Süddeutsche Zeitung

Mitten in Bad Tölz:Einkaufserlebnis in Hamster-Zeiten

Manchem ehemaligen DDR-Bürger mag das sehr bekannt vorkommen

In dem Tölzer Supermarkt, in dem wir normalerweise shoppen, geht es mit den Einkaufswagen manchmal zu wie in den Stoßzeiten auf dem Mittleren Ring in München. Vor lauter Kunden ist kein Vorwärtskommen, kein Vorbeikommen, kein Hinten- oder Außenrumkommen. Überall Stau. Da bleibt viel Zeit, um die Maserungen auf einer Bio-Gurke zu studieren oder das Faulen einer Rispentomate zu verfolgen. In Zeiten des Coronavirus hat sich das Verkehrschaos mit den Einkaufswagen zwar nicht geändert, nur gibt es jetzt keine Bio-Gurken mehr und nur noch zwei Rispentomaten, allerdings nicht so ganz frisch, versteht sich. Die letzten Zitronen haben auch schon schwarze Stellen. Ansonsten zeugen nur Restbestände von Stängeln und sonstigem Grünzeug davon, dass in den leeren Kisten einmal Karotten lagen und ... oh, da krabbeln ja auch ein paar Insekten ...

Jene Kunden, die noch in DDR-Zeiten aufwuchsen, mögen dieser Tage eine verformte Art des Déjà-vu erleben. Im real existierenden Sozialismus unterschieden sich Fliesengeschäft und Metzgerei ja gar nicht, nun mögen sie befürchten, dass dies im real existierenden Kapitalismus bald auch auf Discounter-Märkte und unbenutzte Lagerhallen zutrifft. Neugierig, wie wir sind, steuern wir auf die Hygieneabteilung zu, weil wir gehört haben, dass der Deutsche in einer Quarantäne vor allem Klopapier benötigt, um sich zu ernähr ... . pardon, über die Runden zu kommen. Und tatsächlich, da gibt es bloß Küchentücher. Immerhin. Geht ja zur Not auch. Leider sind auch alle Gewürze von ihrem angestammten Ort verschwunden. Vermutlich ebenfalls gehamstert, man weiß hierzulande ja nie, siehe WC-Rollen. Aber nein, sagt eine Mitarbeiterin, dieses Regal habe man woanders aufgebaut. In diesen Zeiten? So schenkt man dem Kunden ein Gratis-Glücksgefühl.

An der Kasse übt das Virus dagegen zivilisatorischen Einfluss aus. Früher konnte es passieren, dass uns der ungeduldige Hintermann seinen Einkaufswagen in die Kniekehle schob. Nun halten alle Abstand voneinander. Nur das junge Pärchen hinter uns nicht. Zum Dank haben wir mal trocken gehustet. In die Armbeuge natürlich.

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Quelle:
SZ vom 14.03.2020
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