Süddeutsche Zeitung

Martin Walter beigesetzt:Abschied von einem emsigen Zeitzeugen

Eine riesige Trauergemeinde begleitet die Feier im Gedenken an den Geretsrieder Geschichtsforscher. Sybille Krafft erinnert an die Kindheit im Lager Föhrenwald

Fast auf den Tag genau zwei Jahre ist es her, dass der Arbeitskreis Historisches Geretsried (AHG) mit dem Tod von Franz Rudolf eines seiner aktivsten Mitglieder verloren hat, nun hat das Team einen weiteren schweren Verlust erlitten: Martin Walter, langjähriger Bauamtsleiter und geschäftsführender Beamter im Rathaus, begeisterter Sport-Organisator und Übungsleiter beim TSV Wolfratshausen, vor allem aber unermüdlicher Erforscher der Geretsrieder Geschichte, ist nach schwerer Krankheit im Alter von 76 Jahren gestorben. Am Freitag wurde er im Kreise einer riesigen Trauergemeinde auf dem Waldfriedhof beigesetzt.

Wie groß das Interesse an seiner Arbeit war, hatte sich zuletzt noch im Frühjahr gezeigt: Nahezu 120 historisch interessierte Bürger führte Walter trotz seiner Krankheit durch entlegene Gegenden der Stadt, um auf die letzten baulichen Zeugnisse einer unseligen Vergangenheit aufmerksam zu machen: die Fragmente der beiden NS-Rüstungswerke, die nach der Kapitulation zum größten Teil gesprengt und demontiert wurden. Walter kannte die Historie der Stadt nicht nur aus Akten und Archivunterlagen, er hat einen Teil der Ortsgeschichte noch als Zeitzeuge und aus mündlicher Überlieferung selbst miterlebt - er wurde 1942 im Lager Föhrenwald geboren, dem heutigen Wolfratshauser Ortsteil Waldram, der nach 1937 zunächst als Wohnanlage für Mitarbeiter der Rüstungswerke, nach Kriegsende als Auffanglager für Displaced Persons, für Flüchtlinge aus aller Welt, wurde, insbesondere für jüdische NS-Opfer.

Momente dieser für Walter unbeschwerten Jugend schilderte Sybille Krafft, die Vorsitzende des Waldramer Badehausvereins und des Historischen Vereins Wolfratshausen, den Trauergästen mit bewegten Worten: An diesem Ort des Schreckens und der unheilvollen Verwerfungen, der einstigen Zufluchtsstätte für NS-Opfer, habe sich eine Freundschaft zwischen zwei Buben entwickelt, die doch eigentlich durch einen Zaun getrennt waren - zwischen dem jungen Martin, dessen Vater noch in der Rüstungsfabrik gearbeitet hatte, und Boris, einem jüdischen Kind. Es war eine unzertrennliche Beziehung, die ein Leben lang halten sollte, der langjährige Freund war nun, selbst schon ergraut, bei der Beisetzung Walters zugegen. Da sei "ein modernes Märchen wahr geworden, ein Stück Hoffnung und Menschlichkeit in einer von Misstrauen erfüllten Welt", sagte Krafft.

AHK-Mitglied Wolfgang Pintgen würdigte die Begeisterungsfähigkeit, mit der Walter die Geretsrieder Geschichte zu vermitteln gewusst habe. Diese Hingabe sei ein großes Glück gewesen, denn das Thema Munitionswerke sei für das Selbstverständnis der Stadt auch heute noch ungemein wichtig - die Reste der Rüstungsfabriken seien ja noch präsent, und auch die Infrastruktur der Stadt zeuge von den Planungen der Munitionsfabriken. Um dies alles darzustellen, sei es nötig gewesen, "eine Datenmenge aufzuarbeiten, die uns alle fast erschlagen hat". Innerhalb von zwei Jahren habe Walter dann aber mitgeteilt, dass er gemeinsam mit Franz Rudolf die Vorarbeiten erledigt habe. Es sei "eine enorme Arbeit, die da geleistet wurde". Neben alledem sei Walter aber auch ein ungemein herzlicher und geradliniger Mensch gewesen, sagte Pintgen - der Arbeitskreis habe nicht nur einen wertvollen Mitarbeiter verloren, sondern auch einen Freund.

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Quelle:
SZ vom 27.08.2018
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