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Mehr als ein Hobby:Die mit den großen Ohren

Ein Mann in seinem Element: Der Eurasburger Albin Hartmann hat mit seinen Weißen Riesen schon einige Preise gewonnen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Weiße Riesen sind Albin Hartmanns Spezialität. Der Vorsitzende des Schäftlarner Zuchtvereins hält seit mehr als 30 Jahren Kaninchen.

Bevor Albin Hartmann einen der Käfige öffnet, beruhigt er seine Weißen Riesen. "Keine Sorge, ich bin's doch nur", sagt er und krault die Kaninchen erst dann am Kopf. "Man muss versuchen, alle gleich zu behandeln." Das gilt gerade vor Ostern, dem Fest der Fruchtbarkeit, wie es der Vorsitzende des Schäftlarner Zuchtvereins B33 nennt.

Hartmann war nie jemand, der in ein Fitnessstudio rennen und Gewichte stemmen würde. Er geht auch nicht gerne Joggen. Sein Sport ist das Züchten. Dabei muss er sich bücken, um das Futter für seine Deutschen Riesen zu holen, und strecken, um jeden der mehr als 30 Käfige zu erreichen. Im Moment hält er in seinem Garten in Baierlach etwa 40 Riesenkaninchen. Den hölzernen Schuppen und die 90 auf 120 Zentimeter großen Käfige hat er selbst gebaut. "Ich hatte lange Zeit große Probleme mit meinem Rücken", sagt der 72-jährige Rentner. "Aber jetzt hält mich die Arbeit mit den Kaninchen fit."

Das liegt auch daran, dass manche seiner Tiere um die zehn Kilo wiegen und mehr als 70 Zentimeter lang sind. Allein die Löffel können etwa 20 Zentimeter groß werden. Früher hat er noch die Rasse Helle Großsilber gezüchtet, bis er auf die Deutschen Riesen umgestiegen ist. Wer im Jahresbericht des Kaninchenzuchtverbandes Kreis München blättert, stößt immer wieder auf Albin Hartmann. 2017 kam er bei den Züchtern des Jahres auf Platz zwei und gewann die jeweiligen Ehrenpreise des Landes- und Kreisverbandes.

Hartmann führt den Schäftlarner Verein schon seit 1992. Aber die Zeiten haben sich geändert. "Früher haben wir selbst im Kloster Veranstaltungen und Schauen gemacht," erzählt er. Von den Schäftlarner Züchtern lebe heute leider keiner mehr. Gegründet wurde der Verein im Jahr 1942, während des Zweiten Weltkriegs. Bis heute gab es nur drei Vorsitzende, Albin Hartmann inklusive. Mittlerweile seien im Club ohnehin nur noch fünf Mitglieder aktiv. "Es fehlt an Nachwuchs." Ohne einen familiären Bezug komme heute kein junger Mensch mehr auf die Idee, Züchter zu werden, sagt er. Umso mehr freut es ihn, dass seine Enkelin auch schon 15 Kaninchen hat. Sie stehe vor der Schule auf, um sie zu füttern. Die Tiere seines Enkels Sebastian sind auch in dem hölzernen Schuppen in seinem Garten untergebracht. "Er wurde in Leipzig Vizemeister in der Jugend", sagt der Großvater stolz.

Auch Hartmanns Enkel Sebastian hat Kaninchen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Albin Hartmann ist ein Wettkampftyp. Er misst sich gerne mit anderen. 2007 wurde eines seiner Kaninchen zur besten Weißen Riesin Europas gewählt. In der Holzhütte mit den Käfigen hängen bunte Plaketten, auf denen "Bayernsieger" oder "Klassensieger" steht. In Straubing wurde er auch mal Bayerischer Meister, Preisgeld: 250 Mark. Aber um Geld gehe es ihm nicht, sagt der Rentner. "Ich mag das Zutrauliche der Kaninchen." Wie lange er das noch machen will? Ans Aufhören denkt Hartmann jedenfalls noch nicht. Aber: Wenn einem das Züchten irgendwann zur Last werden sollte, müsse man reagieren. "Die Tiere würden das merken." Allein das Füttern dauert jeden Tag pro Mahlzeit etwa 45 Minuten.

Auch in diesem Jahr stehen wieder Ausstellungen an, die der Rentner mit seinen Weißen Riesen besuchen will. Eine ist in Hamburg. Um daran teilzunehmen, müssen immer mindestens vier Kaninchen dabei sein. Der Eurasburger nimmt meistens gleich acht mit. Vor Ort werden dann Gewicht, Körperform, Fellhaar, Länge, Löffel und Pflegezustand von einer Jury bewertet. Neben Hartmanns Weißen Riesen gibt es auch andere Rassen, die ähnlich klangvolle Namen haben: Graue Wiener, Zwergwidder, Kleinsilber, Lothringer, Lohkaninchen, Farbenzwerge, Röhnkaninchen, Sachsengold, Schwarzgrannen, Alaska oder Kleinchinchilla. Und für Rasse gibt es natürlich auch Schauen.

"Ein Tennisspieler kann seinen Schläger in die Ecke werfen, wenn er schlecht gespielt hat", sagt Hartmann. "Bei uns Züchtern ist das anders. Auch wenn eines der Tiere weniger gut bewertet wurde, nehme ich es natürlich wieder mit nach Hause und kümmere mich darum." Bei den Ausstellungen können auch Kaninchen gekauft werden. Das macht der Vorsitzende des Schäftlarner Kaninchenzuchtvereins aber nur, wenn er wirklich weiß, dass die Leute gut mit ihnen umgehen.

An der Decke des Holzschuppens haben sich Spinnweben breitgemacht. Aber das habe alles seinen Sinn, erklärt der Züchter. "Sie helfen, Mücken, Fliegen und andere Insekten fernzuhalten." Wenn Hartmann eines seiner Tiere zum Schlachten verkauft, dann zieht er selbst das Fell ab. An Weihnachten gibt es auch manchmal Kaninchenrollbraten, erzählt er. Das falle ihm dann schon ein bisschen schwer, aber gehöre eben auch dazu.

Schon seine Eltern sind mit vielen Tieren aufgewachsen. Der Vater kommt aus Pfarrkirchen, die Mutter aus Kehlheim. Hartmann war eines von zehn Kindern. Früher hat er Fußball gespielt und ist geritten, auch bei der Leonhardifahrt in Bad Tölz. Dann kam er zu den Kaninchen und damit auch mit Menschen aus aller Welt zusammen, die seine Leidenschaft teilen. Besonders gut versteht sich der Rentner mit einem ungarischen Züchter. "Der ist bei mir auch mal vorbeigefahren, als ich nichts zu verkaufen hatte", sagt Hartmann. "Sondern einfach nur zum Reden."