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Mitten im Alltag:Die ach so zauberhafte Nanny

Erst macht sie einem Verlockungen, und wenn man sie braucht, ist sie weg...

Glosse Von Jakob Teterycz

Ob man nun will oder nicht, sie ist ein ständiger Begleiter der heutigen Zeit. Ein Teil der modernen Gesellschaft. Sie ist facettenreich und bietet unglaubliche Möglichkeiten. Sie vermag das Leben der Menschen effizienter zu gestalten und zu erleichtern - zumindest, wenn man weiß, wie. Die thematisierte Materie ist im Grunde wie eine zauberhafte Nanny. Wenn man sie gerade nicht will, flutet sie einen mit ausgeklügelten Möglichkeiten und gaukelt vor, sie wäre ach so nützlich. Erzählt einem, wie praktisch ihre Vorzüge doch seien oder auf welche Weise der Arbeitsalltag bereichert werden könne. Wenn man sie allerdings will, nach diesen verlockenden Angeboten greift, dann muss sie gehen. Man hat von den Möglichkeiten und der Magie der zauberhaften Nanny gekostet, doch nun beginnt alles, den Bach hinunterzugehen.

Wie könnte es auch anders sein, die Rede ist natürlich von der modernen Technik. Von wegen "Wunder der Technik"! Sie funktioniert doch einfach nie, wie man es gern hätte. Kaum hat man eine wichtige Abgabe, funktioniert der Drucker nicht. Oft ein ansteckendes Problem, denn im Moment der größten Verzweiflung streikt geräteübergreifend auch noch der Computer. Ist man nachts mit dem letzten Zug an einem trostlosen Bahnhof gestrandet, hat man keinen Handyempfang. Ist man in einer prekären, zeitlich getakteten Situation, so ist der Akku der neuen Smartwatch leer. Von technischen Schwierigkeiten während des Online-Unterrichts oder Videokonferenzen muss gar nicht erst anfangen werden.

Hat man denn schon einmal von einem Buch gehört, das keinen Datenzugriff mehr hat? Einer Zeitschrift mit Akku? Dem gestörten Empfang eines Wollknäuels mit den dazugehörigen Stricknadel-Antennen? Das ist wohl zu bezweifeln.

Ja, schon toll von diesen neuen technischen Spielereien, einen in den ungeeignetsten Augenblicken zu verlassen. Da lobt man sich doch die gute alte "Technik", die immer für einen da ist. Denn neu ist meistens schlechter - zumindest, was die Verlässlichkeit angeht.

© SZ vom 18.11.2020

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