"Mental Health Parcours":Sporteln für die seelische Gesundheit

digitaler Spendenlauf ReAL

Symbolische Eröffnung des digitalen Spendenlaufs mit den Real-Geschäftsführern (vorne) Eva-Marie Torhorst und Andreas Munkert.

Der Tölzer ReAL-Verbund solidarisiert sich mit einem digitalen Spendenlauf mit psychisch kranken Menschen

Von Dorothea Gottschall

Ob bei Menschen erhöhter Blutdruck oder eine Schizophrenie festgestellt wird, macht zunächst diagnostisch keinen großen Unterschied. Beide Phänomene sind weitestgehend wissenschaftlich erforscht und können klar erkannt und behandelt werden. Doch als ob der Einschnitt in die eigene Gesundheit nicht herausfordernd genug wäre, macht einer schizophrenen Person neben der Erkrankung häufig eine Stigmatisierung zu schaffen - einer der Gründe, warum es den Welttag der seelischen Gesundheit gibt. Damit soll alljährlich am 10. Oktober ein Zeichen für einen transparenten und solidarischen Umgang mit den Betroffenen gesetzt werden.

Die gemeinnützige Tölzer GmbH ReAL - kurz für Rehabilitation, Arbeit und Leben - beteiligt sich unter dem Titel "Mental Health Parcours" mit einem digitalen Spendenlauf. Der Erlös fließt in die sozialen Projekte des Verbunds. ReAL kann gewissermaßen als geschützter Raum verstanden werden, der seine Klienten mit verschiedenen rehabilitativen und arbeitstherapeutischen Methoden sowie individuellen Betreuungsangeboten in die Gesellschaft integrieren möchte.

Wie dieses Konzept konkret gelingen kann, wird bei einem Blick auf den Werdegang von Markus R. bei ReAL deutlich. Seit der gelernte Fliesenleger im Jahr 2009 eine Psychose erlitt, hat sich in seinem Leben vieles verändert. Während eines Klinikaufenthalts wurde er auf das Programm bei ReAL aufmerksam. Dass ein erneuter Anlauf im Handwerksbetrieb fehlschlug, da er einen psychotischen Rückfall erlebte, hielt R. nicht davon ab, sich als Praktikant in verschiedenen Bereichen des Verbunds auszuprobieren: "Mir hat die Arbeit als Fliesenleger sehr viel Spaß gemacht. Alle waren eigentlich sehr verständnisvoll, aber die Art zu arbeiten erzeugte zu viel Druck", berichtet er.

Sinnvolle Arbeit, soziale Kontakte

Die Praktika bei ReAL sind ein Angebot des Fachbereichs Arbeit und folgen den Methoden der Arbeitstherapie. "Die Klienten haben eine geordnete Tagesstruktur, erledigen sinnvolle Tätigkeiten und knüpfen soziale Kontakte. Auch einfache Serienarbeiten können schon bei Menschen mit psychischen Erkrankungen Großes bewirken", sagt Therapeut Eric Isler, einer der beiden Fachbereichsleiter. Kooperationen mit ortsansässigen Unternehmen ermöglichen den Klienten einen Einblick in verschiedene Tätigkeiten. Als Isler vor wenigen Jahren auf der Suche nach einer Alternative zu den sonst eher monotonen Montagearbeiten war, konnte er Soul Spice für eine Kooperation gewinnen. Bad Tölz ist heute der einzige Manufakturstandort des nachhaltigen Gewürzunternehmens, und ReAL verantwortlich für Lagerung, Abfüllung und das Mischen der Zutaten: "Für psychisch Erkrankte ist diese Art von Arbeit viel ergiebiger. Allein die Farben, Düfte und Geschmäcker sind ein Erlebnis."

Die Unternehmensethik setzt auf ein gesundes Wachstum. Doch die Produkte stoßen auf so viel Resonanz, dass allein in diesem Jahr vier neue Personen eingestellt werden konnten. Einer von ihnen ist Markus R. "Vor knapp zwei Jahren habe ich Eric als Praktikant noch beim Mischen geholfen. Begonnen wurde mit niederschwelligen Aufgaben." Isler nennt diese Phase der Arbeitstherapie "Belastungserprobung". Heute ist R. hauptverantwortlich für die Gewürzmischungen und betreut andere Praktikanten.

Markus R. und Isler teilen den Eindruck, die Stigmatisierung psychisch kranker Menschen lasse nach. Dennoch sei das "Schubladendenken" nach wie vor viel zu groß. "Viele Unternehmen reagieren skeptisch, wenn es darum geht, Menschen in psychischer Behandlung einzustellen", erklärt R. Und Isler zitiert einen regionalen Arbeitgeber: "Die Leute machen mir nur mein Material kaputt." Um Vorurteile gezielt abzubauen, bietet die Manufaktur einen wöchentlichen Werksverkauf an. Dabei gehe es nicht um Profit, sondern darum, dass die Öffentlichkeit den dortigen Alltag erleben kann - mittwochs von 13 bis 16 Uhr, freitags von 8 bis 12 Uhr an der Kolpingstraße 1 in Bad Tölz.

Interessierte können am digitalen Spendenlauf noch bis Sonntag, 7. November, teilnehmen. Dafür müssen sie ein Teilnahmeticket erwerben und die atlasGO-App herunterladen. Anschließend sammeln die Teilnehmer mit diversen sportlichen Aktivitäten auf digitalem Weg grüne Schleifen. Für die fleißigsten Sportler gibt es am Ende Preise.

Details zum Spendenlauf und zur Gewürz-Manufaktur im Internet: www.real-verbund.de

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