Zeit, um alle Optionen zu testen, weshalb die Frau auf die Toilette ging und der Mann draußen Wache stand. Das musste er jedoch den Wartenden erklären, was nicht so ganz einfach war - wegen dem grün leuchtenden Knopf neben der Außentür.

Vielleicht denkt die Stadt noch einmal nach und regelt den Besuch des WC künftig digital. Dann könnte man übers Smartphone den Gang dorthin buchen und über irgendeinen Download die Tür schließen. Obwohl: Effektiver wäre vermutlich ein Schlüssel.

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