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Mathias Tretter:Apokalypse mit Balsamico-Spray

Sanfter Beginn, abgedrehter Schlusspunkt: Mathias Tretter beim Auftritt in Bad Tölz.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Der Kabarettist plaudert in Bad Tölz über Alltags-Absurditäten und die ganz großen Katastrophen.

Von Lea Utz

Schon der Auftakt ist ein Spiel mit dem Kontrast: Wagners triumphaler "fliegender Holländer" schallt donnernd durch den Gewölbekeller des Tölzer Gasthauses, als Mathias Tretter ins Scheinwerferlicht tritt. Er selbst wirkt dagegen erst mal eher harmlos - auch, wenn er den Wichtigtuer mimt und sich passend zum Programmtitel "Selfie" zum Mittelpunkt des Universums erklärt. Fernziel: Apotheose, ganz im Wagnerschen Sinne.

Man ahnt bereits, was nun folgen wird: Der derzeit beliebte Feldzug gegen die Selbstinszenierung im digitalen Zeitalter. Das stimmt auch, aber nur zum Teil. Denn die Oberflächlichkeiten des Alltags sind Tretters Sprungbrett zur Systemkritik, zu bissiger, kluger und alles andere als harmloser Politsatire.

Vergleichsweise sanft nimmt der Abend Fahrt auf. Tretters gut gelaunte Frotzeleien drehen sich um die allgegenwärtige Selbstoptimierung: Um Selfies, Belfies (Selbstportraits mit Hintern) und Selfie-Sticks - die "fotografische Entsprechung des Nordic Walkings". Jedes Ereignis, jedes Pseudo-Erlebnis muss ins Netz, ohne Smartphone kann keiner mehr. Ein Symptom der Postdemokratie. Und dann sind da noch Tretters Besuche beim Neurologen: Nach unzähligen Merkel-Parodien läuft ihm morgens inzwischen der Kaffee aus den herunterhängenden Mundwinkeln.

Von der elektrischen Kaffeemühle und dem Balsamico-Spray führen Tretters Geschichten mitten rein ins politische Tagesgeschehen. Das allerdings wirkt zum Teil fast nichtig angesichts globaler Katastrophen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit und Krieg, die Tretter zum Mantra seines Programms erhebt. Über Horst Seehofer rege er sich deshalb nicht mehr auf. "Sie stehen ja auch nicht im dritten Stock eines brennenden Hauses und schimpfen mit dem Hamster, weil er die Tapete angeknabbert hat."

Stattdessen macht Tretter elegant die ganz großen Fässer auf, ohne dabei zu belehren. Stichwort Wachstumsdebatte - die Apokalypse kommt. Und dann ist da noch die Flüchtlingskrise. Wortgewandt rattert der Kabarettist durch eine Rangfolge "guter" und "schlechter" Fluchtgründe, die den Begriff des "Wirtschaftsflüchtlings" ad absurdum führt.

Was nach schwerer Kost klingt, kommt bei Tretter zum Brüllen komisch daher. Beinahe befreiend albern und zugleich bitterböse sind seine Ergüsse über den IS und den Terror. Auch, weil ihm mühelos der Sprung zurück zum Unverfänglichen gelingt. Dann gibt er einen eineinhalbminütigen Faust in Jugendsprache nach dem Konjugationsschema "ich so, du so, er so" und "Ich geh Aldi" zum Besten.

Dieses breite Themenspektrum verwebt der gebürtige Würzburger durch szenisches Erzählen geschickt zu einem großen Ganzen. Seine altbekannten Figuren, der fränkische Trendexperte Rico und der sächselnde Dauerkiffer Ansgar, erwachen wieder zum Leben. Sie philosophieren im wahrsten Sinne des Wortes über Gott und die Welt und entwickeln dabei eine herrlich-schräge Patchwork-Religion, "den achtfachen Pfad zu den fünf Säulen der Dreifaltigkeit".

Völlig abgedreht gerät der Schlusspunkt, dem eine zweifache Zugabe folgt, ein absurdes Zukunftsszenario in Form einer nervtötenden Radio-Morningshow. Darin hat auch Angela Merkel ihren großen Auftritt - "Mundwinkel-Lähmung" hin oder her. Das Fazit: Mit Mathias Tretter wird die Apokalypse zumindest eine unterhaltsame Angelegenheit.

© SZ vom 15.10.2016
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