bedeckt München
vgwortpixel

Mauerfall:"Verkauft die Polizei jetzt Bananen?"

Eine Ausreise über Ungarn kam für Ines Lobenstein nicht in Frage. "Wir hatten die Grenze nicht so vor der Tür und auch keine Verwandtschaft im westlichen Teil", sagt sie. "Deswegen war das nie Thema."

(Foto: Hartmut Pöstges)

Ines Lobenstein hat den Mauerfall vor 30 Jahren als junge Mutter in Halle an der Saale erlebt. Die Menschentraube vor der Inspektion konnte sie sich zunächst nicht erklären.

Ines Lobenstein ist gerade auf dem Weg zur Mütterberatung, um ihren drei Wochen alten Sohn vorsorglich untersuchen zu lassen, als sich eine riesige Menschenschlange vor der Polizeidienststelle in Halle bildet. Normalerweise werden dort Pässe ausgestellt und normalerweise sind so viele Menschen nur dann anzutreffen, wenn irgendwo besondere Güter verkauft werden. Das passt für Lobenstein nicht zusammen. Und so ist ihre erste Reaktion auf die Ereignisse im November 1989: "Verkauft die Polizei jetzt Bananen?" In der Mütterberatung wird sie schließlich von der Ärztin über die Situation aufgeklärt: Die Mauer sei gefallen. Wieder zu Hause schaltet Lobenstein den Fernseher ein und ist fassungslos. Danach kommt die Freude darüber, dass etwas passiert. Nur was genau das ist, weiß sie in dem Moment nicht.

Ines Lobenstein leitet in Wolfratshausen die Wohungslosenhilfe der Caritas. Sie wurde 1966 in Halle an der Saale geboren und wuchs dort, wie sie sagt, in Sicherheit und ohne Armut auf. In ihrer Jugend nahm sie an etlichen organisierten Reisen teil: Ukraine, Kaukasus, Rumänien, Ungarn. Nur nach Westdeutschland ging es eben nicht. Aber für noch mehr Reisen habe ihr auch die Zeit gefehlt, sagt sie, und Überlegungen, in den Westen auszuwandern, habe es in ihrer Familie nicht gegeben. "Wir hatten die Grenze nicht so vor der Tür und auch keine Verwandtschaft im westlichen Teil. Deswegen war das nie Thema." Erst im Sommer 1989, als in Ungarn die Grenze geöffnet wurde, nahm sie vermehrt wahr, wie auch Leute aus ihrem Umkreis in den Westen strebten. Sie arbeitete im Kindergarten, und plötzlich waren einige Kinder nicht mehr da, deren Familien über die Grenze geflohen waren. Eine Kollegin lud sie auf einen Kaffee ein und erzählte davon, in Ungarn Urlaub zu machen. Lobenstein sagt, sie habe damals geahnt, was eigentlich hinter diesem Treffen steckte. Aber für eine ausdrückliche Verabschiedung habe in dieser Zeit das Vertrauen in andere Leute gefehlt. Auch ihre Eltern hielten sich im Sommer 1989 in Ungarn auf, aber tatsächlich nur, um Urlaub zu machen. Sie wurden dort von Bekannten gefragt, ob diese sie zur Grenze bringen sollten. Die Eltern lehnten ab. Zu Hause wartete ja ihre hochschwangere Tochter.

Massenflucht von DDR-Bürgern an der ungarisch-österreichischen Grenze, 1989

Schon im August 1989 flüchteten rund 500 DDR-Bürger über die ungarisch-österreichische grenze in den Westen.

(Foto: DPA)

Diese gebar im Oktober 1989 ihren ersten Sohn. So war der Mauerfall für die junge Mutter auch mit Unsicherheiten und Ängsten verbunden. Fragen kamen auf: Was würde aus ihrer sozialen Sicherheit werden? Würde das Ganze friedlich über die Bühne gehen? "Da war einfach mein Nestbau gefährdet", erklärt Lobenstein. Trotzdem war sie davon überzeugt, dass sich alles regeln würde. Nach dem Zusammenschluss der beiden deutschen Staaten habe sie immer versucht, mit dem Wandel zu gehen. Mit ihren 23 Jahren war sie dazu gut in der Lage. Sie weiß aber auch, für andere war das schwieriger.

Trotzdem warteten auch auf Ines Lobenstein einige Herausforderungen. Ihre Ausbildung zur Erzieherin war plötzlich nicht mehr anerkannt, und ihre erste Reise nach West-Berlin war, wie sie sagt, in vieler Hinsicht eine Reizüberflutung. Überall hing Werbung, die Menschen waren bunter und im Supermarkt gab es eine riesige Auswahl an Obst und Gemüse. Bald darauf änderte sich aber auch ihr alltägliches Leben in Halle. Während in der DDR vieles vorgegeben war, musste sie nun ständig Entscheidungen treffen. Früher sei sie einfach in den Supermarkt gegangen und habe saisonal gekocht, erinnert sie sich, nun konnte sie plötzlich zwischen Roulade, Schnitzel und mehr entscheiden. Dieses Überangebot sieht die heutige Sozialpädagogin und engagierte Flüchtlingshelferin kritisch.

Zehn Jahre ist sie nach der Wende noch in Halle geblieben. Ihr Sohn hat dort die Grundschule besucht. Wenn sie diese Zeit mit ihrer eigenen Schulzeit vergleicht, kann sie nicht viele Unterschiede feststellen. Zwar war sie in ihrer eigenen Kindheit in das Pionierleben eingebunden, ihr Sohn aber in das Vereinsleben. Beide besuchten sie dort verschiedene Freizeitangebote. Dass diese in der DDR mit ideologischen Ideen verbunden waren, habe sie als Kind kaum wahrgenommen, sagt sie. Erst private Gründe zogen die Sächsin schließlich nach Wolfratshausen. Hier hat sie nun ihre Heimat gefunden und wünscht sich, dass sich die Leute irgendwann nicht mehr als Ost- und Westdeutsche, Ungarn oder Afrikaner bezeichnen, sondern einfach als Menschen.