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Mein Europa:Förmliche Deutsche, duzende Dänen

Torben Lauridsen über kulturelle Unterschiede und die europäische Einigung.

Von Ingrid Hügenell

28 Mitgliedsstaaten hat die Europäische Union, als vorerst letztes Land kam 2013 Kroatien dazu. Vom 22. bis 25. Mai dürfen gut 507 Millionen Menschen das Europa-Parlament neu wählen. Die Grenzen sind offen, wer will, kann sich in einem anderen Land der EU Wohnung und Arbeit suchen. Menschen aus den meisten Mitgliedsstaaten leben auch im Landkreis. Die SZ stellt einige von ihnen vor.

Meetings laufen in dänischen Firmen komplett anders ab als in deutschen, sagt Torben Lauridsen. "In dänischen Meetings redet man viel und weiß hinterher nicht, was entschieden wurde." Für deutsche Meetings gebe es eine Agenda, ein Protokoll und eine To-do-Liste. Die Dänen wüssten nach einem Meeting dennoch, was zu tun sei, man fühle sich verantwortlich und führe seine Aufgabe weiter. Und: Dänische Teilnehmerlisten sind nach dem Vornamen sortiert.

Der Däne Lauridsen lebt seit 30 Jahren in Deutschland, seit 20 Jahren in Eurasburg. Der 57-jährige Betriebswirt hat eine eigene Firma und berät auch dänische Unternehmen, die in der Metropolregion München ins Geschäft kommen wollen. "Man denkt, zwischen Deutschland und Dänemark gebe es nicht viele kulturelle Unterschiede. Das stimmt nicht", sagt er. Was er darüber sage, sei zwar überspitzt, aber auch zutreffend. Die Sache mit den Teilnehmerlisten zum Beispiel: Dänen duzen sich auch im geschäftlichen Bereich - doch komme es bei Business-Kontakten mit Deutschen nicht gut an, wenn der Däne sich gleich mit dem Vornamen vorstelle. "Das geht in deutschen Unternehmen gar nicht", sagt Lauridsen

. Viele Dänen erscheinen zum Termin in einem deutschen Unternehmen nicht mit Jackett und Krawatte, dafür gerne mal mit bunten Socken. Titel wie Doktor oder Professor sind für sie nicht wichtig. "Das die in Deutschland wirklich verwendet werden, ist dem Gros der Dänen völlig unbekannt." Das Resultat: Der Däne werde als unprofessionell wahrgenommen - zu Unrecht. "Der Däne sieht den Deutschen als steif, der Deutsche den Dänen als Clown." Das führe zu Gesprächen, die nicht so produktiv seien.

Weitere Probleme könne es geben, wenn die Deutschen Referenzen oder Zertifikate haben wollten. "Die Objektivität und Sachlichkeit der Deutschen wird oft als Kritik aufgefasst." Deutsche füllten im Beruf eine Rolle aus, Dänen hielten ihre Persönlichkeit nicht zurück: "Die dänische Kultur ist eine Freundlichkeitskultur, die deutsche eine Höflichkeitskultur." In der dänischen Gesellschaft herrsche große Gleichheit und Solidarität. Lauridsen sagt, man spreche von "Mutter Dänemark", der Staat sorge für seine Leute wie eine Mutter. Der Deutsche habe ein Vaterland, mit einem Staat wie ein strenger Vater.

"Die europäische Einigung finde ich wunderbar", sagt Lauridsen. "Wir kriegen dadurch ein europäisches Deutschland, kein deutsches Europa." Der wirtschaftliche Austausch funktioniere durch die EU viel reibungsloser. Zwar sei die Bürokratie deutlich spürbar. Lauridsen ist aber überzeugt, dass es ohne die EU durch Zölle und nationale Vorschriften in der Summe viel mehr Bürokratie gäbe. Dass es früher Grenzkontrollen gab, "habe ich fast vergessen." Und auch, dass die europäischen Nachbarn sich in ihrer Geschichte immer wieder bekriegten. "Ein Krieg zwischen europäischen Ländern ist undenkbar geworden. Das ist eine große Errungenschaft." Natürlich gehe er am 25. Mai zur Wahl.

Lauridsen ist Däne geblieben. Zwar hätte er gerne die deutsche Staatsangehörigkeit, doch die dänische wolle er dafür nicht aufgeben. Am Fenster seines Arbeitszimmers hängt eine kleine dänische Flagge. Den Danebrog hisse man in Dänemark immer, wenn es was zu feiern gebe, erklärt er. Oder man winke damit der überaus beliebten Königin zu. Diese übrigens siezen auch die Dänen, trotz ihrer großen Volksnähe. Wenn Margrethe II. ihre Silvester-Ansprache hält, sitzt auch Torben Lauridsen alljährlich am Fernseher. Und obwohl er schon 30 Jahre in Deutschland lebt und mit einer Deutschen verheiratet ist, bekommt er dann feuchte Augen.

© SZ vom 14.05.2014
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