Existenznot Günstige Wohnung verzweifelt gesucht

Einer alleinerziehenden Tölzerin droht der Umzug ins Obdachlosenheim. Der ältere Sohn macht demnächst Abitur, der jüngere weiß erst seit Kurzem, dass sie aus der alten Bleibe raus müssen.

Von Alexandra Vecchiato

Es ist eine hübsche Wohnung unterm Dach, nicht groß, aber gemütlich. Melanie S. (Name geändert) hat ein Händchen für Details. Dekorieren bereitet ihr Freude - doch geht es dabei um so viel mehr. Ihren beiden Söhnen ein Zuhause zu schaffen, dafür tut die 50-Jährige alles. Diese kleine Welt, die sie für sich und ihre Kinder nach der Scheidung unter schwierigen Umständen erschaffen hat, gerät aus den Fugen. Ihr Vermieter hat auf Eigenbedarf geklagt, das Verwaltungsgericht in Wolfratshausen ihm recht gegeben. Ende der Woche steht der Gerichtsvollzieher vor der Tür. Melanie S. muss mit ihren beiden elf- und 17-jährigen Söhnen das gemeinsame Zuhause räumen. Eine neue Wohnung hat sie bislang nicht gefunden. Wer von Sozialleistungen lebt, hat kaum Chancen auf dem Tölzer Mietmarkt.

Die Geschichte der 50-Jährigen steht für die Schicksale vieler anderer Sozialhilfeempfänger im Landkreis, die auf der Suche nach günstigen Mietwohnungen sind. Leer gefegt ist der Markt in Bad Tölz, wo die Mietpreise in den vergangenen Jahren kräftig angezogen haben. Das treffe nicht nur Alleinerziehende, sagt Barbara Stärz von der Caritas-Beratungsstelle für Wohnungslose. Familien, Alleinstehende, Rentner, junge Erwachsene in Ausbildung - wer ein geringes Einkommen hat, hat es sehr schwer in der Kurstadt. Sogar die klassische Mittelschicht, ohne soziale oder anderweitige Probleme, müsse sich enorm anstrengen, bezahlbaren Wohnraum zu bekommen. Stärz ist die Ansprechpartnerin für Menschen, die ihre Wohnung zu verlieren drohen. Früher sei ihr klassisches Klientel alleinstehende Männer gewesen. Personen, die aufgrund von Suchterkrankungen arbeitslos geworden seien und daraufhin ihre Wohnung verloren hätten. Nun seien es genauso viele Frauen wie Männer. Das habe sich "ganz schön verschoben".

Vor zwei Jahren erhielt Melanie S. das Schreiben ihres Vermieters, dass sie aus der Wohnung raus müsse. Mit Attesten konnte sie die Kündigung hinauszögern. Denn ihr Jüngster ist krank. Er leidet an Gleichgewichtsstörungen, Migräne und anderen Symptomen. Der Elfjährige hat Operationen hinter sich, die nächste steht im April an. Ihr Ex-Ehemann hat seit zwei Jahren keinen Unterhalt mehr bezahlt. Aber irgendwie hat es immer gereicht. Die Situation der Familie spitzte sich zu, als die 50-Jährige Ende Juli vergangenen Jahres ihren Job im Service eines Tölzer Sanatoriums verlor.

Betreut wird Melanie S. von Sozialpädagogin Ilka Öhrlein von der Diakonie Oberland. Sie half der Alleinerziehenden Briefe an Landrat Josef Niedermaier und den Tölzer Bürgermeister Josef Janker mit der Bitte um Hilfe zu verfassen. "Es gibt viele Menschen im Landkreis, die mit dieser Dringlichkeitsstufe auch auf Wartelisten für Wohnungen stehen", sagt Öhrlein. Sie könne nur immer wieder Melanie S. aufzubauen versuchen, dass der Umzug in eine Notunterkunft nicht das Ende sein muss.

Doch genau so empfindet es die 50-Jährige. Sie kann nicht verstehen, warum das Verwaltungsgericht entschieden hat, dass sie mit ihren beiden Söhnen in ein Obdachlosenheim ziehen soll. Drei Personen in einem Zimmer. "Ich verliere meine Kinder", sagt sie. Der 17-Jährige stehe vor dem Abitur. "Wo soll er lernen", fragt sie. Dem Elfjährigen hatte sie bis vor Kurzem noch verschwiegen, dass sie ihre Wohnung verlassen müssen.

Der Druck, eine neue Bleibe finden zu müssen, hat Spuren hinterlassen. Melanie S. schläft kaum noch. In ihrer Heimat Slowakei hat sie als junge Frau Pädagogik studiert. Studieren, das sollen auch ihre Kinder. Für sie will sie stark sein und ist doch am Ende ihrer Kräfte. Seit einem Jahr sucht sie nach einer neuen Wohnung, auch außerhalb der Kurstadt. Sie hat kein Auto, wäre daher lieber in Bad Tölz geblieben. Jetzt ist ihr fast alles recht. So würde sie gerne den Haushalt bei Senioren führen, wenn sie dafür mit ihren Kindern ein Dach über dem Kopf hätte. "Aber die meisten wollen keine Kinder."

Sie steht auch auf der Warteliste der Baugenossenschaft Lenggries. Wie lang diese ist, dazu möchte Maria Haubner vom Vorstand der gemeinnützigen Genossenschaft keine Auskunft geben. Man könne nie sagen, wann eine der 1036 Wohnungen frei wird. Haubner bestätigt, dass die meisten Anfragen Bad Tölz beträfen.

500 Euro Kaltmiete beträgt die Mietobergrenze derzeit für einen Drei-Personen-Haushalt. Wegen der Dringlichkeit darf Melanie S. mit Zustimmung der Behörden mit 650 Euro kalkulieren. Immer noch schwierig, sagt Öhrlein. "Dabei gibt es keinen verlässlicheren Partner als das Jobcenter, was das regelmäßige Überweisen der Miete angeht."

Wer der dreiköpfigen Familie helfen möchte, kann sich bei Ilka Öhrlein unter oehrlein@diakonie-oberland.de melden